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Auslandschweizer "Corona hat mir die Augen geöffnet"

Flugzeuge

Diese Flugzeuge der Swiss bleiben wegen des Coronavirus am Boden. Sie wurden in Dübendorf geparkt.

(Keystone / Ennio Leanza)

Schnell zurück in die alte Heimat reisen: ein Privileg aus Prä-Corona-Zeiten, das Auslandschweizer nun schmerzlich vermissen.

Man kann zurück, wenn man will. Eine Gewissheit, die für viele Auslandschweizer jahrelang eine enorm beruhigende Wirkung hatte. Denn die Welt ist gefühlt grenzenlos, – zumindest mit einem Schweizer Pass und dank günstiger Flug- und Zugverbindungen. 

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Man konnte zurück in die Schweiz, wenn und wann man wollte. Diese Zeiten sind nun zumindest vorübergehend vorbei. Flüge wurden gestrichen, Flughäfen geschlossen, Grenzen dicht gemacht. Plötzlich ist die alte Heimat schier unerreichbar, sogar von Frankreich und Deutschland aus – dort, wo die meisten Auslandschweizer leben.

Das macht Angst, verunsichert und stellt Auswanderungen teils gänzlich in Frage. Viele Betroffene teilen ihre Ängste auch auf Social Media. In Facebook-Gruppen wird normalerweise moniert, dass man in Asien nicht den richtigen Blätterteig für eine vernünftige Cremeschnitte findet oder man echauffiert sich, dass die Schweizer Banken wieder einmal die Kontoführungskosten erhöht haben. Aktuell geht es dort um Substanzielles wie Ängste, Unsicherheit, Verzweiflung.

Plötzlich waren die Flugzeuge weg

Katharina Boehlen.

(zvg)

Auch Katharina Boehlen hat sich in einem dieser Foren zu Wort gemeldet. Die 57-jährige Schweizerin lebt seit 2012 in Paraguay, in San Bernadino, einem kleinen Ort rund 100 Kilometer von der Hauptstadt Asunción entfernt. "Mir geht’s nicht gut", gibt sie in einem Gespräch mit swissinfo.ch unumwunden zu. Eigentlich wollte die Baslerin bald zurück in die Schweiz reisen, um ihre 81-jährige Mutter zu unterstützen. 

Doch noch bevor sie notfallmässig alles zusammenpacken und schon frühzeitig hätte zurückreisen können, schloss Paraguay seine Flughäfen. "Plötzlich hiess es, dass in zwei Tagen die letzte Maschine nach Europa fliegt. Das Tempo hat mich total überrumpelt", erzählt sie. Wann sie ihre Reise antreten kann, ist ungewiss. "Die Unsicherheit ist für mich das Schlimmste. Ich habe Angst, dass ich meine Mutter vielleicht nie mehr sehe", so Boehlen.

Auch um sich selbst macht sie sich Sorgen. Das Gesundheitssystem Paraguays funktioniert alles andere als gut. "Man blendet solche Sachen normalerweise aus, hofft darauf, dass dann schon alles irgendwie gut geht. Und notfalls ist da ja immer noch die Schweiz. Aber Corona hat mir die Augen geöffnet", sagt sie. Auch deshalb überlegt sich die Schweizerin nun, ob Paraguay auf lange Sicht wirklich der richtige Ort für sie ist. "Ich bin 57 Jahre alt. Vielleicht ist die Pension in der Schweiz doch der vernünftigere Weg", so Boehlen.

Frau in der Natur

Katharina Boehlen.

(zvg)

Funktioniert die Distanz auf Dauer tatsächlich?

Die jetzige Krise zieht den meisten Menschen den Boden unter den Füssen weg. Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer befinden sich aber in einer ganz besonderen Zerreissprobe. Konnten sie früher komfortabel zwischen zwei Welten hin- und herpendeln, müssen sie sich nun vielfach zum ersten Mal so richtig für ihre Wahlheimat entscheiden. Ohne Netz, doppelten Boden – vor allem aber ohne Notfall-Flugticket zurück in die Schweiz.

Renate Messerli.

(zvg)

Wenn Renate Messerli in diesen Tagen von sanften Wellengeräuschen und wärmenden Sonnenstrahlen in ihrem Haus am Meer in Hurghada geweckt wird, scheint die Welt für einen kurzen Moment in Ordnung. Als sie sich vor zwei Jahren dazu entschloss, nach Ägypten auszuwandern, tröstete sie der Gedanke, dass der Flug zurück in die Schweiz, zu ihren Kindern und Enkelkindern gerade mal vier Stunden dauert. "Ich hätte morgens ein Ticket buchen und am Abend bereits bei ihnen im Wohnzimmer sitzen können", so Messerli.

Jetzt haben die letzten Maschinen mit gestrandeten Europäern Ägypten längst verlassen. Einen Weg zurück gibt’s vorläufig nicht. Ein grauenhaftes Gefühl. "Ich darf mir gar nicht ausmalen, was wäre, wenn meinen Kindern oder Enkeln etwas passiert", sagt Messerli mit leiser Stimme. 

Eine Ausnahmesituation, die bei ihr schon sehr schnell, sehr fundamentale Fragen aufgeworfen hat. "Einerseits fühl ich mich hier zuhause, geniesse mein Leben am roten Meer. Doch ich hinterfrage derzeit schon sehr stark, ob diese Distanz auf Dauer wirklich funktioniert. Corona rüttelt mich wach", so Messerli.

Frau vor Jeep in der Wüste

Renate Messerli.

(zvg)

Gefangen auf einer Insel

Aber nicht nur die Auslandschweizer selbst, auch ihre Angehörigen zuhause leiden unter der neuen Distanz. "Heute haben sie angekündigt, dass Schweizer, die im Ausland sind, nicht mehr lange Zeit haben, nachhause zu kommen. Überleg dir, was du machen willst", diese Whatsapp-Nachricht erreichte Elena Rossi vor wenigen Wochen in London. 

Zu diesem Zeitpunkt schien die Situation in der Schweiz sehr viel prekärer zu sein als in Grossbritannien. Rational betrachtet hätte die Rückkehr damals also wenig Sinn gemacht. Und doch überlegte sich die 31-jährige Studentin, die seit acht Jahren in der Metropole lebt, ob es besser wäre, nachhause zu fahren.

"Das Gesundheitssystem ist hier definitiv schlechter als in der Schweiz. Dazu kommt die Masse an Menschen, die einen beängstigen kann", so Rossi. Der Gedanke krank und allein in einer riesigen Eventhalle, die temporär zu einem Corona-Lazarett umfunktioniert wurde, zu liegen, liess die junge Frau aufhorchen. Trotz ihren eigenen und der Sorgen ihrer Eltern, entschied sich Rossi letztlich dazu, in ihrem Zuhause zu bleiben, anstatt auf unbestimmte Zeit im Gästezimmer ihrer Eltern in Zürich zu hausen.

Frau mit Promotionshut

Elena Rossi.

(zvg)

Ein mulmiges Gefühl schaltet sich seither dennoch regelmässig ein. Etwa als die Regale in den Supermärkten leerer und leerer wurden, sogar das Gerücht von Lebensmittelrationierung umging. "Da wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass ich auf einer Insel lebe, auf der man nicht einfach mit dem Auto nachhause fahren kann", so Rossi.

Doch in Zeiten von Corona scheinen alle Länder zu Inseln geworden zu sein. Da braucht es nicht einmal den Ärmelkanal dazwischen.

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