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Sahelzone ist ohne internationale Hilfe verloren




Die Nahrungsmittel-Vorräte sind in Tschad wie in der übrigen Sahelzone praktisch aufgebraucht. (Keystone)

Die Nahrungsmittel-Vorräte sind in Tschad wie in der übrigen Sahelzone praktisch aufgebraucht.

(Keystone)

Im Verlauf des Sommers droht 15 Millionen Menschen in der Sahelzone eine Hungersnot. Caritas-Mitarbeiter Fred Lauener glaubt, dass die Zeit zum Handeln noch reicht. Man dürfe die Fehler, die am Horn von Afrika gemacht wurden, nicht wiederholen.

Wegen anhaltender Dürre sind in grossen Teilen der Sahelzone die Vorräte seit Anfang März aufgebraucht. Die nächste Ernte ist frühestens im September möglich.

Diese sich ankündigende Katastrophe spiele sich "in einer allgemeinen Gleichgültigkeit" ab, schrieben kürzlich die Weltgesundheits-Organisation (WHO), das Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) und das Kinderhilfswerk Unicef.

Erst knapp die Hälfte der von der internationalen Gemeinschaft verlangten 700 Millionen US-Dollar seien bis heute zusammengekommen, hiess es.

Bereits heute leiden 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung in Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger und Tschad an Unterernährung. Laut der WHO sind zwischen 1 und 1,5 Millionen Kinder unter 5 Jahren "schwer" unterernährt.

Das Klima allein ist nicht schuld an der Situation. Hohe Preise für Grundnahrungsmittel und die massiv zugenommene Rückkehr von Migranten aus dem Maghreb, die keine Arbeit mehr haben, beschleunigen die Verarmung und den Mangel an Lebensgrundlagen in der Region.

Dazu kommen vermehrt regionale Konflikte, die zu einem Anstieg von vertriebenen Menschen und zu einer Verschlimmerung der Situation führen. Fred Lauener, Berater des Schweizer Hilfswerks Caritas, schätzt die Situation als alarmierend ein.

swissinfo.ch: Zum dritten Mal innert zehn Jahren ist die Sahelzone mit einer Hungerkrise konfrontiert. Worin unterscheidet sich die heutige Situation von den früheren Krisen?

Fred Lauener: Es stimmt, dass diese Region regelmässig mit Dürreperioden und Lebensmittelproblemen zu kämpfen hat. Doch diesmal kommen die angestiegenen Lebensmittelkosten dazu. Dies hat einerseits zu tun mit der chronischen Verarmung, andererseits aber auch mit Spekulationen auf dem Markt für Grundnahrungsmittel.

Letztes Jahr waren die Ernten sehr schlecht. In den meisten Regionen der Sahelzone mussten Einbussen bis zu 90 Prozent hingenommen werden. Mit dem wenigen Geld, das ihnen bleibt, können die Betroffenen keine Lebensmittel mehr kaufen. Die Situation in der Sahelzone war noch nie so alarmierend.

swissinfo.ch: Sie waren kürzlich in Mali. Was haben Sie vor Ort beobachtet?

F.L.: Zu dieser Jahreszeit ist die Erde braun, und die Leute sind es sich gewohnt, mit wenig Lebensmitteln zu leben. Doch die ersten Anzeichen einer Hungersnot waren bereits vor einem Monat zu sehen.

Und die Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag. Die Familien sind gezwungen, ihr Saatgut zu essen, um zu überleben. Sie gefährden damit die nächste Ernte. Daher ist es wichtig, sofort etwas zu unternehmen.

swissinfo.ch: Die politische Unsicherheit in der Sahelzone steigt, viele Spezialisten bezeichnen die Region als Pulverfass. Kürzlich wurde in Mali eine Schweizerin entführt. Wann verunmöglicht die Situation die humanitäre Hilfe?

F.L.: Im Norden Malis, wo die Situation derzeit sehr unsicher ist, bleibt uns der Zugang tatsächlich verwehrt. Im Rest des Landes, der ebenfalls stark von der Dürre betroffen ist, können wir aber frei arbeiten. Der Militärputsch hat nichts verändert. Auch in Tschad, wo die Caritas ebenfalls aktiv ist, wird unsere Arbeit politisch und militärisch nicht behindert.

Es ist klar, dass die chaotische Situation in der Region die Weiterführung der humanitären Hilfe stark beeinträchtigt. In Mali sind fast 200'000 Personen vor den Kämpfen im Norden des Landes geflüchtet. Diese begeben sich in Regionen, die ebenfalls unter Lebensmittelknappheit leiden und werden damit für die lokale Bevölkerung zu einer zusätzlichen Belastung. Und das heizt die Situation zusätzlich an.

swissinfo.ch: Nach der letztjährigen Krise in Ostafrika jetzt die Nahrungsmittelkrise in Westafrika. Wenden sich die Spenderinnen und Spender in der Schweiz nicht allmählich ab von diesen wiederkehrenden Hungersnöten?

F.L.: Als die internationale Gemeinschaft im letzten Frühling die Kampagne für das Horn von Afrika startete, herrschte in der Region schon seit zwei Jahren Hunger. Es war dort also möglich, Filmaufnahmen von verhungernden Menschen zu machen. Die Medien hatten somit eine Story, welche die Öffentlichkeit berührte. Aber die Aktion kam zu spät in die Gänge.

Im Fall der Sahelkrise haben wir noch die Möglichkeit, rechtzeitig zu intervenieren, um die bereits bestehende Hungersnot zu bekämpfen.

swissinfo.ch: Was können die Schweizer Hilfsorganisationen mit ihren beschränkten Mitteln in den Krisengebieten ausrichten?

F.L.: Die Caritas betreibt in Mali ein Programm nach dem Muster "Arbeit gegen Nahrung". Das heisst, Menschen beteiligen sich an Arbeiten, die im öffentlichen Interesse stehen. Den Lohn dafür erhalten sie in Form von Nahrungsmitteln. Familien, die über etwas Geld verfügen, können Lebensmittel zu stark vergünstigten Preisen kaufen.

Wir unterstützen die Landwirtschaft aber auch mit Saatgut, unter anderem für Erdgemüse wie Kartoffeln, Maniok oder Zwiebeln. Damit sollten sich die Bauern auch zwischen den beiden Haupternten versorgen können.

swissinfo.ch: Wäre es nicht besser, im Kampf gegen den Hunger auf langfristige Strategien zu setzen statt nur immer auf kurzfristige Nothilfe?

F.L.: In der Tat sollten wir uns künftig mehr um die frühzeitige Erkennung und die Vermeidung von Risiken kümmern statt um die Krisen selbst. Wir wissen, dass Dürren und Hochwasser aufgrund des Klimawandels zunehmen werden. Innerhalb der humanitären Hilfe steigt deshalb die Bedeutung von Prävention und Risikoverminderung.

Dieser Aspekt wird heute noch ein wenig unterschätzt. Caritas aber legt besonderen Wert darauf. In Mali haben wir ein Frühwarn-System auf die Beine gestellt, damit die Bauern rechtzeitig über kommende Dürreperioden im Bild sind und so ihre Vorräte besser einteilen können.

swissinfo.ch: In den bevölkerungsärmsten Teilen der Sahelzone bestand die einzige Einnahmenquelle oft im Tourismus. Wie können die Menschen dort ohne diese Einkünfte überleben?

F.L.: In Mali war der Tourismus eine der Hauptstützen der Wirtschaft. Heute liegt er am Boden: Keine Gäste mehr weit und breit, leere Hotels, Bus- und Taxichauffeure, die Daumen drehen.

Mali war die einzige Demokratie in der Region und hatte in den letzten Jahren einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Es gab bedeutende Investitionen in die touristische Infrastruktur. Es ist dramatisch, was damit geschehen ist.

Schweizer Hilfe

Die Glückskette, die Spendenorganisation der SRG/SSR, hat eine Sammlung zugunsten der Opfer der Trockenheit eröffnet.

Glückskette und Hilfsorganisationen wie Caritas, Helvetas, Terre des Hommes, Swissaid und das Schweizerische Rote Kreuz haben bereits mit einem Nothilfeprogramm für die Menschen in Mali, Mauretanien, Burkina Faso, Niger und Tschad begonnen.

Die Soforthilfe umfasst Nahrungsmittel-Lieferungen für Menschen, Kühe, Ziegen und Schafe, Schutz der Trinkwasser-Versorgung und des Bodens sowie die Lieferung von Saatgut.

Senden können im Internet oder auf das Postkonto 10-15000-6, Vermerk "Sahel", gemacht werden.

Fred Lauener

Der Journalist und Autor verfügt über ein Diplom in interkultureller Kommunikation.

Er leitete verschiedene Projekte und Kampagnen in der Schweiz und im Ausland.

Lauener ist Mitglied des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) sowie der Schweizer Rettungskette. Darüber hinaus gehört er zum Expertenpool des Schweizerischen Aussenministeriums in Sachen ziviler Friedensförderung.


(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub und Renat Künzi), swissinfo.ch



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