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Alpenquerender Strom in einer Öl-Pipeline

Hochspannungsleitungen sind auch ästhetisch umstritten.

(Keystone)

Zwischen dem bündnerischen Thusis und dem italienischen Bergamo ist eine 1000 Megawatt Gleichstromleitung geplant. Die Promotoren wollen mit der unterirdischen Anlage die Hochspannungs-Leitungen entlasten.

Das Projekt ist auf italienischer Seite unbestritten. In der Schweiz wehren sich Natur- und Landschaftsschützer, aber auch Hauseigentümer dagegen.

Der Bergkanton Graubünden setzt seit Jahrzehnten auf Stauseen und damit auf Wasserkraft zur Energiegewinnung. Die Wasserkraftwerke produzieren rund vier mal mehr Strom als der Kanton verbraucht. Graubünden exportiert den Überschuss vor allem nach Italien.

Unter dem Eindruck der Katastrophe von Tschernobyl hat Italien im Jahr 1990 das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet. Das hatte eine massive Zunahme der alpenquerenden Nord-Süd Stromlieferungen zur Folge.

Seit Ende der 90er-Jahre sind die Transitströme als Folge der Liberalisierung des Strommarktes innerhalb der Europäischen Union weiter angestiegen. Die Hochspannungsleitungen zwischen der Schweiz und Italien sind an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt.

Ein Unwetter in der Schweiz und überlastete Leitungen waren mitverantwortlich für den Blackout der Stromversorgung in Italien am 28. September 2003.

Stillgelegte Öl-Pipeline

Zwischen dem Kanton Graubünden und Italien brauche es deshalb neue Kapazitäten für den Strom-Transport, argumentieren Stromwirtschaft und Behörden. Neue Hochspannungsleitungen sind generell umstritten, da sie die Landschaft beeinträchtigen und Elektrosmog produzieren.

Nun planen die Verantwortlichen seit einiger Zeit ein Novum für die Schweiz: Den Transport von Strom in einer stillgelegten Öl-Pipeline.

Bis 1997 hat die Churer Firma Oleodotto del Reno SA in einer unterirdischen Stahl-Röhre Öl von Genua (Italien) nach Ingolstadt (Deutschland) transportiert. Die Rohrleitung, die immer noch unterhalten wird, hat keine Funktion mehr.

Die Firma Worldenergy SA plant eine 152 Kilometer lange Gleichstromleitung von Thusis ins südwestlich von Bergamo gelegenen Verderio. Der Schweizer Streckenabschnitt bis zur Landesgrenze auf dem Splügenpass misst 32 Kilometer.

Damit kann der Bau einer Freileitung vermieden werden. Doch an den beiden Endpunkten muss je eine Konverterstation gebaut werden.

Die Stationen sind nötig, da zur Einspeisung aus dem Hochspannungsnetz Wechselstrom in Gleichstrom und danach Gleichstrom wieder in Wechselstrom umgewandelt werden muss.

Gefährdete Landschaft?

Auf Schweizer Seite ist die Station – ein 15 Meter hohes Gebäude – auf dem Gebiet der Gemeinde Thusis geplant. Die Schweizerische Landesregierung und die Regierung des Kantons Graubünden befürworten das Projekt.

In der betroffenen Region jedoch sind Einsprachen eingegangen. Diese richten sich primär nicht gegen die unterirdische Leitung, sondern gegen die Konverterstation und die Freiluftzuleitungen.

Tenor der Opponenten: Die Station ist zu gross, passt nicht in die Landschaft und verschlingt wertvolles Kulturland. Die Zuleitungen erzeugen Elektrosmog, der Wert der umliegenden Liegenschaften würde sich vermindern.

"Wir wollen ein architektonisch hochstehendes Gebäude und werden deshalb einen Architektur-Wettbewerb durchführen", erklärt Claudio Gianotti, Generalmanager der Bauherrin, im Gespräch mit swissinfo.

"Natürlich ist es ein schwieriges Projekt, was das Bewilligungsverfahren betrifft. Doch es steigert Sicherheit und Effizienz. Der Stromtransport wird weniger wetterabhängig."

Noch mindestens fünf Jahre

Auch auf italienischer Seite ist eine Konverterstation geplant. Das Projekt stösst nicht auf Widerstand. Das habe damit zu tun, dass der Grossraum Mailand zusätzliche Energiequellen brauche und das von der Bevölkerung auch nicht bestritten werde. "Zudem ist die topographische Lage der geplanten Station weniger kritisch. Sie liegt in einer Ebene", so Gianotti.

Der Kanton Graubünden hat nun eine Arbeitsgruppe eingesetzt, welche die offenen Fragen abklären soll. Dazu gehören der Einsatz von neuster, aber teurerer Technologie, was den Bau einer kleineren Konverterstation erlauben würde und eine alternative Linienführung für die Zuleitungen.

Auf diesem Hintergrund rechnet Claudio Gianotti mit "mindestens fünf Jahren" bis zur Wieder-Inbetriebnahme der ehemaligen Öl-Pipeline.

swissinfo, Andreas Keiser

In Kürze

Promotorin der Gleichstrom-Leitung in der stillgelegten Ölpipeline ist die Greenconnector AG, eine Tochtergesellschaft der Worldenergy SA mit Sitz in Soazza (Graubünden).

Die 152 km lange Leitung soll eine Kapazität von 400 Kilovolt mit einer Leistung von 1000 Megawatt aufweisen. Das entspricht der Stromproduktion eines Atomkraftwerks.

Die Kosten sind auf eine halbe Mrd. Franken veranschlagt.

Sie soll den Grossraum Mailand künftig mit elektrischer Energie versorgen.

Die Eidgenossenschaft, der Kanton Graubünden und die Standort-Gemeinde Thusis befürworten das Projekt.

Kritisch haben sich u.a. die Umweltorganisationen Pro Natura Graubünden, der WWF Graubünden und die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz geäussert.

Die Interessengemeinschaft "Stop Greenconnector" hat 880 Unterschriften gegen die Konverterstation in Thusis gesammelt.

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