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Integration in den Arbeitsmarkt


Neuer Schwung für Berufslehren für Flüchtlinge




Teilnehmer einer Flüchtlingslehre im Gastrobereich zeigen ihre Kreationen. ()

Teilnehmer einer Flüchtlingslehre im Gastrobereich zeigen ihre Kreationen.

Nach einem ersten Versuch vor etwa zehn Jahren will die Schweiz einen neuen Anlauf nehmen und Flüchtlingen Zugang zum System der Lehrlingsausbildung verschaffen. Dies wird allerdings nicht über Nacht geschehen.

In ihrem Heimatland Kuba war Tamila Garcia Quintero Bibliothekarin. Das war, bevor sie als politischer Flüchtling das Land verlassen hatte und mit ihrer Mutter und Tochter vor 15 Jahren in der Schweiz gelandet war.

"Ich ging immer wieder in das Arbeitsvermittlungsbüro und suchte nach Stellen, konnte aber nie etwas finden", erzählt sie im Gespräch mit swissinfo.ch über die ersten Jahre ihres Lebens in der Schweiz. Es wurde klar, dass sie hier keine Stelle in dem Bereich finden würde, in dem sie in Kuba gearbeitet hatte.

Daher meldete sie sich 2006 für eine einjährige so genannte Flüchtlingslehre an, in der ihr Grundkenntnisse für eine Arbeit in der Gastrobranche vermittelt würden – und zum Abschluss würde sie ein Diplom erhalten. Es handelte sich um ein vom damaligen Justizminister Christoph Blocher angestossenes Pilotprojekt an drei Standorten in der Schweiz. Ziel des Pilotprojekts war, Integrationsmassnahmen und das Erlernen einer Landesprache zu kombinieren mit dem "Lernen durch Handeln", wie es in der traditionellen Lehrlingsausbildung geschieht.

Zur ersten Klasse in dieser Lehre im Gastrobereich gehörten Flüchtlinge aus aller Welt – Iran, Sri Lanka, Tibet, Togo, Türkei. Das einzige Element, das sie verband, war, dass sie alle Flüchtlinge waren, die in der Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung erhalten hatten und Arbeit suchten.

Als das Pilotprojekt 2006 lanciert wurde, waren etwa drei Viertel der offiziell anerkannten Flüchtlinge im Land arbeitslos. Und die Zahlen wurden seither nicht besser: Eine Studie des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) von 2014 zeigte, dass trotz vieler Ausbildungsangebote auf kantonaler Ebene nur etwa einer von fünf Flüchtlingen in den ersten fünf Jahren nach der Ankunft in der Schweiz – die Zeitspanne, in der die Landesregierung rechtlich für die Flüchtlinge zuständig ist – eine Stelle gefunden hatte. 

Im Dezember 2015 stimmte die Regierung (Bundesrat) daher einer Neulancierung der Pilotprogramme für "Flüchtlingslehren" zu. Im Rahmen einer landesweiten Initiative sollen Flüchtlinge, die Arbeit suchen, mit Arbeitgebern zusammengebracht werden, die Arbeitskräfte suchen.

Angesichts der aktuellen Lage – jeden Tag kommen mehr Asylsuchende ins Land, und ein grösserer Prozentsatz als in der Vergangenheit bleibt schliesslich in der Schweiz – besteht eine gewisse Dringlichkeit. 

Und immer mehr Unternehmen mit Sitz in der Schweiz – vor allem in gewissen Wirtschaftszweigen – haben Mühe, Lehrlinge zu finden. Dazu kommt der Entscheid des Schweizer Stimmvolks, das vor zwei Jahren beschlossen hatte, die Zuwanderung aus der Europäischen Union zu begrenzen und einheimischen Arbeitskräften den Vorrang zu geben. 

"Angesichts dieser Abstimmung bat man uns abzuklären, wie wir neben den bestehenden Angeboten das Arbeitsmarktpotential von Flüchtlingen effizienter und spezifischer nutzen könnten", sagt Eric Kaser, Vizeleiter der Sektion Integration im Staatssekretariat für Migration (SEM).

Sein Team fand zwei Lücken im System: Das Erlernen einer Sprache wird nicht früh genug angegangen, und es werden nicht genügend Verbindungen geknüpft zwischen den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes und den Fähigkeiten und Kenntnissen der Flüchtlinge.

Grundlagen schaffen

Garcia Quintero stimmt zu, dass das Sprachenlernen entscheidend ist.

"Es war gut, dass wir in der Klasse gemischt waren, was Alter und Hintergrund anging", sagt sie, als sie an ihre Lehre von 2006 zurück denkt. "Aber es wäre noch besser gewesen, wenn alle etwa gleich gute Deutschkenntnisse gehabt hätten."

Kaser erklärt, die Migrationsbehörde halte es für wichtig, mit der Ausbildung von Flüchtlingen so rasch als möglich zu beginnen, idealerweise schon, bevor der Entscheid gefallen ist, ob jemand in der Schweiz bleiben kann. Das wirft aber schwierige rechtliche Fragen auf, denn technisch erlaubt das aktuelle Ausländergesetz in der Schweiz  nicht, dass Flüchtlinge eine Ausbildung beginnen können, bevor sie eine dauerhafte Niederlassungsbewilligung erhalten haben.

Die Unterstützung der Regierung für das jüngste Pilotprogramm legitimiere es nun aber, innerhalb dieser rechtlichen Grauzone aktiv zu werden, sagt Kaser. So könnten die Behörden Strategien testen, um Flüchtlingen, die gute Perspektiven auf einen dauerhaften Aufenthalt in der Schweiz hätten, zu helfen, an ihren Sprachkenntnissen zu arbeiten, noch bevor ihr Asylentscheid gefallen sei.

"Wir wollen, dass jene Leute, die das Potential haben, längerfristig in der Schweiz bleiben zu dürfen – etwa Leute, die aus Eritrea, Afghanistan oder Syrien stammen – schon früh intensiven Sprachunterricht erhalten", erklärt Kaser.

Ali Soltani, ein anderer Absolvent der ersten Flüchtlingslehre vor zehn Jahren, hatte fast zwei Jahre auf den Entscheid der Behörden warten müssen, ob er in der Schweiz bleiben dürfe. In seiner Heimat Iran hatte er in der Gastronomie gearbeitet. Damit war die Lehre in diesem Bereich Gastronomie für ihn eine passende Lösung, als er schliesslich die Chance auf eine Ausbildung in der Schweiz erhielt.

Nach dem Ausbildungskurs fand Soltani dann auch eine Stelle, aber in einem völlig anderen Bereich, dem Aufbau von Einrichtungen in einem Labor. Er arbeitet noch immer dort, möchte sich aber gerne selbstständig machen und in die Gastrobranche zurückkehren, auch weil er sagt, dass er seit Jahren keine Lohnerhöhung erhalten habe.

"Die Lehre hat mir sicher geholfen, eine Stelle zu finden, weil ich eine Referenz hatte und auch den Beweis, etwas getan zu haben", sagt Soltani.

Aber es sei ihm auch zehn Jahre später noch nicht wirklich klar, wozu genau ihn das Diplom qualifizierte, das er damals erhalten hatte.

Ein Teil der Verwirrung könnte zurückgehen auf die Vielzahl von Ausbildungsprogrammen, die in der Schweiz für Flüchtlinge angeboten werden. Praktisch jedes Programm ist einzigartig, je nach Kanton.

Mit ihren jüngsten Plänen für Vorlehren für Flüchtlinge, sogenannte Integrationsvorlehren, hoffen Regierung und Migrationsbehörde, vor allem den Bedürfnissen jener Wirtschaftsbranchen entgegenzukommen, denen es an Lehrlingen oder Arbeitskräften fehlt. Sie sollen in Kontakt gebracht werden mit Flüchtlingen, die Arbeit suchen. Nach einer solchen Vorlehre sollten die Flüchtlinge dann auch einfacher Zugang erhalten zum System der Berufslehre, in dem rund 70% der jungen Menschen in der Schweiz ihrer beruflichen Ausbildung nachgehen.

"Vor ein paar Jahren gab es vereinzelt Beispiel von Unternehmen, die solche Angebote machten", erklärt Kaser. "Heute sehen wir einen Schneeballeffekt von Unternehmen, die das Potential der Rekrutierung von motivierten jungen Flüchtlingen erkennen, weil viele Firmen heute Probleme haben, genügend Lernende zu finden."

Keine schnelle Lösung

Die Organisation des Pilotprojekts wird aber ihre Zeit beanspruchen. 2016 gehe es vor allem darum, Gespräche mit den Kantonen zu führen, herauszufinden, welche bereits existierenden Programme angepasst werden könnten, und auf Ende Jahr hin einen Finanzierungsvorschlag zu präsentieren. Mit der Einstellung von Instruktoren und der Einrichtung von Strukturen, um Firmen und interessierte Flüchtlinge zusammen zu bringen, sei nicht vor 2017 oder 2018 zu rechnen.

"Es ist ein langfristiges Projekt", sagt Kaser. "Aber wir hoffen, dass es zu einer länger andauernden Entwicklung führen wird, als wenn wir auf kurzfristige Angebote setzen, denn tendenziell finden die Leute keinen langfristigen Erfolg in solchen Stellen. Machen sie hingegen eine Lehre, sind ihre Aussichten anders."

Garcia Quintero fand schliesslich nach einigen weiteren Runden beim Arbeitsvermittlungsbüro langfristig Arbeit. Sie arbeitet heute Teilzeit als Assistentin in der Kantine einer Schule und hofft, dass sie ihr Pensum ausweiten können wird, wenn eine Kollegin in den Ruhestand treten wird.

Wenn sie in der Stadt auf Klassenkollegen oder –Kolleginnen aus ihrer damaligen Flüchtlingslehre trifft, erkundigt sie sich immer, wie es ihnen gehe. 

Es habe eine Weile gedauert, vor allem bei den Älteren, "aber jetzt haben alle eine Stelle", sagt sie. 

Wer bezahlt?

Die vor zehn Jahren lancierten ersten Programme für Flüchtlingslehren waren laut Eric Kaser vom Staatssekretariat für Migration "ziemlich teuer". So kostete zum Beispiel die Lehre im Bereich Gastronomie pro Person 30'000 Franken. War ein Programm einmal lanciert, konnten Kantone und andere lokale Institutionen entscheiden, wie und ob sie es weiterführen wollten; sie übernahmen dann auch die meisten Kosten.

Die Regierung rechnet damit, dass die jüngste landesweite Initiative für die so genannten Integrations-Vorlehren über vier Jahre 50 Mio. Franken kosten wird.

"Das Ziel ist, dass die Finanzierung durch den Bund nach ein paar Jahren wegfallen und das Angebot mit Unterstützung existierender Strukturen von Kantonen und Unternehmen weitergehen wird", erklärt Kaser.


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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