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"Woran hänge ich mein Herz?"

Der erste Advent - Auftakt zu einer für viele schwierigen Zeit.

(Keystone)

Advent, Weihnachten: Diese Zeit wahrnehmen oder ihr entfliehen? Viele möchten den Dezember am liebsten überspringen, andere suchen darin den tieferen Sinn.

In einem Gespräch mit swissinfo äussert sich die reformierte Pfarrerin Anemone Eglin über Sehnsüchte, bröckelnde Werte und das Bedürfnis nach Sicherheit.

swissinfo: Was bedeutet Advent?

Anemone Eglin: Advent heisst vom Wort her Ankunft, Erwartung und hat etwas damit zu tun, dass wir erinnert werden an unsere Sehnsucht nach einer besseren, heilvolleren, gerechteren, liebevollen Welt. Ich glaube, das ist auch ein Grund, weshalb viele Menschen dieser Zeit gerne ausweichen, weil die Sehnsucht zum Teil auch schmerzhaft ist: Uns wird in dieser Zeit bewusst, was uns fehlt.

swissinfo: Kennen Sie jemanden, der sich auf die Adventszeit freut?

A.E.: Ja, mich zum Beispiel. Und Kinder natürlich. Aber auch Erwachsene, die sich sozusagen in einer zweiten Naivität auf diese Zeit freuen, weil sie sich Zeit nehmen, ihrer Sehnsucht nachzugehen und den Alltag für kurze Momente unterbrechen.

swissinfo: Kann man sich überhaupt Zeit nehmen in dieser überaus hektischen Vorweihnachtszeit?

A.E.: Für mich ist es keine Frage, ob man das kann. Wir müssen uns Zeit nehmen und die Hektik unterbrechen, sonst werden wir gelebt und lassen uns besetzen von dem, was uns beschäftigt, was auf uns zukommt, was andere für uns als dringlich definieren. Dann wird die innere Leere grösser, und dadurch wächst auch das Bedürfnis, sie zuzudecken mit noch mehr Aktivität. So überfordern wir uns.

Mit dieser grossen Hektik und Aktivität kompensieren wir vieles. Wir decken zu, was uns fehlt. Mit vielen Weihnachts-Geschenken versuchen wir, Liebe auszudrücken oder fehlende Liebe zu überspielen. Dies ist nicht nur ein äusserer, sondern auch ein innerer Stress: nämlich so zu tun als ob und damit möglichst über den Schmerz um die fehlende Liebe hinwegzutäuschen.

Viele Menschen wollen mit Weihnachten so wenig wie möglich zu tun haben. Sie weichen aus, reisen in die Südsee etc. und wollen nicht an Weihnachten erinnert werden. Dabei könnte man doch ganz einfach innehalten, um an das Wesentliche des Lebens heranzukommen.

swissinfo: Adventszeit – symbolisch eine Zeit der Ankunft, der Freude, der Erwartung. Ist man aber täglich mit den Nachrichten über Krieg und Gewalt konfrontiert, kann der Gedanke der Freude kaum in die Praxis umgesetzt werden...

A.E.: Weil wir gerade in der Adventszeit dünnhäutiger sind, wird uns auch deutlicher bewusst, was alles an Leid auf dieser Welt vorhanden ist, was Menschen erdulden müssen. Dabei ist es wichtig, daran nicht zu verzweifeln. Das hilft niemandem. Auch keinem hungernden Kind hilft es, wenn wir selber daran verzweifeln, aber unseren Teller voll haben. Es hilft ihm aber, wenn Menschen da sind, die mitfühlen und es unterstützen. Das kann man sicher das ganze Jahr hindurch tun, aber in der Adventszeit ist man offener für das Leid anderer.

swissinfo: Das erklärt auch die Tatsache, dass im Dezember die Spendenfreudigkeit besonders gross ist?

A.E.: Ich glaube schon, dass im Advent die Leute herzlicher sind. Wir spüren in unseren Breitengraden ja selber, dass es kalt ist, und dass wir frieren. Es ist dunkel und wir sehnen uns nach Wärme, nach Menschen, die uns mögen.

swissinfo: Dies wird auch von der Natur beeinflusst?

A.E.: Ja, es ist kein Zufall, dass wir in unseren Breitengraden Advent und Weihnachten im Dezember feiern. Jesus ist wahrscheinlich nicht am 25. Dezember auf die Welt gekommen, wir wissen das ja gar nicht. Aber wir haben dieses Ereignis auf dieses Datum gelegt.

Das macht für uns Sinn, weil wir uns in dieser dunklen Zeit mehr zurückziehen können. Wir kleiden uns wärmer und verlegen unsere Aktivität in die Häuser, in geheizte Räume. So wird von der Jahreszeit, von der Natur her, die Bewegung nach Innen unterstützt.

swissinfo: Wie ist die Befindlichkeit in der Adventszeit 2003? Welche Erfahrungen machen Sie?

A.E.: Im Moment haben viele Menschen das Bedürfnis nach Sicherheit. Nach etwas, worauf sie sich verlassen und vertrauen können. Es ist auch ein Rückzug feststellbar auf die engere Umgebung, weil äusserlich gesehen vieles unsicher geworden ist. Wir fühlen uns seit dem 11. September 2001 bedrohter.

Unsere Werte sind brüchiger geworden. Das heisst aber auch, dass die Sehnsüchte, die Erwartungen an das private Umfeld, höher geworden sind. Wir sind gefordert, Prioritäten in unserem Leben – individuell und kollektiv – zu setzen und diese auch zu leben.

Das kann auch Verzicht bedeuten. Verzichten auf einiges, was wir an schrillen Erlebnissen gewohnt sind, und zur Frage zurückkehren: Wofür, woraus, wozu lebe ich?

swissinfo: Das zu können ist in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit eine enorme Herausforderung...

A.E.: Ich glaube, alle Menschen sind fähig dazu. Vielleicht getrauen sich viele nicht, oder sie brauchen einen Anstoss. Ich leite selber Kontemplationsgruppen, und da treffe ich viele Menschen an, welche die Stille suchen, um zu sich selber zu kommen.

swissinfo: Sich mit der Spiritualität befassen und dafür Zeit nehmen: Können sich das auch Menschen leisten, die im Leben unter grossem Druck stehen?

A.E.: Interessanterweise mache ich immer wieder die Erfahrung, dass gerade bei Menschen, die Sorgen haben, hart arbeiten und um ihr Dasein kämpfen müssen, die Sinnfrage am wenigsten auftaucht. Sie wissen, dass das Leben wertvoll ist, und dass es Sinn macht, dafür zu kämpfen.

Als traditioneller Ort der Spiritualität im Menschen gilt das Herz, unsere Mitte. Die Frage ist nun: Woran hänge ich mein Herz? Das Herz ist der Ort, wo sich im Menschen entscheidet, wofür er lebt.

swissinfo: Worauf will uns der Adventskranz aufmerksam machen?

A.E.: Wir haben bei uns ja den Brauch, dass wir vier Wochen vor Weihnachten die erste Kerze auf dem Adventskranz anzünden, dann die zweite, dritte, vierte, bis der Christbaum an Weihnachten das volle Licht ausstrahlt. Das ist ein Brauch, der uns von der Dunkelheit ins Licht führt.

Das Entscheidende ist, dass wir diesen äusserlichen Weg auch innerlich mit vollziehen. Auch die inneren Kerzen sollten angezündet werden. Sonst bleibt die äussere Form leer und hohl. Und umso grösser wird dadurch die Enttäuschung. Bräuche haben immer auch einen tiefen, symbolischen Sinn.

swissinfo: Wie empfinden Kinder die Adventszeit?

A.E.: Kinder sind ganz in dem, was sie erleben. Und die Adventszeit ist ja voller sinnlicher Wahrnehmung. Die Zimtsterne riechen, die Kerzen leuchten, es glitzert, wir hören Weihnachtsgeschichten und -lieder.

Ein Mensch, der seine Sinne braucht und schärft, der sinnlich lebt und erlebt, ist viel weniger in Gefahr, sein Leben als sinnlos zu empfinden. Bei vielen Erwachsenen ist die Wahrnehmung der Sinne abgestumpft.

In der Weihnachtszeit fühlen sie sich aber zurückversetzt in die Zeit ihrer Kindheit, damals, als die Welt noch in Ordnung war.

swissinfo-Interview: Alina Kunz Popper

In Kürze

Anemone Eglin ist Mitglied des Kirchenrates der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Zürich.

Sie arbeitet im Diakoniewerk Neumünster und ist zuständig für "Spiritualität".

Im weiteren leitet sie ein Pilotprojekt "Spiritual und Spiritualin in der Weiterbildung der Pfarrerin und des Pfarrers".

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