Die Frau, die drei Männer zum Kaiser machte

Statuen von Adelheid und König Otto im Meissner Dom (Sachsen), vom Naumburger Meister. Wikimedia / Kolossos

Wie Adelheid von Burgund zu einer der einflussreichsten Frauen im mittelalterlichen Europa wurde.

Dieser Inhalt wurde am 07. Oktober 2020 - 11:30 publiziert
Justin Favrod, Schweizerisches Nationalmuseum

Intelligenz, Willensstärke, Kultiviertheit und Frömmigkeit: Mit diesen vier Merkmalen prägte Adelheid von Burgund das 10. Jahrhundert massgeblich. Ihr Leben scheint wie aus einem Roman. Sie wurde, wie man vermutet, 931 im Königspalast in Orbe geboren. Erstmals historisch erwähnt wird sie als sechsjährige Prinzessin, die in einer Villa in Colombier am Ufer des Neuenburgersees wohnte.

Der Grund für diese Erwähnung sind tragische Umstände: Adelheids Vater, König Rudolph II. von Burgund, starb 937. Er war Regent eines Gebiets gewesen, das 888 zu einem vielfältigen Königreich mit dem Schweizer Mittelland, der Freigrafschaft, dem Wallis und Savoyen als Kern geworden war.

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Konrad, Adelheids Bruder und Sohn von Rudolph II., war 937 noch zu jung, um zu regieren. Um Rudolphs Gattin, Königin Bertha, stand es nicht gut. Otto, König des Ostfrankenreichs, brachte Konrad als Geisel in seine Gewalt. Sein Ziel war es, das Königreich Burgund zu annektieren. Denselben Einfall hatte auch Hugo, König von Norditalien.

Da Konrad für ihn nicht mehr greifbar war, wich er auf Bertha und Adelheid aus und brachte sie von ihrem Sitz in Colombier in seine Hauptstadt nach Pavia. Oder aber es war Bertha gewesen, die ihn als Verbündeten zu sich bestellt hatte. Tatsache bleibt jedenfalls, dass Hugo Bertha heiratete und Adelheid mit seinem Sohn Lothar verlobte. Letztere heirateten 947, als Adelheid 16 Jahre alt war.

Drei Jahre lang war die Prinzessin von Colombier Königin von Italien, doch dann starb ihr Mann ganz plötzlich. Berengar, Herr von Ivrea, wurde verdächtigt, Lothar vergiftet zu haben. Er versuchte, Adelheid zur Heirat zu zwingen, um so König von Italien zu werden. Sie weigerte sich. Berengar liess sie foltern und in ein Gefängnis am Gardasee werfen.

Dort sass sie nun, eingesperrt mit ihrer kleinen Tochter, ihrem Kaplan und einer Dienerin. Wie in einem schlechten Roman grub Adelheid ein Loch in die Freiheit und flüchtete mit ihren Begleitern. Otto, der König des Ostfrankenreichs, der in der Zwischenzeit Konrad als Vasallenkönig auf den Burgunderthron gesetzt hatte, machte sich auf die Suche nach der Entflohenen. Kurz zuvor hatte Otto seine Frau verloren. Er fand und heiratete Adelheid und drängte Berengar zurück.

Darstellung von Adelheid von Burgund auf einem Glasgemälde der Kirche Saint-Denis de Toury (Eure-et-Loir), Atelier Lorin de Chartres, um 1890. Widimedia / Kaho Mitsuki

Die entflohene Gefangene war nun also ostfränkische Königin und Königin von Italien. Aber war das genug? Als Erstes erreichte Adelheid die Aussöhnung zwischen ihrem Gatten und seiner Mutter Mathilde von Ringelheim und ermutigte ihn, lesen und schreiben zu lernen. In der Schlacht auf dem Lechfeld erlangte ihr Mann höchsten Ruhm, als er die einfallenden Ungaren auslöschte.

Adelheid ihrerseits bewies ihre Frömmigkeit. Sie förderte den Mönchsorden von Cluny in entscheidender Weise. Ihre Tante hatte den Reformatoren bereits das Kloster Romainmôtier angeboten und Adelheid war ebenso grosszügig. Sie hatte bereits in Pavia ein Kloster gegründet und liess in Payerne ein zweites erbauen, das sie Cluny anvertraute. Dort sollte über den Leichnam ihrer Mutter Bertha, die 961 starb, gewacht werden. Ein drittes Kloster gründete Adelheid im elsässischen Seltz. Dieses sollte ihr als letzte Ruhestätte dienen.

Durch die italienische Herrschaft genoss Adelheid eine starke Legitimität bei den Bewohnern der Lombardei, die als Pforte zu Rom fungierte. Im Jahre 962 schickte sie ihren Gatten zum Papst, der das Paar daraufhin zu Kaiser und Kaiserin krönte. Aus dem Waisenkind aus Colombier war die mächtigste Frau im Westen geworden, die das ostfränkische Königreich zum legitimen Nachfolger des Weströmischen Reiches gemacht hatte.

Nach dem Tod ihres Ehemannes 973 liess sie ihren Sohn, Otto II., krönen. Als ihr Sohn zehn Jahre später ebenfalls starb, setzte sie ihren Enkel Otto III. an die Spitze des Kaiserreichs. Zweifellos ist sie die einzige Frau in der Geschichte, die drei Männer zum Kaiser machte! Zweimal übernahm sie die Regentschaft des Kaiserreichs, dann zog sie sich im fortgeschrittenen Alter nach Seltz zurück. 999 fühlte sie den nahenden Tod und entschloss sich zu einer letzten Pilgerfahrt in ihre Heimat. Begleitet wurde sie vom dritten Abt von Cluny, Odilo.

In Payerne vollbrachte sie ihr spektakulärstes Wunder: Da sie von der Reise sehr erschöpft war, übergab sie einem Mönch die Aufgabe, jedem Bettler in Payerne ein Geldstück zu schenken. Allerdings gab es mehr Arme als Geldstücke. Der Mönch hob die Augen gen Himmel und rief die Kaiserin an – die Münzen vervielfältigten sich, sodass alle Armen genug erhielten.

Anschliessend besuchte Adelheid das Kloster St. Maurice, dann St. Victor in Genf, die Kathedrale in Lausanne und verbrachte einen letzten Aufenthalt in Orbe. Dort nahm sie von Odilo Abschied. Sie kehrte nach Seltz zurück und starb dort am 16. Dezember 999. Cluny vergass seine Gönnerin nie und setzte sich für ihre Heiligsprechung ein. Im Jahr 1097 war es so weit.

Otto und seine Ehefrauen Edgitha und Adelheid (links). Abbildung im Sächsischen Stammbuch von 1576. Sächsische Landesbibliothek

In Deutschland und im Elsass kennt man Adelheid gut, doch in der Schweiz ist sie weitgehend unbekannt. Schuld daran tragen die Mönche von Payerne des 12. Jahrhunderts. Um die Forderung nach Unabhängigkeit von Cluny noch stärker zu untermauern, fälschten sie Dokumente, gemäss derer Königin Bertha ihr Kloster gegründet haben soll. Bertha erlangte aufgrund dieser Dokumente in der Schweiz eine grosse Beliebtheit, die ihre Tochter Adelheid überstrahlte, obwohl letztere viel bedeutender gewesen war als ihre Mutter.

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