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Thromboserisiko


Antibabypille: Keine Lehren aus dem Fall Yasmin


Von Rahel Sahli, SRF


Die Antibabypille "Yasmin" geriet in Verruf, nachdem eine junge Frau eine Lungenembolie erlitt und seither schwer behindert ist. (Keystone)

Die Antibabypille "Yasmin" geriet in Verruf, nachdem eine junge Frau eine Lungenembolie erlitt und seither schwer behindert ist.

(Keystone)

Frauenärzte haben aus dem Yasmin-Skandal wenig gelernt. Sie verschreiben immer noch mehrheitlich Pillen mit erhöhtem Thromboserisiko. Das zeigt die aktuelle Top-10-Liste, die der Sendung "Rundschau" des Schweizer Fernsehens vorliegt. Beunruhigend: Darunter sind auch Pillen mit ungenügender Datenlage.

Der jüngste – bisher nicht näher bekannte – Todesfall ereignete sich im letzten Herbst. Eine 27-jährige Frau, welche seit sechs Monaten die Antibabypille schluckte, starb an den Folgen einer Thromboembolie. Der Obduktionsbericht legt nahe, dass die Antibabypille Yasminelle Grund dafür war.

Eigentlich empfehlen die Behörden Pillen der sogenannten zweiten Generation, die nur das halbe Thromboserisiko der modernen Pillen aufweisen. Sie reagierten damit auf breitangelegte Studien und auf den Fall Celine, der 2009 die Schweiz erschütterte. Die 16-Jährige verhütete mit Yasmin, erlitt eine Lungenembolie und ist seither schwerstbehindert.

Top 10 Antibabypillen

Doch was wird heute verschrieben? Ein Blick auf die Top-10-Liste der 2015 verkauften Pillen und Hormonpflaster in der Schweiz (Quelle Interpharma) zeigt: Yasmin und Yasminelle sind nicht mehr unter den meist verkauften. Trotzdem ist Stephan Krähenbühl, Präsident der Swissmedic-Experten-Kommission für Medikamentenzulassung sowie Pharmakologe vom Unispital Basel, besorgt.

"Yasmin ist nicht mehr drauf, aber von den zehn Pillen haben sieben entweder ein gleich hohes Risiko wie Yasmin oder von Pillen, bei denen wir das Risiko nicht kennen. Das ist für mich bedenklich", sagt Krähenbühl. Konkret: Bei sieben von zehn Pillen die am häufigsten verschrieben werden, könnte man seiner Meinung nach ebenso Yasmin verschreiben.

David Ehm, Präsident der SGGG (Schweizer Frauenärzte), sagt: "Das sind alles gut getestete Produkte. Die sind zugelassen, die meisten auf der ganzen Welt. Man muss einfach wissen, es hat alles seine Vor- und Nachteile." Der Vorteil von schönerer Haut sei den Frauen oft sehr wichtig, sagt der Frauenarzt. Er weist aber auch klar darauf hin, dass die Frauen von ihren Ärztinnen und Ärzten heute gut über die Risiken informiert würden.

Pharma-Firmen schweigen

Es bleibt ein Geheimnis, welche der Pillen der Top 10 tatsächlich am meisten verkauft wird. Der Pharma-Branchenverband Interpharma gibt keine Ranglisten zu den Verkaufszahlen mehr heraus.

Neuste Zahlen zur Marktentwicklung bei den Wirkstoffen, die der "Rundschau" exklusiv vorliegen, zeigen aber: Von sämtlichen kombinierten Hormon-Präparaten – darunter fallen alle kombinierten Pillen, der Nuvaring oder die Hormon-Pflaster – sind heute nur gerade 22,8 Prozent Zweit-Generations-Produkte. Gut Dreiviertel der Frauen vertrauen also auf neuere Generationen.

Risiko unbekannt

Die Folgen davon zeigen sich auf privaten Opfer-Seiten im Internet. Die Deutsche Gruppe "Initiative für Thrombose-Geschädigte", Risiko-Pille.de, sammelt Berichte von Frauen, die nach der Pillen-Einnahme Thrombosen erlitten haben. Susan Tabbach, Mitgründerin der Gruppe, ist deswegen sehr besorgt.

Auf der Internet-Seite hätten sie derzeit besonders viele Meldungen zu Pillen, bei welchen die Forschungslage zum Thema Thrombose dünn ist. Tabbach sagt: "Die Frauen, die diese Pillen nehmen, können sich nicht informieren darüber, auch die Ärzte können sie darüber nicht informieren. Die Pharmaindustrie schreibt halt rein, das Risiko ist unbekannt. Das ist ein Skandal meiner Meinung nach!"

SRF, Rundschau vom 06.11.2013

Auch in der Schweiz

In der Schweiz sind zwei Pillen unter den Top 10, bei welchen die Studienlage zum Thromboserisiko im Vergleich zu Zweit-Generations-Pillen schlecht ist. Belara und Qlaira. Hier steht explizit in der Packungsbeilage "Bisher ist nicht bekannt, wie hoch das Risiko für ein Blutgerinnsel ist" – dies im Vergleich zu den risiko-ärmeren Produkten der zweiten Generation. Auch das bezeichnet Stephan Krähenbühl als "bedenklich": "Ich kann ja nicht mit fehlenden Daten eine Frau über die Risiken informieren."

Genaue Zahlen erst nach der Zulassung

Die Arzneimittelbehörde Swissmedic sagt, für die Zulassung dieser beiden Pillen seien genügend Daten vorhanden gewesen, um Nutzen und Risiko abschätzen zu können: "Um genaue Zahlen im Verhältnis zu Zweit-Generations-Präparaten zu erheben, braucht es Anwendungen an mehreren 10'000 Frauen, und das kann man erst nach der Zulassung machen."

David Ehm, Präsident der Schweizer Frauenärzte, verschreibt die beiden Pillen selbst nicht. Er sieht aber gute Gründe, warum die Kollegen dies tun: "Es ist halt eine sehr gute Pille für die Haut. Und gegen Mensschmerzen."

Die Herstellerfirma von Qlaira ist Jenapharm, eine Tochter des Bayer-Konzerns. Diese äussert sich gegenüber der "Rundschau" wie folgt: "Alle in der Schweiz von Swissmedic zugelassenen hormonellen Verhütungsmittel haben ein positives Nutzen-Risiko-Profil." Gedeon Richter, die Herstellerfirma von Belara, hat trotz mehrmaligem Nachfragen nicht auf die Anfrage reagiert.

Warum nehmen Frauen Ihrer Meinung nach immer noch Pillen mit dem höheren Thromboserisiko? Liegt es an den Ärzten oder den Frauen selbst? Schreiben Sie einen Kommentar!

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