Mit Brückennetzen Suizide verhindern


250 Gymnasiasten setzen unter der Berner Kirchenfeldbrücke ein Zeichen.

250 Gymnasiasten setzen unter der Berner Kirchenfeldbrücke ein Zeichen.

"Stoppt Suizide - Baut Netze". Zum Welt-Suizid-Präventionstag fordert das Berner Bündnis gegen Depression vorbeugende Massnahmen bei Brücken, um Suizidfälle zu senken.

Die Stadt Bern führt einen traurigen Rekord in der Schweiz: In keiner andern Stadt werden mehr Suizide durch Sprung von einer Brücken begangen. Bern hat gleich drei Brücken mit einer hohen Suizidrate; im letzten Jahr stürzten sich dort acht Menschen in den Tod.

Die Brücken führen nicht nur über die Aare, sondern auch über Wohngebiete und Sportplätze, die von Schülern benutzt werden. Turnende Kinder oder Spaziergänger unter den Brücken halten Suizidwillige nicht von einem Sprung ab.

"Menschen, die in einer suizidalen Krise sind, leiden an sehr schlimmen, oft nicht nachvollziehbaren seelischen Schmerzen, wie man in der Fachsprache sagt", erklärt Thomas Reisch, Suizidforscher und Vorstandsmitglied beim Berner Bündnis gegen Depression.

"In dem Moment sehen sie nur sich selber. Sie suchen einen Weg, diesen Schmerz los zu werden. Und dann erscheint für den Augenblick ein Sprung als beste Lösung", sagt er. "Doch wissen wir aus der Forschung, dass viele noch während des Sprunges ihre Tat bereuen."

Werner Fey, Leiter des Bündnisses sagt, dass es nicht nur deswegen sinnvoll sei, Netze anzubringen, sondern auch, weil sie mitten im Zentrum und damit im öffentlichen Raum stünden. "Hier zieht ein Suizid viele Betroffene nach sich. Für Kinder oder Anwohner kann das Beobachten einer solchen Tat sehr traumatisch sein."

Direkt betroffen sind auch Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums, deren Sportplatz unter einer Brücke liegt. Deshalb stellten letzten Donnerstag, am Welt-Suizid-Präventionstag, 250 Gymnasiasten symbolisch mit ihren Körpern den Leitsatz des Bündnisses, der nur mit Blick von der Brücke zu lesen war: "Stoppt Suizide - Baut Netze".

Netze verhindern Suizide

"Anders als bei einem Brückensprung kann eine Person, die Suizid begehen will und deshalb Medikamente einnimmt, danach noch Hilfe holen, wenn sie die Tat bereut", sagt Daniela Krneta vom Bündnis. "Das ist ein Grund, weshalb wir präventive Massnahmen bei Brücken fordern."

Dass Netze Suizide verhindern, zeigt die Erfahrung bei der Aussichtsplattform beim Berner Münster, wo vor zehn Jahren ein Netz montiert wurde. Seither ist dort kein einziger Sprungsuizid aufgetreten.

"Wir haben diese Massnahme wissenschaftlich begleitet. Nach dem Anbringen des Netzes untersuchten wir, ob an den benachbarten Brücken vermehrt Suizide stattfinden", sagt Daniela Krneta. "Und das ist nicht eingetroffen. Die Brückensuizide sind nicht signifikant gestiegen."

Handeln der Politik gefordert

Das Berner Bündnis gegen Depression will mit dem "Schülerschriftzug" und den Informationsbroschüren darauf aufmerksam machen, dass es verschiedene Möglichkeiten der Suizidprävention gibt.

Das Bündnis fordert aber auch Taten von der Stadt Bern. "Es gibt jedoch Bedenken seitens der Politik, dass Netze nicht wirkungsvoll seien oder viel Unterhalt benötigten", erklärt Daniele Krneta.

"Zudem müssen die Einwände des Denkmalschutzes abgeklärt werden. Damals bei der Münsterplattform war er sehr kritisch", sagt Daniela Krneta.

Die Gespräche mit Regula Rytz, der Direktorin für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün der Stadt Bern seien aber noch im Gang.

Depression als Hauptursache

"Verschiedene Studien zeigen, dass bei über der Hälfte aller Suizide Depression zu den Hauptursachen zählt", erklärt der Psychologe Werner Fey.

"Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie eine Depression haben und deshalb gar nicht oder viel zu spät in eine Behandlung gehen", sagt er. "Deshalb setzt sich das Bündnis für eine verbesserte Früherkennung der Depression ein, um damit die Suizidrate zu senken."

Neben der Depression führen auch andere Faktoren zu einem Suizid, betont der Psychologe: "Gesellschaftliche, persönliche und genetische Faktoren können einen solchen Entscheid begünstigen oder beeinflussen."

Meist eine Affekthandlung

Suizide sind entgegen der geläufigen Meinung oft Affekthandlungen, wie Fey erklärt: "Die wenigsten überlegen sich lange zu Hause ihre Tat und wägen ab, ob das Leben noch einen Sinn hat oder nicht und begehen dann einen sogenannten Bilanzsuizid."

Die meisten Suizide werden in einer grossen emotionalen Spannung begangen. "Die Betroffenen spüren vielleicht eine Leere und Sinnlosigkeit, was jedoch nur eine Momentaufnahme der Gefühle ist und nicht für das ganze Leben gilt", sagt Fey.

Aus der Forschung weiss man, dass Menschen einen Suizidgedanken nur für einen kurzen Moment aufrechterhalten können. "Über mehrere Stunden hinweg ist das in der Regel nicht möglich", sagt er. "Deshalb kann man mit Netzen Suizide verhindern."

Sandra Grizelj, swissinfo.ch

SUIZIDE IN DER SCHWEIZ

In der Schweiz sterben pro Jahr ungefähr 1400 Personen an Selbsttötungen, 400 Frauen und 1000 Männer. Dies sind eine bis zwei Personen auf 100 Todesfälle.

Die Weltgesundheits-Organisation (WHO) geht von einer Rate von 24,7 Suiziden bei Männern und von 10,5 bei Frauen auf 100'000 Personen aus. Diese Rate ist höher als in den meisten anderen europäischen Ländern.

Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Suizidrate bei 19,7 Männer und 6,6 Frauen auf 100'000 Personen. In England liegt sie bei 10,4 (Männer) und 3,2 (Frauen), in den USA bei 17,7 (Männer) und 4,5 (Frauen), erhoben im Jahr 2005.

Nach Schätzungen haben in der Schweiz 10% der Bevölkerung in einer bestimmten Lebensphase versucht, sich das Leben zu nehmen und jeder zweite Mensch hatte schon einmal Suizidgedanken.

BRÜCKEN UND SUIZID

Das Bundesamt für Strassen ASTRA hat in einer Studie aus dem Jahr 2005 insgesamt 23 Brücken ermittelt, an denen mehr als 0.5 Suizide pro Jahr beobachtet wurden.

Bei fünf von diesen Brücken wurden Sicherheitsmassnahmen umgesetzt: Pont Bessière in Lausanne (VD), Alte und neue Lorzentobelbrücken in Baar (ZG), Ganterbrücke Simplonpasstrasse (VS), Pont du Gotteron in Fribourg (FR) und die Hohe Brücke in Obwalden.

Bauliche Massnahmen werden bei vier weiteren Brücken diskutiert.

Es gibt zwei Möglichkeiten zur Sicherung: Geländererhöhungen, die sinnvollerweise sprossenfrei und mindestens zwei Meter hoch sind, und Netze.

Nach neuesten Erkenntnissen sind Netze für die Suizidprävention wesentlich erfolgreicher als Geländererhöhungen.



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