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Grüne Woche Berlin "Ach, nur Käse und Schokolade"

Die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Bundesrat Guy Parmelin lassen sich eine Rosette vom Tête de Moine dreh

Was für die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ein neues kulinarisches Erlebnis ist, kennt der Schweizer Wirtschaftsminister und ehemalige Winzer Guy Parmelin (rechts) aus dem Effeff. 

(Keystone / Hayoung Jeon)

Die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft präsentiert sich in Berlin auf der "Grünen Woche" als ungebrochenes Käse- und Schokoladenidyll und pflegt das Bild der heilen Welt.

Draussen pfeifft ein kalter Winterwind über das unwirtliche Berliner Messegelände, doch in der Halle 4, die der Schweiz als Schaufenster dient, ist die Welt in Ordnung: Von grossflächigen Plakaten schauen glückliche Kühe mit bestickten Hörnern in wunderbaren Alpenlandschaften auf die Besucher hinab. 

Hinter langen Theken verkaufen Frauen und Männer, viele in Trachten, Schokoladen-Spezialitäten und Käse: Appenzeller, Emmentaler, Gruyère, Tête de Moine. In einer Ecke können Besucher wie einst Wilhelm Tell mit einer Armbrust auf eine Zielscheibe schiessen und erhalten zur Belohnung einen Apfel. 

Noch ein Gläschen Wein dazu und der gestresste Messebesucher vergisst für ein paar Minuten die Realität.

Seit 22 Jahren präsentiert sich die Schweizer Landwirtschaft auf der Grünen Woche und zwar mit jenen Spezialitäten, für die man im Ausland berühmt ist und von denen genügend für den Export produziert wird: Das Gros der Schweizer Agrarprodukte bleibt für den heimischen Konsum im Land.

Gemäss Agrarberichtexterner Link des Bundesamtes für Landwirtschaft bildeten 2018 Genussmittel den grössten Teil der Schweizer Nahrungsmittelausfuhren. Unter den Genussmitteln waren es vorwiegend Kaffee mit 2299 Millionen Franken sowie Schokolade und kakaohaltige Nahrungsmittel mit 844 Millionen Franken. Milchprodukte wurden im Wert von 708 Millionen Franken exportiert.

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"Hier gibt es ja nur Schokolade und Käse, wie im letzten Jahr", sagt ein Besucher zu seiner Begleiterin und macht auf dem Absatz kehrt. Wer beides nicht mag, ist hier fehl am Platz. 

Andere zieht genau das in die Schweizer Halle. Sie stehen geduldig an, um ein ins Käsefondue getunktes Stück Brot über die Theke gereicht zu bekommen. Kostenlos, so wie es früher viel mehr kleine Leckereien auf der Messe gab. 

Die Grüne Woche hatte einst den Ruf, dass man sich quer durch die Hallen an den Ständen der Welt satt essen konnte. Diese Zeiten sind vorbei. Heute muss man hier die meisten dargereichten Spezialitäten käuflich erwerben. So auch das mit geschmolzenem Käse (Raclette) gefüllte Brötchen an einem anderen Stand, das dennoch reissenden Absatz findet.

An einem langen Tisch wird Käse geschmolzen und auf Brötchen geschüttet.

Die mit geschmolzenem Käse (Raclette) gefüllten Brötchen finden reissenden Absatz.

(swissinfo.ch)

Minister drehen Tête de Moine-Rosetten

Auch am Stand des Schweizer Käses Tête de Moine gibt es eine Gratis-Probe für die Besucher.  André Burkhalter ist wie alle hinter der Theke in eine Mönchskutte gehüllt und nicht ganz glücklich über die Platzierung in der Ecke der neuen Halle. 

Die sonst von der Schweiz genutzte, zentral gelegenere Fläche wird in diesem Jahr umgebaut. Doch Burkhalter hat einen Coup gelandet: Zur Messeeröffnung stoppte die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit Bundesrat Guy Parmelin beim Ministerrundgang an seinem Stand und mass sich im Rosetten-Drehen des Tête de Moine: das perfekte Bild für die Medien. 

Eigentlich hätte die Delegation zum Armbrust-Schiessen antreten sollen, aber das war der Messeleitung dann doch zu martialisch. Käsehobeln schien da unverfänglicher.

"Ihr Schweizer habt es gut“, hören wir immer wieder, sagt Burkhalter. Er kommt mit dem Tête-de-Moine-Stand seit vielen Jahren nach Berlin auf die Grüne Woche. Die Reaktion der deutschen Besucherinnen und Besucher sind so romantisch wie die Präsentation der Schweizer Landwirtschaft, weiss er. 

"Die Leute schwärmen von uns", sagt Burkhalter. Doch die hohen Preise der Schweizer Produkte seien durchaus ein Thema für die Discounterpreis-gewöhnten deutschen Verbraucher: "In Deutschland sind Lebensmittel ja viel zu billig", sagt Burkhalter. 

Der Tête de Moine hat dennoch seine Liebhaber. Wie für fast alle Schweizer Lebensmittel ist auch für diese Käsespezialität Deutschland der grösste Exportmarkt.  800 Tonnen der im vergangenen Jahr exportierten 1500 Tonnen Tête de Moine gingen zum grossen Nachbarn.

Das ist durchaus typisch, wie die Handelsbilanz zeigt: 58% der Schweizer Nahrungsmittel-Exporte endeten 2018 in der EU, 56% davon wiederum in Deutschland, Frankreich und Italien. In diesem Trio ist Deutschland mit Abstand der grösste Abnehmer.

"Auch bei uns gibt es Probleme"

Am Stand des Schweizerischen Bauernverbandes, der 52'000 Bauernfamilien des Landes vertritt, weiss man um das idealisierte Bild der Deutschen von der Schweizer Landwirtschaft. Immer wieder heisst es von den Besuchern: Ihr habt es gut. Bei euch ist die Welt noch in Ordnung, erzählt dort Julia Neufeld. Doch so simpel sei es ja nicht. "Auch bei uns gibt es moderne Produktionsbedingungen und Probleme, wie das Hofsterben", sagt sie.

Renate Mäder und Georg Günther

Renate Mäder und Georg Günther schwärmen von ihren netten  Nachbarn im Süden und der Schweizer Landschaft. 

(swissinfo.ch)

Die Unkenntnis der meisten Deutschen über ihren kleinen Nachbarn kommt den Schweizer Vermarktern dabei durchaus zugute. Während eidgenössische Medien ausführlich über die Konflikte in der deutschen Agrarpolitik berichten, über Massentierhaltung, Glyphosateinsatz und Bauernproteste, herrscht in der Gegenrichtung ein Unwissen über die Schweizer Landwirtschaft, das viel Raum für romantisierende Bilder bietet. 

Kaum ein deutscher Konsument kennt die Rahmenbedingungen bäuerlichen Wirtschaftens in der Schweiz. Um die Diskussionen beim kleinen Nachbarn über Umweltschutzstandards, Pestizide im Grundwasser und Agrar-Subventionen wissen nur Experten. 

Für das Gros der Verbraucher scheint die  Schweiz auf einem anderen, intakten Planeten zu produzieren. "Unser Image hilft durchaus bei den auf Nachhaltigkeit bedachten deutschen Konsumenten", sagt Jürg Frei von Agrarmarketing Suisse. Und so pflegt man es gezielt.

Auch bei Renate Mäder und Georg Günther fängt das Bild der heilen Schweizer Agrarwelt. Mitsamt einer grossen Schweiztasche legen sie an einem Stehtisch bei Käse und Wein eine Pause auf ihrem Messerundgang ein. Das Ehepaar hat die Halle gezielt angesteuert. "Eine traumhafte Landschaft und so nette Leute", schwärmt Renate Mäder von der Schweiz, und es schmecke einfach wunderbar. 

Die Beiden haben Freunde in Winterthur und kennen die Schweizer Spezialitäten von ihren Besuchen. Es liegt wohl auch an dieser persönlichen Verbindung, dass sie eidgenössische Produkte so mögen, vermutete Georg Günther. "Dafür nehmen wir dann auch die höheren Preise in Kauf."

Die Grüne Woche in Berlin ist die weltgrösste Messe für Ernährungs- und Landwirtschaft sowie den Gartenbau. In diesem Jahr präsentierten sich auf über 12'900 Quadratmeter Ausstellungsfläche 1800 Aussteller aus 72 Ländern.  

Die Trendthemen 2020 waren Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und umweltfreundliche Produktion. Seit 1999 wird der Schweizer Auftritt von der Organisation Agro-Marketing Suisse (AMS) koordiniert, der Vereinigung der landwirtschaftlichen Branchenorganisationen der Schweiz.

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