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Schreckgespenst Bürgerkrieg


"Ägypten versinkt im Chaos"




Feuer, Rauch und viele Tote nach der Räumung der Lager der Mursi-Anhänger am Mittwoch in Kairo. (AFP)

Feuer, Rauch und viele Tote nach der Räumung der Lager der Mursi-Anhänger am Mittwoch in Kairo.

(AFP)

Gewaltsame Räumung der Protestcamps der Mursi-Anhänger, Hunderte von Toten, Ausrufung des Ausnahmezustandes: Angesichts der blutigen Entwicklung in Ägypten sieht die Schweizer Presse das Land am Rande eines Bürgerkriegs.

"Zurück in die dunklen Tage der Diktatur", sieht die Südostschweiz das Land am Nil versetzt. Das Blutbad mit Dutzenden Toten sei eine Niederlage für Demokratie und Dialog – und ein Sieg für die Scharfmacher in beiden politischen Lagern.

"Die Muslimbruderschaft ist an der Eskalation freilich nicht unschuldig. (…) Ihre Führer gefallen sich in der über Jahrzehnte einstudierten Opferrolle, lechzen geradezu nach neuem Märtyrerblut – nach dem Treibstoff, der ihre Rekrutierungsmaschinerie am Laufen hält und ihnen die Solidarität anderer Islamistengruppen sichert", so die Zeitung aus dem Kanton Graubünden.

"Ägypten, so scheint es, bewegt sich möglicherweise auf das zu, was keiner für möglich gehalten hat: eine Vorform des Bürgerkriegs am Nil", befürchten Tages-Anzeiger und Der Bund. Zwar seien die Islamisten eine Minderheit, doch blieben sie zahlenmässig stark, ideologisch ungebrochen, hervorragend organisiert.

"Je länger der Strassenkrieg andauert, möglicherweise bald schon begleitet von Terrorakten, desto mehr werden die Soldaten der Armee sich fragen, auf wen sie schiessen: auf Staatsfeinde oder auf ihre Söhne, Brüder, Neffen, Nachbarn. Es droht eine zerrissene Nation", so die beiden Zeitungen.

"Ägypten ist mit dem Geschmack von Blut im Mund erwacht. (…) Das Drama, das die internationalen Mediatoren vergeblich zu verhindern versucht haben, ist nun eingetroffen", schreiben 24 Heures/La Tribune de Genève zu den Ereignissen vom Mittwoch.

Armee und Muslimbrüder hätten sich zwei Jahre lang unfähig gezeigt, das Spiel der Demokratie zu spielen, weshalb jetzt die historische Konfrontation anstehe. Es drohe ein "Szenario wie im algerischen Bürgerkrieg", so die Zeitungen.

Vor grosser Eskalation 

"Der grosse Knall kommt erst noch", befürchtet der Blick. "Beim Betrachten der Bilder, die uns derzeit aus Kairo erreichen, ist man versucht, das Wort Bürgerkrieg in den Mund zu nehmen."

Das Pulverfass Ägypten könne jeden Moment in die Luft fliegen. "Das explosive Gemisch: eine heillos zerstrittene Elite. Wirtschaftlicher Stillstand. Die diffuse, zügellose Wut des 84-Millionen-Volkes", so die Boulevard-Zeitung.

Plattform für Märtyrerkult 

"Das Zerschlagen des Protests der Muslimbrüder markiert eine neue und blutige Etappe in Ägyptens Transformation", schreibt die Neue Zürcher Zeitung. Der Ausnahmezustand demaskiere die Armee. "Die Gewalteskalation wird einen in Ägypten im regionalen Vergleich noch wenig entwickelten Märtyrerkult fördern und das Bedürfnis nach Rache wecken", so die NZZ weiter. Ziele könnten Polizisten, Soldaten, Israeli, Ausländer und Kopten sein.

Auch die linke WochenZeitung geht davon aus, dass die Muslimbrüder die staatliche Gewalt zu ihren Gunsten nutzen könnten. "Das Regime setzt also auf Eskalation und macht es der Bruderschaft mit diesem neuen Massaker leicht, sich als Märtyrer darzustellen."

Der exzessive Gewalteinsatz gegen die Anhängerinnen und Anhänger der Muslimbrüder könnte deren Wiederaufstieg beschleunigen, statt die Organisation von der politischen Bühne zu vertreiben.

"Die Gewinner von dem, was jetzt passiert, sind die Salafisten", sagte der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, Professor an der Universität Bern, in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger und Der Bund. Da Vertreter eines rigorosen Islamismus aber in den Staat eingebunden seien, werden sie sich nicht militarisieren wie andere ultrareligiöse Verbände, etwa im Jemen, so der Autor des Standardwerkes "Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert".

Entscheidend wäre jetzt, dass der ägyptische Verfassungsrat ein Grundrecht verankern könnte, dem auch die Muslimbrüder zustimmen würden. Schulze selber ist aber skeptisch, dass dies gelingen werde. "Ich bezweifle, dass die Muslimbrüder und ihr Milieu bereit sind, sich in den kommenden Monaten positiv an diesem Prozess zu beteiligen."

swissinfo.ch



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