Auslandschweizer flüchtet mit Familie vor Konflikt in Berg-Karabach

Auf beiden Seiten kam es zu grossen Zerstörungen nach der neusten Eskalation der Konflikte. Hier ein Gebäude in Ganja, Aserbaidschan. Iha

Seit zwei Wochen gilt in Armenien und Aserbaidschan Kriegsrecht. Auslandschweizer Daniel Zurfluh ist mit seinen beiden Kindern in die Schweiz geflüchtet.

Dieser Inhalt wurde am 13. Oktober 2020 - 13:00 publiziert

"In der ersten Woche haben wir die Situation besorgt beobachtet", erklärt Daniel Zurfluh, der seit rund fünf Jahren mit seiner armenischen Frau und seinen beiden Kindern in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, lebt.

"Der Konflikt in Berg-Karabach muss endlich gelöst werden", sagt Auslandschweizer Daniel Zurfluh. zvg

"Nach dem Angriff Anfang Oktober auf einen Militärflughafen in Aserbaidschan befürchtete ich aber Gegenmassnahmen, die über die Region Karabach hinausgehen könnten", so der IT-Outsourcing-Berater. Das war der Moment, in dem die Familie entschied, zumindest die beiden Kinder in Sicherheit zu bringen.

Zwischen Armenien und Aserbaidschan schwelt seit Jahrzehnten ein Konflikt in der Region Berg-Karabach. Der international nicht anerkannte Staat und sieben umliegende Regionen werden seit 1991 von Armenien kontrolliert.

Unter der Federführung von Russland wurde 1994 ein Waffenstillstand ausgehandelt. Jedoch flammte der Konflikt in der Vergangenheit immer wieder auf. Ende September ist er erneut eskaliert.

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Von Ehefrau und Mutter getrennt

Die Flucht der Zurfluhs war wegen der Corona-Pandemie kein einfaches Unterfangen: "Die Flüge werden erst wieder langsam hochgefahren", sagt der 57-jährige Auslandschweizer. Die Familie Zurfluh buchte Anfang letzter Woche den Flug und machte sich noch am gleichen Tag via Amsterdam und Paris auf den Weg in die Schweiz.

Doch Daniel Zurfluhs Ehefrau entschied sich, in Eriwan zu bleiben. Aus beruflichen und privaten Gründen kann sie ihr Heimatland im Moment nicht verlassen. Die Mutter und der eigene Gastronomiebetrieb erfordern ihre Anwesenheit. Zurfluh selbst kann seiner Arbeit von überall aus nachgehen – vor Corona war er regelmässig in der Schweiz.

"Das Leben in Eriwan läuft zwar mehr oder weniger normal weiter, aber die Stimmung ist gedrückt, die Leute gehen weniger raus", erklärt Zurfluh. Das IT-Unternehmen, für das er in Eriwan tätig ist, arbeitet ebenfalls normal weiter. Einige Mitarbeiter sind jetzt jedoch ins Militär eingerückt.

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Wann kann man wieder zurück?

"Wir hoffen, dass wir schnell zurückkönnen", sagt Daniel Zurfluh, der sich seit vergangenem Montag mit seinen Kindern in der Nähe von Luzern in Quarantäne befindet. Noch bis Freitag darf die Familie das Haus nicht verlassen. Für die Kinder im Alter von acht und zehn Jahren sei es vor allem happig, weil sie von der Mutter getrennt seien.

Zur Lage im Südkaukasus sagt der Auslandschweizer: "Der Konflikt muss endlich gelöst werden – und zwar nicht militärisch." Seit Jahrzehnten bestehe der Konflikt, doch die Verhandlungen seien eingeschlafen. "Auch die Öffentlichkeit und die westlichen Staaten interessieren sich kaum dafür", gibt er zu bedenken.

Ihn ärgere es, wenn die Medien zu den aktuellen Auseinandersetzungen lediglich schreiben würden, dass es halt ein alter Konflikt sei. "Es geht doch nicht, dass dieser Konflikt alle paar Jahre ausbricht, es muss eine Lösung geben." Zudem sei für den Auslandschweizer klar, wer diesen Kriegsausbruch provoziert haben muss, schliesslich gäbe es für seine Wahlheimat keinen Grund, den Status quo zu ändern – ist doch die Region von Armenien kontrolliert.

Daniel Zurfluh sieht einen Grund für das fehlende Interesse in gewissen Abhängigkeiten verschiedener Länder. Aserbaidschan ist ein Öl- und Gasland. "Auch wegen der Einmischung der Türkei leuchten in Armenien die Alarmlampen", sagt er. Die Armenier würden sich historisch bedingt sehr stark bedroht fühlen durch das Einschreiten der Türkei.

"Wichtig ist, dass die Öffentlichkeit und die verschiedenen Länder darauf aufmerksam werden, was vor Ort passiert." Durch die Beteiligung von Russland, das zwar ein Unterstützer von Armenien sei, aber auch Interessen in Aserbaidschan habe, sei es eine "extrem verzwickte Lage".

In Armenien lebten laut Bundesamt für Statistik Ende 2019 28 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, in Aserbaidschan 32. Vor Ort betreibt Deutschland einen Wirtschaftsverband, der die Interessen deutscher und armenischer Unternehmen vertritt – Daniel Zurfluh ist ebenfalls Mitglied.

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