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500 Jahre Reformation


Deutsche feiern Luther-Jubiläum - gemeinsam mit der Schweiz


Von Petra Krimphove, Wittenberg


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Wittenberg - das Zentrum von Luthers Wirken. (swissinfo.ch)

Wittenberg - das Zentrum von Luthers Wirken.

(swissinfo.ch)

Vor fast 500 Jahren läutete Martin Luther mit seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel den Beginn der Reformation ein. 2017 wird dieses Jubiläum in Deutschland gross gefeiert – und dabei auch an das Zusammenspiel mit den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin erinnert.

Huldrych Zwinglis Kopf prangt sogar auf der Titelseite einer der zentralen Broschüren zum Jubiläumsjahr. "Viele halten ihn für Luther. Aber es ist eindeutig Zwingli. Das erkennt man an der Kopfbedeckung", sagt Christof Vetter. Der Pastor und ehemalige Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) koordiniert deren Veranstaltungen und Marketing-Aktivitäten im Jahr des Reformationsjubiläums. Es ist ein Megaprojekt: Mittlerweile gehören 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu seinem Team.

Das besagte Bild zeigt Zwingli, wie er am 1. Januar 1519 vom Zürcher Grossmünster hinab seine Antrittspredigt hält. Im Hintergrund ist auch der Berliner Fernsehturm zu sehen. Die Botschaft: Die Reformation war keine rein deutsche Angelegenheit und: Sie wirkt in die Gegenwart.

Fast zeitgleich keimte sie vor einem halben Jahrtausend an verschiedenen Orten Europas auf und entwickelte auch dadurch ihre enorme Kraft. Luther suchte die Vernetzung und hatte seine Thesen gleich nach deren Veröffentlichung im Jahr 1517 nach Basel an die Universität geschickt. Letztendlich schieden sich die Geister der deutschen und Schweizer Reformatoren an der Frage der Bedeutung des Abendmahls. 1529 trafen sich Luther und Zwingli in Marburg zu einem Gespräch, doch sie konnten sich in diesem Punkt nicht einigen.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Heute klappt die Verständigung besser. Die evangelischen Landeskirchen in Deutschland arbeiten seit langem mit ihrem Schweizer Pendant zusammen. "Die Beziehungen sind sehr eng und reibungsfrei", sagt Vetter.

Auch nach 500 Jahren aktuell

Martin Luther war viel auf Reisen, predigte, lehrte an vielen Orten. An allen von ihnen wird im Jubiläumsjahr an ihn erinnert. Dabei wird seiner nicht nur als Reformator, sondern auch als eine Art Revolutionär gedacht. Die Reformation war keine rein kirchliche Revolution. Sie markiert auch eine Zeitenwende im Denken, das Ende des mittelalterlichen Weltbildes und den Aufbruch in die Moderne. Die Reformatoren betonten die Verantwortung des Individuums vor Gott und das persönliche Gewissen. In dieser Beziehung legten sie die Grundlagen für den demokratischen Gedanken, der sich keiner willkürlichen weltlichen Herrschaft zu unterwerfen hat.

Luther gilt auch als Begründer des modernen Deutsch. Er übersetzte während seiner Gefangenschaft auf der Wartburg die Bibel vom Lateinischen in seine Muttersprache und machte sie so dem einfachen Volk zugänglich. Seine zuweilen derben Lebensweisheiten haben Einzug in den Zitatenschatz gefunden. Auch wenn seine antisemitischen Äusserungen immer wieder an seinem Ruhm kratzen, hat er wenig von seiner Anziehungskraft eingebüsst. Die deutschen Lutherstädte und Orte seines Wirkens profitieren noch heute von seiner Ausstrahlung. Die Wartburg bei Eisenach gehört zu einem der beliebtesten Touristenziele Deutschland.

In der Schweiz stehen die eigenen grossen Reformationsfeierlichkeiten erst 2019 an, 500 Jahre nachdem Zwingli vom Zürcher Grossmünster seine Predigten hielt.  Dennoch mischen die Schweizer im deutschen Lutherjahr bereits kräftig mit und nutzen es als Auftakt für ihr eigenes Jubiläum.

Der grenzüberschreitende Ansatz manifestiert sich auch in einer Personalie: 2017 wird mit Christina aus der Au eine eidgenössische Theologin als Präsidentin des deutschen Kirchentags in Berlin und Wittenberg fungieren. "Eine sehr gute Wahl", findet Christof Vetter.  Auch, weil die Schweizerin dafür steht, dass sich die Reformation eben nicht nur aus Martin Luther speiste, sondern auch aus seinen helvetischen Zeitgenossen.

Reformation auf Reisen

Daran lässt auch der Startpunkt des sogenannten Europäischen Stationenwegs keinen Zweifel: Die rollende Jubiläumsausstellung setzt sich am 3. November 2016 in Genf, der Welthauptstadt der Ökumene, in Bewegung und macht in den folgenden Monaten in 68 europäischen Stationen Halt, die einen Bezug zur Reformation aufweisen. In der Schweiz stoppt der Truck u.a. in Lausanne, Basel, Neuchâtel, Chur oder Bern. Die Schweiz sitzt als Mitveranstalter mit am Steuer.

"Geschichte auf Reisen" nennt es Vetter und breitet die Karte auf dem Tisch aus. Von der Schweiz bis hinauf nach Skandinavien, von Frankreich bis nach Polen verläuft die Route. Statt lediglich Geschichte zu präsentieren, sammelt der Truck auf seinem Weg Geschichten von Menschen entlang des Weges ein. An jeder Station binden Veranstaltungen die Bürger in die Debatte ein. Die Kirche sucht den Dialog und möchte herausfinden, was Protestanten in ganz Europa verbindet.

"Die Reformation ist noch nicht zu Ende", sagt Vetter. Diese Botschaft ist ihm wichtig, und sie zieht sich wie ein roter Faden durch das Jubiläumsjahr. Luthers, Zwinglis und Calvins Erbe sei nach wie vor aktuell. Durch ihr Handeln stellten sie unter Beweis, dass einzelne Menschen die Gesellschaft grundlegend verändern könnten.

"Die Reformation fordert uns auf, Verantwortung zu übernehmen und die Welt zu hinterfragen, heute wie damals", so Vetter. Dabei sei es den deutschen Protestanten ein Anliegen, das Jubiläum ökumenisch und international zu begehen. Als Zeichen der Ökumene wird der Truck auch in Rom, dem Machtzentrum der katholischen Kirche, Halt machen.

Wittenberg als Zentrum

Endstation der Tour ist dann im Mai 2017 Wittenberg, jene Kleinestadt in Mitteldeutschland, in der Luther von 1512 bis zu seinem Tod 1546 wirkte, in deren Stadt- und Schlosskirche er predigte und in der er seine weltberühmten Thesen veröffentlichte. Dort bereitet man sich mit Hochdruck auf den grossen Auftritt vor.

Vor knapp 500 Jahren läutete Martin Luther den Beginn der Reformation ein. (swissinfo.ch)

Vor knapp 500 Jahren läutete Martin Luther den Beginn der Reformation ein.

(swissinfo.ch)

Noch vor zwei Jahren glich der Ort einhundert Kilometer südlich von Berlin einer Grossbaustelle. Die wichtigen Kirchen waren eingerüstet und für die Touristen gesperrt. Immer noch lässt sich die Tür, an die der widerspenstige Mönch damals angeblich seine Thesen angeschlagen hatte, nur durch einen Bauzaun betrachten. Ab und an schlüpfen geführte Besuchergruppen hindurch und schauen sich in dem inzwischen fast komplett renovierten Kirchenschiff um.

Am 2. Oktober 2016 wird die Kirche offiziell im Beisein des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck wiedereröffnet. Am 28. Mai 2017 sollen dann auf einer weiten Wiese vor den Toren Wittenbergs Hundertausende Protestanten zum Gottesdienst zusammen kommen.

Wittenberg gilt als Zentrum von Luthers Wirken und liegt wie viele andere wichtige deutsche Reformationsstätten im Gebiet der ehemaligen DDR. Diese schwieg Luther zwar nicht tot, aber er taugte im kirchenkritischen Sozialismus auch nicht zum Säulenheiligen. 1985, anlässlich des 500. Geburtstags des Reformators, wetteiferten Ost- und Westdeutschland dann doch im Luthergedenken, erzählt Astrid Mühlmann. Kein System wollte die wichtige Gallionsfigur dem anderem überlassen. Von ihrem Büro hinter dem Lutherhaus aus leitet die gebürtige Wittenbergerin seit dem vergangenen Jahr die Staatliche Geschäftsstelle des Lutherjahres namens "Luther 2017". Von hier aus plant und koordiniert ihr Team die weltlichen Jubiläumsaktivitäten mit jenen der Kirchen.

Dass sich die Lutherstadt – wie sie seit den 1920er-Jahren offiziell heisst – heute so pittoresk präsentiert, ist auch der Wende zu verdanken. "Die Wiedervereinigung kam gerade noch rechtzeitig", sagt Mühlmann. "Sonst wäre hier einiges nicht mehr renovierbar gewesen." Luthers Erbe liess immense Investitionen in den Ort fliessen und bringt Touristen aus aller Welt in die Stadt.

Die Schweizer Reformatoren sind hier übrigens schon seit langem präsent: In der "Ruhmeshalle der Reformation", der Schlosskirche, prangen seit 1893 Medaillons mit Zwinglis und Calvins Portraits an der Orgelempore.

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