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"Imame müssen offizielle Sprache ihrer Stadt beherrschen"



Laut Koran soll der Bote in der Sprache seiner Gemeinschaft sprechen, sagt Imam Ferjani.

Laut Koran soll der Bote in der Sprache seiner Gemeinschaft sprechen, sagt Imam Ferjani.

(Keystone)

Um seine Rolle richtig wahrnehmen zu können, muss ein Imam die offizielle Sprache beherrschen, sich bilden, um zu verstehen, was um ihn herum passiert. Das sagt Imam Noureddine Ferjani, der in Neuenburg und La Chaux-de-Fonds tätig ist.  "Erst dann ist er in der Lage, den Gläubigen Lösungen vorzuschlagen."

Zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer lehnen es laut einer Umfrage ab, den Islam wie das Christentum oder das Judentum als offizielle Religion zu anerkennen. Angesichts ihrer Bedeutung in der Religionsgemeinschaft sind auch die Imame in der Schweiz angesprochen. Bei der Integration und im Kampf gegen religiösen Extremismus können sie eine wichtige Rolle spielen. Aber welche Bedingungen müssen sie erfüllen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden?

swissinfo.ch: Sind Sie der Meinung, dass Imame in den Schweizer Moscheen in einer Landessprache predigen sollten?

Noureddine Ferjani: Ich beziehe mich auf Verse im Koran, die lauten, dass der Bote in der Sprache seiner Gemeinschaft sprechen soll. Ich bin in Neuenburg und La Chaux-de-Fonds tätig, wo die offizielle Sprache Französisch ist. Deshalb spreche ich mit meinen Mitbürgern und Glaubensbrüdern diese Sprache. Auch die Predigt in der Moschee halte ich auf Französisch, abgesehen von den religiösen Referenztexten, die arabisch sind. Aber der grösste Teil der Rede an die Gläubigen muss Französisch sein, weil die meisten  Arabisch nicht verstehen.

swissinfo.ch: Kann der Imam seine Rolle wahrnehmen, wenn er den rechtlichen, sozialen und kulturellen Hintergrund hier nicht kennt und die Landessprache nicht beherrscht?

N.F.: Ich beziehe mich nochmals auf Verse im Koran, wonach zur Sprache ein ganzes System von Gedanken, Philosophie und Kultur gehört, das sämtliche sozialen Aspekte umfasst. Um seine Rolle gut wahrnehmen zu können, muss der Imam die offizielle Sprache beherrschen, sich bilden und ins Bild setzen lassen, um zu verstehen, was um ihn herum passiert. Erst dann ist er in der Lage, den Gläubigen Lösungen vorzuschlagen. Der Imam muss zum Beispiel die Geschichte des Kantons studieren, über die geltenden Gesetze Bescheid wissen, weil es ihm helfen wird, eine Botschaft in Übereinstimmung mit seiner Umgebung weiterzugeben.

In jeder Religion gibt es Grundsätze und fixe Werte, die aber von der Gesellschaft und anderen religiösen Traditionen weitgehend akzeptiert werden. Im Islam gibt es fixe Werte, die sich in den Rechtsberatungen je nach Zeit und Ort ändern.

swissinfo.ch: Können Imame heute diese Kenntnisse und Kompetenzen in der Schweiz erwerben?

N.F.: Die Aufgabe ist alles andere als leicht. Man kann von einem angestellten Imam verlangen, was man will. Aber für Imame, die diese Funktion freiwillig ausüben, was in der Schweiz für 90% gilt, ist es fast unmöglich. Sie müssen einer anderen Arbeit nachgehen, um für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Wenn sie eines Tages Angestellte werden, kann man über Forderungen sprechen. Heute ist die Beherrschung einer Landessprache das Minimum, das man verlangen kann.

swissinfo.ch: Heute wird in der Gesellschaft oft die Bedeutung der Imame im Zusammenhang mit einer De-Radikalisierung junger Muslime hervorgehoben. Erhalten Sie von den Behörden genügend Unterstützung, um diesen Kampf zu führen und zum sozialen Frieden beizutragen?

N.F.: Meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zeigen, dass sich die Mehrheit der muslimischen Organisationen dafür einsetzt, einer Radikalisierung der Jungen vorzubeugen. Aber auf der anderen Seite sind keine entsprechenden Anstrengungen zu erkennen. Die Journalisten fragen uns dauernd, weshalb sich Junge radikalisieren und was wir dagegen tun würden. Aber auf das Phänomen in seiner Gesamtheit und dessen verschiedene Faktoren gehen sie zu wenig ein.

Die Radikalisierung geschieht zu fast 99% ausserhalb der Moscheen, weil die Jungen wissen, dass in der Moschee zu Toleranz und Integration aufgerufen wird. Die Imame und die muslimischen Organisationen machen ihre Arbeit seit Jahren. Trotzdem kritisieren uns die Medien laufend und machen uns verantwortlich für ein Phänomen, gegen das die Regierungen in der Schweiz und anderswo bisher keine Lösung gefunden haben. Die Behörden sprechen von Projekten und Ideen, aber vor Ort ist nichts zu erkennen. Meines Wissens sind wir die einzigen, die daran arbeiten. 

swissinfo.ch: Was halten Sie von einem Gesetz, das Imame in der Schweiz verpflichtet, in der Moschee in einer Landessprache zu predigen?

N.F.: Einerseits glaube ich, dass man solche Fragen nicht mit Verpflichtungen löst. Wenn andere Gemeinschaften nicht auch dazu verpflichtet würden, wäre es andererseits eine diskriminierende Massnahme, welche die Kluft nur vergrössern würde. Würde man zum Beispiel auch die Benutzung des Lateins oder des Griechischen oder Portugiesischen in den Kirchen verbieten?

Mir wäre es lieber, von Sensibilisierung anstatt von Zwängen oder Verboten zu sprechen. Hinzu käme ausserdem ein Ressourcenproblem, weil das Lernen der Sprachen viel Geld kostet. 

swissinfo.ch: In letzter Zeit ist viel über Moscheen in der Schweiz, insbesondere in Genf, Basel und Winterthur geschrieben worden. Laut Medienberichten sollen die Imame dort bei der Radikalisierung junger Muslime eine Rolle gespielt haben. Wie reagieren Sie auf solche Berichte?

N.F.: Zuerst will ich natürlich wissen, was stimmt und was nicht. Die Rolle der Moscheen ist es, zur Vernunft aufzurufen, den sozialen Zusammenhang zu gewährleisten, die Gläubigen zu motivieren, sich vorbildlich zu verhalten. Kein vertrauenswürdiger muslimischer Gelehrter spricht sich in seinen Rechtsberatungen für Gewalt und Hass aus und verurteilt nicht den Terrorismus. Sollte  sich herausstellen, dass der Imam von Winterthur die Gläubigen dazu aufgerufen hat, nichtpraktizierende Muslime zu töten, hiesse  dies, dass er seine eigene Religion nicht verstanden hat: Hass ist ohne Einschränkung zu verurteilen. 

swissinfo.ch: Die meisten Experten sind sich einig, dass man ein Ausbildungsprogramm für Imame in der Schweiz auf die Beine stellen muss. Was halten Sie davon?

N.F.: Dieses Ziel ist lobenswert. Die Umsetzung braucht allerdings viel Zeit. Allein der Aufbau des "Zentrums für Islam" an der Universität Freiburg wird durch eine Volksinitiative der Schweizerischen Volkspartei bekämpft.

Imame in der Schweiz auszubilden, ist meines Erachtens eine gute Sache. Aber es braucht ein glaubwürdiges Programm, gut qualifizierte Lehrkräfte, ein solides Budget und einen ehrlichen Willen dazu. Die Schaffung eines Lehrstuhls für islamische Studien an einer Universität könnte ein grosser Schritt vorwärts bedeuten, unter der Bedingung, dass der Unterricht objektiv ist und die muslimische Religion nicht schlecht macht. 

Muslime in der Schweiz

Gemäss den jüngsten Schätzungen leben zwischen 400'000 und 450'000 Musliminnen und Muslime in der Schweiz. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 4,5% .

Die grosse Mehrheit der muslimischen Bevölkerung hat Wurzeln in Europa, vor allem in der Türkei, in Kosovo und Bosnien-Herzegowina. Muslime mit Schweizer Herkunft machen rund 11% dieser Religionsgemeinschaft aus.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Zahl islamischer Zentren, Vereine und Geschäfte, die Halāl-Produkte verkaufen, stark zugenommen. Heute gibt es mehr als 250 islamische Zentren in der Schweiz. 45% sind türkisch, 40% albanisch, kosovarisch und bosnisch, 15% arabisch. 

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)

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