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Kriminalität Brasilien – Schweiz, zur Prostitution gezwungen

Die meisten Opfer des Menschenhandels in der Schweiz kommen aus Osteuropa, Brasilien, Thailand und Ostasien.

(Ti-Press / Gabriele Putzu)

Die Schweiz ist das zweitwichtigste Destinationsland für Menschenhandel aus Brasilien. Das ist das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie des brasilianischen Justizministeriums. Ein Phänomen, das die Schweizer Behörden beschäftigt.

Zwischen 2005 und 2011 sollen mindestens 475 Personen, vor allem Frauen, mit Gewalt oder Täuschung gezwungen worden sein, Brasilien zu verlassen, zur sexuellen Ausbeutung oder als billige Arbeitskraft. Davon wurden 337 zur Prostitution im Ausland gezwungen.

Die Schweiz steht an der Spitze dieser Liste. Mit 127 registrierten Fällen ist sie das zweitwichtigste Destinationsland für Menschenhandel aus Brasilien hinter Surinam, einem Transitland für die Destination Niederlande (133 Opfer).

An dritter Stelle steht Spanien (104), gefolgt von den Niederlanden (71). Die Mehrheit der Opfer stammt aus den brasilianischen Regionen Pernambuco, Bahia und Mato Grosso do Sul.

Eine erstmals zu diesem Thema gemachte Studie, die Anfang Oktober veröffentlicht wurde, konnte dank den Daten des brasilianischen Justizministeriums, des UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) sowie der Behörden in den verschiedenen Destinationsländern realisiert werden.

Gleiche Muster bei Opfer und Tätern

Das Profil der Opfer folgt laut der Studie einem präzisen Modell: Es handelt sich meistens um Mädchen respektive Frauen zwischen 10 und 29 Jahren, ledig und mit niedrigem Bildungsniveau und Einkommen.

Die Kriminellen dagegen entsprechen zwei Typologien: Rekrutierung und Menschenhandel werden üblicherweise von Frauen geführt, während die Männer sich um die "zweite Phase" kümmern: die Kontrolle der Aktivitäten, zu denen die Opfer gezwungen werden.

Die brasilianische Regierung betont, dass es sich bei diesen Zahlen lediglich um die Spitze des Eisbergs handelt. "Die Studie basiert einzig auf jenen Fällen, die bei den Sicherheitsorganen und den Opferhilfe-Zentren angezeigt wurden. Viele Fälle bleiben noch immer im Dunkeln", sagt Fernanda dos Anjos, Leiterin des brasilianischen Justizdepartementes.

Justizminister Paulo Abrão stimmt überein: "Eine der Charakteristiken des Menschenhandels ist tatsächlich die Unsichtbarkeit, das Schweigegelübde der Opfer."

Von Osteuropa in die Schweiz

Über den Menschenhandel in der Schweiz gibt es wenige bestätigte Daten. Das Phänomen bleibt oft im Verborgenen, und die Opfer bekunden aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen Mühe, die Verbrecher anzuzeigen.

Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) schätzte für das Jahr 2002 die Anzahl der Opfer von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung auf 1500 bis 3000.

In den letzten Jahren haben die Schweizer Kantone jedoch ein starkes Anwachsen der Zahl von Prostituierten festgestellt, die auf dem Gebiet aktiv sind. Es wird befürchtet, dass dies im Zusammenhang steht mit einer Zunahme des Anteils von Ausländerinnen und Ausländern in der Schweiz, die durch Täuschung oder gegen ihren Willen in unser Land geschafft wurden.

Gemäss dem Fedpol-Jahresbericht 2011 kommt der grösste Teil der nachgewiesenen oder mutmasslichen Opfer aus Osteuropa (vor allem aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien), aber auch aus Brasilien, Thailand und Ostasien. Eine Einschätzung, die auch von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) in Zürich bestätigt wird, der einzigen auf dieses Thema spezialisierten Organisation in der Schweiz.

Laut Fedpol-Bericht bleibt der Menschenhandel eine Aktivität, die beträchtlichen Profit bringt, dies mit relativ geringen strafrechtlichen Risiken. Auch in der Schweiz scheint in diesem Milieu das Schweigegelübde vorzuherrschen. In den letzten drei Jahren (2009-2011) wurden laut dem Bundesamt für Statistik 147 Anzeigen erstattet. Vom Jahr 2000 bis heute wurden lediglich 66 Personen wegen Menschenhandels verurteilt.

Schweizer Unterstützung und internationale Zusammenarbeit

Zur Bekämpfung dieses Phänomens hat die Schweiz die internationale Zusammenarbeit mit den Hochrisikoländern verstärkt und seit dem 1. Oktober dieses Jahres einen "Nationalen Aktionsplan gegen Menschenhandel" erstellt. Dieser strebt unter anderem die Verschärfung der Strafverfolgung von Tätern und einen besseren Schutz der Opfer an.

Überdies hat die Schweiz zwischen 2008 und 2011 die Arbeit des UNODC in Brasilien aktiv unterstützt. Zusammen mit Norwegen und Schweden hat die Schweiz einen jährlichen Beitrag von 50'000 Euro an den brasilianischen Aktionsplan gegen den Menschenhandel geleistet, den das lateinamerikanische Land 2008 lanciert und bis 2013 verlängert hat.

Laut dem Koordinator der UNODC-Justizabteilung in Brasilien, Rodrigo Vitória, war der Beitrag der Schweiz und anderer europäischer Länder entscheidend für die Bekämpfung des Menschenhandels. Dank dieser finanziellen Hilfe habe das UNODC in mehreren Städten des Landes Sensibilisierungs-Kampagnen organisieren und sich an der Ausarbeitung einer gezielten Strategie beteiligen können.

"Brasilien macht eine gute Arbeit bei der Bekämpfung des Menschenhandels: Das Land revidiert die Gesetzgebung und hat neue Stellen in diesem Bereich geschaffen. Es ist eine interessante Erfahrung, gerade auch weil der Aktionsplan gegen den Menschenhandel das Resultat eines Partizipationsverfahrens war", sagt Rodrigo Vitória.

Brasilien sei auf gutem Weg. "Das Land versucht die Reihen der Polizeikräfte zu erweitern, um die Ermittlungen gegen den Menschenhandel zu verbessern", so der UNODC-Koordinator.

Profitabler Handel

Der Menschenhandel besteht im Rekrutieren, Anbieten, Transportieren und Beherbergen von Menschen mit dem Zweck der Ausbeutung.

Ausgebeutet wird auf drei Arten: arbeitsmässig, sexuell oder beim Organhandel.

Gemäss den Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind rund 21 Mio. Menschen Opfer von Zwangsarbeit und Menschenhandel (Juni 2012). Davon sind rund 5,5 Millionen noch nicht 18-jährig, werden rund 4,5 Mio., vor allem Frauen und Kinder, sexuell ausgebeutet und befinden sich rund 880'000 in der EU.

Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) schätzte für das Jahr 2002 die Anzahl der Opfer von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung auf 1500 bis 3000.

Obschon keine exakten Daten vorliegen, wird geschätzt, dass in der Schweizer Prostitution zwischen 13'000 und 25'000 Personen tätig sind.

Nach dem Waffen- und dem Drogenhandel gilt der Menschenhandel als die drittgrösste Branche, was die Höhe der Profite betrifft.

Laut Schätzungen des UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) werden weltweit mit dem Menschenhandel rund 6,75 Mrd. Dollar umgesetzt.

Infobox Ende


(Mitarbeit: Stefania Summermatter, Übertragung aus dem Italienischen: Jean-Michel Berthoud), Rio de Janeiro, swissinfo.ch


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