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Multilokales Wohnen


Ein Viertel der Schweizer hat mehrere Wohnadressen




Multilokales Wohnen wird oft mit Zweitwohnungen in Verbindung gebracht, aber diese machen nur einen Teil des Phänomens aus.  (Keystone)

Multilokales Wohnen wird oft mit Zweitwohnungen in Verbindung gebracht, aber diese machen nur einen Teil des Phänomens aus. 

(Keystone)

Es ist "in" in der Schweiz, mehrere Wohnsitze zu haben: Rund ein Viertel der Bewohner lebt an mehr als einer Adresse. Berufliche Motive sind nicht der Hauptgrund für dieses "Nomadisieren", vielmehr ist es ein Abbild der gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Debatte über den Zweitwohnungsbau hat bereits gezeigt, dass viele Leute in der Schweiz an verschiedenen Orten wohnen. Erstaunlich ist vor allem die Verbreitung dieses Phänomens.

Gemäss einer Studie von Wohnforum der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ), der Universität Basel und der Hochschule Luzern wohnen derzeit 28% der befragten Personen an mehreren Adressen. Weitere 20% haben diese Erfahrung mindestens einmal in der Vergangenheit gemacht.

Unter den Personen, die an mehreren Orten leben, haben 9% sogar vier und mehr Adressen. "Das mag zwar überraschen, aber es ist sehr gut möglich. Ich kenne zum Beispiel eine junge Frau, die für ihre Lehre in Basel wohnt, aber auch regelmässig bei ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrem Freund lebt", sagt der Soziologe Cédric Duchêne-Lacroix, Ko-Autor der Studie.

Trotzdem ist der Forscher über die Verbreitung des Phänomens erstaunt. "Die Zweitwohnungsbesitzer machen 8% aus. Wenn man andere Formen des multilokalen Wohnens hinzuzählt, hätte man durchaus mit gut 15% rechnen können. Aber 28% hätten wir uns nie vorstellen können."

Gesellschaftlicher Wandel

Es gibt eine Reihe von Gründen dafür, dass mehr als ein Viertel der Schweizerinnen und Schweizer mehrere Wohnsitze hat. Unter den zehn wichtigsten Gründen für einen zweiten Wohnsitz werden Freizeit-Motive genannt (68%). Die anderen Gründe, insbesondere "Arbeit" (15%), werden wesentlich weniger oft genannt.

Trotzdem lässt sich nicht daraus schliessen, dass "Freizeit" der entscheidende Faktor ist. " Es ist vor allem die geringe Nennung anderer Gründe, die "Freizeit" so wichtig macht", sagt Duchêne-Lacroix. Die Befragten hatten mehrere Motive angeben können. "Freizeit" kommt an allen Wohnsitzen zum Tragen, während sich andere Aktivitäten auf einen Ort beschränken."

Die in der Studie ausgewiesenen Zahlen entsprechen einer gewissen Logik. Die Altersgruppe, die proportional am meisten an mehreren Orten wohnt, ist jene der 15- bis 24-Jährigen. Es ist ein Lebensabschnitt, während dem man am häufigsten umziehen muss, zum Beispiel für die Ausbildung oder weil man sich zeitweise auch in der Wohnung der Eltern oder eines Partners aufhält.

Unverheiratete (36,5%) und Geschiedene (34,4%) leben öfters als Verheiratete (22%) an mehreren Orten. Das alternierende Sorgerecht hat ebenfalls zur Folge, dass sich die Kinder von Geschiedenen an mehreren Wohnorten aufhalten.

Multilokales Wohnen spiegle einen gesellschaftlichen Wandel. Das Phänomen habe zwar immer existiert, aber nicht in dem Ausmass, sagt Duchêne-Lacroix. "Das mit der Arbeit verbundene multilokale Wohnen war früher anders als heute. Auf den Alpen gab es zum Beispiel ein multilokales Wohnen, das heute fast verschwunden ist. "Man kann darin auch die familiären Veränderungen feststellen", sagt der Soziologe.

Nicht verknöchern

swissinfo.ch hat ein Paar getroffen, das mehrere Wohnsitze hat. Die Ehefrau lebt in Zürich, wo sie eine Zweitwohnung hat, während der Ehemann als Hausmann mit der zweieinhalb-jährigen Tochter in Neuenburg wohnt.

"Meine Frau könnte ihren Beruf in Neuenburg nicht ausüben und muss deshalb in Zürich bleiben", sagt Pierre-François Besson. Es ist auch eine Möglichkeit, mit beiden Sprachregionen verbunden zu bleiben und nicht einzurosten. Übrigens, die Familie meiner Frau lebt in Zürich. An beiden Wohnorten eine Bleibe zu haben, erleichtert das Familienleben. Ausserdem macht es Spass, nicht immer am gleichen Ort sein zu müssen."

Studie

"Multilokales Wohnen in der Schweiz" wurde vom Schweizerischen Nationalfonds für wissenschaftliche Recherchen finanziert.

Die Studie wurde zwischen 2012 und 2015 von Wissenschaftlern der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Wohnforum), der Universität Basel (Institut für Soziologie) und der Hochschule Luzern (Wirtschaftsfakultät) durchgeführt.

Die Studie basiert auf einer repräsentativen Stichprobe von 3246 Personen im Alter zwischen 15 und 74 Jahren. 

Für das Paar ist diese Wohnform ideal, obwohl es auch einige Unannehmlichkeiten gibt. "Es kommt uns natürlich etwas teurer zu stehen. Der administrative Aufwand ist auch grösser. Meine Frau muss den Steuerbehörden jedes Jahr erklären, dass wir unseren Hauptwohnort in Neuenburg haben und dort Steuern zahlen. Und im Alltag muss man jeweils auf einige Details achten, zum Beispiel darauf, an beiden Orten immer genügend Kleider zu haben. Aber all das ist kein grosser Nachteil."

Komplizierte Gleichung

Für die Wissenschaftler ist das multilokale Wohnen ein "Massenphänomen" geworden. Aber ist es angesichts der permanenten Wohnungsnot in einigen Regionen und der ausgesprochen hohen Immobilienpreise in der Schweiz nicht unethisch oder zumindest asozial, dass gut ein Viertel der Bevölkerung mehr als eine Wohnung hat?

"Ich bin nicht sicher, ob ein Soziologe auf diese Frage antworten kann", sagt Cédric Duchêne-Lacroix lächelnd. "Man kann die Sache nicht als gut oder schlecht qualifizieren. Die Gleichung ist viel komplizierter, weil es viele Parameter hat."

 "Natürlich kann man argumentieren, dass eine Person, die in einer anderen Stadt aus beruflichen Gründen eine Wohnung hat, zusätzlichen Platz beansprucht. Andererseits verursacht die Person in dieser Situation weniger Verkehr, als wenn sie täglich zwischen Wohn- und Arbeitsort hin- und zurückreisen würde", sagt der Soziologe.


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)

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