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Opernfestival unter freiem Himmel Das kleine Wunder von Avenches

"Es lebe die Musik, die vom Himmel fällt", singt Carmen in Avenches, wenn vom Himmel kein Regen fällt.

"Es lebe die Musik, die vom Himmel fällt", singt Carmen in Avenches, wenn vom Himmel kein Regen fällt.

(Keystone)

Seit 20 Jahren ist das römische Amphitheater im waadtländischen Avenches Schauplatz eines sommerlichen Opernfestivals. Das ist eine kleine Sensation, denn das Festival kommt ohne öffentliche Subventionen aus und muss häufig widrigen Wetterbedingungen trotzen. Im Jubiläumsjahr 2014 steht "Carmen" auf dem Programm.

"Die Liebe ist wie ein wilder Vogel; wer ihn zähmen will, hat es schwer'…" Der rebellische Liebesgesang von Carmen strömt an diesem lauen Sommerabend in den Himmel von Avenchesexterner Link. In der altehrwürdigen Arena, in der einst Gladiatoren und Tiere kämpften, steht die freche Zigeunerin Carmen auf der Bühne und verspottet ihre Verehrer. Vor 5000 Personen geht Carmen ihrem tragischen Ende entgegen.

Die Szene ist ergreifend – auf einer Bühne, die wie Beton erscheint. Doch dank des Bühnenbilds kommen die Kostüme, die Gesten der Solisten und die Bewegungen des Chors in dem römischen Amphitheater besonders gut zur Geltung. Carmen ist, wie immer, voller Leidenschaft und Feuer. Die französische Mezzo-Sopranistin Béatrice Uria Monzon schlüpfte dieses Jahr in Avenches in die Rolle der Carmen, aber auch die grossartige Schweizer Sopranistin Noëmi Nadelmann, die zum dritten Mal an diesen Spielort zurückkehrte.

"Ich bin an vielen Spielorten unter freiem Himmel aufgetreten, aber Avenchesexterner Link ist eine einmalige Erfahrung, auch weil wir ohne Mikrofone singen. Es ist unglaublich, wenn deine Stimme das ganze Rund erfüllt und wieder zurückkehrt. Hier kann man mit der Akustik spielen, auch leise singen und doch alles hören. Wenn der Mond aufgeht und die letzten Vögel zwitschern, wird die Atmosphäre geradezu magisch", schwärmt Nadelmann.

Goldenes Zeitalter

Das Amphitheater am östlichen Ausgang der historischen Altstadt ist das wichtigste erhaltene Baudenkmal aus römischen Zeiten. Damals, vor 2000 Jahren, war Aventicum Hauptstadt der Helvetier und eine blühende Handelsstadt. Aventicum lag am Kreuzungspunkt wichtiger Handelswege, die vom Mittelmeer bis zur Nordsee reichten. Damals zählte die Stadt 20'000 Einwohner. Heute sind es nur noch 3800.

Die römische Stadt Aventicum in einem Aquarell von Brigitte Gubler.

Die römische Stadt Aventicum in einem Aquarell von Brigitte Gubler.

(Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne)

"Das Amphitheater war viel grösser als heute. Es war 10 Reihen höher und konnte bis zu 16'000 Personen fassen. Hier wurden Jagd- und Kampfszenen inszeniert, wahrscheinlich mit musikalischer Begleitung", sagt Marie-France Meylan Krause, Direktorin der Stiftung Pro Aventico.

Der Niedergang der römischen Stadt setzte im 3. Jahrhundert nach Christus ein, als Folge innerer Reichswirren und Plünderungszügen der Alemannen. Aus den prächtigen römischen Gebäuden wurden Steinbrüche für den Bau von neuen Mauern und Häusern.

Das Amphitheater war noch bis 1940 von Erdreich verschüttet. Erst dann begannen die Ausgrabungen und damit die Restaurierung der historischen Anlage. Bis in die 1990er-Jahre wurde Avenches aber vor allem von Schulklassen besucht.

Widerstand der Bevölkerung

Eines Tages traf dann ein ungewöhnliches Fax beim Verkehrsverein von Avenches ein. Ein Opernsänger fragte, ob es möglich wäre, das Amphitheater für Aufführungen von Opern zu nutzen. "Im ersten Moment stiess dieses Vorhaben auf Skepsis und Widerstand. Einige Einwohner fanden, dass eine solche Veranstaltung die Dimensionen unseres Ortes sprengen würde", erinnert sich Léo Obertüfer, Präsident der Stiftung Avenches Opéra.

"Die Waadtländer sind sehr misstrauisch", sagt hingegen Sergio Fontana, ein Berner mit Tessiner Wurzeln, der damals den kühnen Vorschlag gemacht hatte. "Sie hatten Angst vor diesem Projekt. Sie befürchteten, dass keine Leute kommen würden und überlegten ständig, was im Falle von Regen geschehen würde…"

Doch schliesslich erhielt das Projekt die nötige lokale Unterstützung. Fontana, der als Bass in vielen europäischen Opernhäusern gesungen hatte und über die entsprechenden Kontakte verfügte, organisierte Chor und Orchester. Zudem engagierte er grossartige Solisten. Ein Jahr dauerte die Vorbereitung; dann war alles bereit für die Premiere im Jahr 1995: Aida von Giuseppe Verdi. Alle sechs Aufführungen waren ausverkauft.

Immer mehr Konkurrenz

"Das war ein Traum, ein absoluter Traum. Die Leute waren begeistert. Und es hiess: Wir haben die erste Ausgabe gemeistert; dann muss die Opernveranstaltung zu einem sich jährlich wiederholenden Event werden", sagt Léo Obertüfer.

Tatsächlich wiederholt sich der Erfolg: 36'000 Besucher im ersten Jahr, 42'000 im zweiten Jahr, 52'000 im dritten. Avenches wird so zum Inbegriff für Freilicht-Opernaufführungen in der Schweiz. Die Kosten werden zu mehr als 80 Prozent über die Billette gedeckt; der Rest wird von Sponsoren übernommen.

Festival von Avenches

Das Opernfestival von Avenchesexterner Link wird 2014 zum 20. Mal durchgeführt. Es dauert noch bis 12. Juli. Die Opernveranstaltung hat seit ihrer Gründung 750'000 Zuschauer in den historischen Ort im Waadtland gebracht.

In dem römischen Amphitheater, das bis zu 6000 Zuschauer fassen kann, sind Klassiker des Opernrepertoires aufgeführt worden, darunter Aida, Nabucco, La Traviata, Turandot, Il Barbiere di Seviglia, Rigoletto und die Zauberflöte.

Die Kosten werden zu 80% über die Eintrittskarten gedeckt; der Rest wird von Sponsoren übernommen.

Die Kritik ging mit der Qualität der Aufführungen gelegentlich hart ins Gericht. Doch hat das Opernfestival von Avenches mit seinen 750'000 Besuchern in 20 Jahren zweifellos das Interesse an Opern in der Schweiz gesteigert. Dieses Genre war eher vernachlässigt worden.

"Man hat die Oper vernachlässigt, nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Italien. Donizetti hat mehr als 70 Opern geschrieben, Rossini rund 50 und Verdi fast 30. Heute kennen die Leute vielleicht noch zwei Opern eines Komponisten", meint Sergio Fontana.

Dem Festival von Avenches ist es bis anhin auch gelungen, mit den schwierigen Wetterbedingungen fertig zu werden. Gerade in diesem Jahr, dem 20. Jubiläumsjahr der Veranstaltung, war das Wetter wenig gnädig.

Mehr noch als unter dem Wetter leidet Avenches Opéra seit einigen Jahren unter der wachsenden Konkurrenz. "Es gibt immer mehr Festivals unter freiem Himmel; wenn nicht Oper, dann Musicals oder andere Veranstaltungen. Die Stücke vom Kuchen werden so immer kleiner", sagt Obertüfer.

Ein kleines Wunder

Trotz eines gewissen Besucherrückgangs bleibt das "kleine Verona" ein Segen für das Waadtländer Dorf. "Avenches hat unter touristischen Gesichtspunkten sehr viel gewonnen. Viele Opernbesucher reisen bereits am Nachmittag an und besuchen die historischen Baudenkmäler aus römischen Zeiten und aus dem Mittelalter", hält der Stiftungsratspräsident fest. Hunderte von Einwohnern arbeiten beim Festival mit, die meisten als Freiwillige.

Um sich gegenüber der Konkurrenz zu behaupten, setzt das Festival namentlich auf Qualität. Eric Vigié, künstlerischer Leiter der Veranstaltung seit 2010, hat das Event in allen Bereichen durchprofessionalisiert, vom Chor bis zur Musik bis zur Arbeit hinter den Kulissen. Die Musiker, Chorsänger und Bühnenbildner bringt er jeden Sommer aus Lausanne mit, wo er während der Spielzeit die städtische Oper leitet.

"Die Oper von Avenches stellt jedes Jahr eine grosse Herausforderung dar. Die Bühne ist grösser als in einem herkömmlichen Theater, aber die technischen Hilfsmittel sind vergleichsweise bescheiden. Auch die Stimmen müssen sehr kräftig sein, um alle Zuschauer erreichen zu können. Zudem gibt es immer irgendwelche unvorhergesehene Ereignisse, vom Wind über Pollenflug bis zu grossen Temperaturschwankungen. Wenn alles funktioniert, ist es am Ende jedes Mal ein Wunder", sagt Vigié.

Das tragische Ende der Carmen (Noëmi Nadelmann), erdolcht von Don José (Giancarlo Monsalve).

Das tragische Ende der Carmen (Noëmi Nadelmann), erdolcht von Don José (Giancarlo Monsalve).

(avenchesopera.ch )

Natürlicher Klang

Zur Feier des 20-jährigen Jubiläums hat Eric Vigié "Carmen" von Bizet inszeniert und in die 1960er-Jahre versetzt, ans Ende der Ära Franco. Das bedeutet eine Verschiebung um ein Jahrhundert gegenüber der Entstehungszeit.

"Ich wollte nicht in eine spanische Folklore zurückfallen, mit Kastagnetten und all den anderen Klischees, sondern vor allem Raum für die Stimmen und Instrumente geben, die man gerade in diesem Amphitheater so gut hören kann. In der Arena von Avenches haben wir eine reine Akustik, wir brauchen keine Mikrophone oder andere Hilfsmittel. Der Klang ist ganz natürlich – und so soll es in der Oper sein", betont Vigié.

Carmen 

2014 kehrte Carmen in die Arena von Avenches zurück, mit einer Neuinszenierung, in der Béatrice Uria Monzon und Noëmi Nadelmann sich in der Rolle der Carmen abwechseln. Don José wird hingegen von Jorge de Leon und Giancarlo Monsalve interpretiert.

Die Geschichte von Carmen inspirierte sich an einer Novelle von Prosper Mérimée und spielt in Sevilla in Südspanien. Die Oper hat vier Akte und wurde von Georges Bizet komponiert. Die Erstaufführung fand 1875 in Paris statt.

Die ersten Aufführungen stiessen bei Publikum und Kritik auf wenig Anklang. Man fand dieses Werk damals unmoralisch. Der Misserfolg wirkte sich auf die Gesundheit von Bizet aus, der nur kurz darauf im Alter von nur 36 Jahren verstarb.


Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob


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