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Nach der Stahlkrise


Schweizer Beitrag für Trinkwasser in Ungarn


Von Alexander Kuenzle, Ozd, Ungarn


Vor lauter Rost riskiert Tibor Bebesi von der Ozder Wasserversorgung, das Pumprad abzubrechen. (swissinfo.ch)

Vor lauter Rost riskiert Tibor Bebesi von der Ozder Wasserversorgung, das Pumprad abzubrechen.

(swissinfo.ch)

Weniger Stahl, weniger Jobs, weniger Einwohner: Mit der Krise der Stahlindustrie schrumpfte auch die ungarische Stadt Ozd. Nur die Infrastruktur blieb überdimensioniert. Mit Mitteln aus dem Schweizer Erweiterungsbeitrag werden jetzt rostige Wasserrohre ersetzt.

Was macht eine deindustrialisierte Kleinstadt mit einem baufällig Wasserversorgungssystem aus den 60er-Jahren, das ursprünglich für einen bis vier Mal höheren Wasserverbrauch konstruiert worden war, aber heute im Unterhalt immer teurer wird? Am Beispiel von Ozd zeigt sich, dass auch ein Rückbau urbaner Infrastrukturen ins Geld geht.

"1,5 Mio. Kubikmeter Wasser produzieren wir jährlich", sagt Ferenc Biro, Direktor der Wasserversorgung von Ozd. Die Kleinstadt hat rund 44'000 Einwohner und liegt im Norden Ungarns. "Aber verrechnen können wir nur etwas über 1,1 Mio. Kubikmeter. Der Rest geht zum grössten Teil verloren, wegen lecken Röhren und Leitungsbrüchen."

Bereits im 19. Jahrhundert zu Kaiser Franz Josefs Zeiten war in Ozd eine Stahlindustrie aufgebaut worden. Aber erst im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Region zum grossen Verhüttungszentrum. Um Stahl herzustellen, braucht es ausser Eisen Unmengen von Energie und Wasser. In der Nähe von Ozd gibt es Braunkohlevorkommen. Und das Wasser kommt von den benachbarten Hügeln - im sonst so flachen Ungarn eine rare Ausnahme.

Doch nach 1990 kam es weltweit zu einer Stahlkrise, und gleichzeitig fiel der Eiserne Vorhang. Damit begann für die Region Ozd der Abstieg: In den Hütten wurden die Hochöfen gelöscht, ein grosser Teil der Bevölkerung wanderte ab. Doch die urbanen Infrastrukturen, für grössere Dimensionen ausgelegt, blieben bestehen, und begannen zu verrotten.

Asbest-Zementröhren bersten…

Nicht dass es Ozd heute an Perspektiven mangelt: Laut Bürgermeister Pal Fürjes hat sich neben der amerikanischen General Electric auch die Schweizer Feinmechanik-Unternehmung Saia Burgess Electronics niedergelassen. Aber das 200 km lange alte Wasserröhren-Netzwerk aus den 60er-Jahren genügt den heutigen Ansprüchen nicht. Veraltet und überdimensioniert, war es für einen bis vier Mal grösseren Wasserbedarf konstruiert worden.

"Ein Grund für den hohen Wasserverlust sind die aus Asbest-Zement bestehenden Röhren, die nach einer Jahrzehnte langen Beanspruchung brüchig gewordene sind", sagt Ferenc Biro gegenüber swissinfo.ch. Die Röhren werden im hügeligen Ozd stärker beansprucht als in einer Stadt, die flach gelegen ist. Denn um  das Wasser überall in der Gemeinde verteilen zu können, braucht es Druck im Röhrennetz.

…oder setzen Algen an

Dieser Druck beträgt durchschnittlich rund 5bar. "Entstehen aber Spalten in den Röhren, spritzt das Wasser dort raus", so Biro. "Oft ist auch das Gegenteil der Fall: Wegen den für den heutigen Bedarf überdimensionierten Röhren fällt der Druck stark ab. Das Wasser in den Röhren bewegt sich zu wenig, und es bilden sich Algen. Dann brauchen wir zu viel Wasser, nur um die Röhren richtig durchspült zu halten."

Komme es zu grossen Rohrbrüchen, müssten der Verkehr umgeleitet, der Strassenbelag aufgebrochen und Leitungen repariert werden. Der Unterhalt des bestehenden Rohrsystems verteuere sich, was sich auf die Preise pro Kubikmeter Wasser auswirke. "Ein Kubikmeter für den Haushalt kostet zur Zeit 530 Forint (2.15 Franken) plus 25% Mehrwertsteuer – womit der Wasserpreis in Ozd über dem ungarischen Durchschnitt liegt."

Und dabei gehe, so Biro, das Gros der Einnahmen in die Instandhaltung, womit nichts mehr für Neuerungen bleibe. Um dies wieder ins Lot zu bringen und dem ganzen Stadtgebiet einen gleichen Standard bei der Wasserversorgung zu bieten, habe sich Ozd mit einem entsprechenden Projekt um eine Unterstützung aus dem Schweizerischen Erweiterungsbeitrag ("Kohäsionsgelder") beworben.

"Es gibt für die Modernisierung der Trinkwasseranlagen keine EU- oder anderweitige Unterstützungsbeiträge", sagt Liliana de Sà Kirchknopf, Leiterin des Schweizer Büros in Budapest, das die Unterstützungsleistungen aus dem Erweiterungsbeitrag koordiniert (vgl. rechte Spalte).

Deshalb sei die Leistung der Schweiz in dieser Nische zwar unspektakulär, aber wichtig und nachhaltig.

Elastische Plastikröhren

Die technische Lösung liegt im Ersatz der breiten und starren Zement- oder Gusseisenrohre durch schmalere, elastische aus Kunststoff. Darin bleibt erstens ein erhöhter Druck erhalten, zweitens fliesst das Wasser schneller, und "drittens wird das Wasser seinen rostigen Nachgeschmack los", sagt Ferenc Biro.

Mit den 7 Millionen Franken aus der Schweiz werden 35 km Rohrleitungen renoviert, 5 weitere km neu gebaut und bis 800 Haushalte neu angeschlossen, die bisher überhaupt keinen Zugang zu fliessendem Wasser hatten.

Noch gibt es in Ozd Leute, die Wasseranschlüsse nur von ihren Schulhäusern oder von den öffentlichen Gebäuden her kennen, aber zuhause weiterhin auf die Wasserpumpe im Garten oder auf der Strasse angewiesen sind.

Viele von ihnen sind Roma, deren Bevölkerungsanteil in Ozd besonders hoch ist.

Transparenz-Pakt

Weil besonders bei der öffentlichen Vergabe von Geldern für Infrastrukturausbauten oft Unregelmässigkeiten vorkommen, haben alle Akteure rund um dieses Wasserversorgungs-Projekt einen Transparenz-Pakt geschlossen (Integritäts-Pakt).

Externe Experten überwachen dabei sowohl die Prozeduren von der Ausschreibung bis zu den geflossenen Geldern.

Das Instrument des Integritäts-Paktes wurde in den neunziger Jahren von Transparency International entwickelt und weltweit eingesetzt.

Das Wasserversorgungs-Projekt in Ozd ist das erste im Infrastrukturbereich, bei dem ein solcher Pakt geschlossen wird.

Ungarn

Ungarn zählt 10 Mio. Einwohner auf einer Fläche von 93'000 Quadratkilometern.

2009 betrug die Kaufkraft im Verhältnis zum EU-Durchschnitt 65%.

131 Mio. für Ungarn

Die Schweiz unterstützt Ungarn für die Jahre zwischen Ende 2007 und 2012 mit rund 131 Mio. Franken (zum Vergleich: Die EU-Fördergelder 2007/13 betragen 22,9 Mrd. Euro).

Das Schweizer Geld stammt aus dem Erweiterungsbeitrag ("Kohäsionsmilliarde"), den das Schweizer Stimmvolk 2006, zwei Jahren nach dem EU-Beitritt der neuen Länder (Mittelost-)Europas, genehmigt hat.

Die Mittel sind zur Verminderung der wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten bestimmt. Sie werden nicht einfach zur Verfügung gestellt, sondern gehen über ein transparentes, aber aufwändiges Auswahlverfahren in konkrete Projekte in den Bereichen Sicherheit, Stabilität, Reformen, Umwelt, Infrastruktur, Privatsektor-Förderung sowie menschliche und soziale Entwicklung.

Mindestens 40% der Mittel sollen in strukturschwache Regionen im Norden (nördliche grosse Tiefebene) und Osten eingesetzt werden.

Die Umsetzung der Projekte wird vom Schweizer Erweiterungsbeitragsbüro in Budapest begleitet. Es koordiniert seine Arbeit mit dem Ministerium für Regionale Entwicklung.

swissinfo.ch



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