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Coming-out in der Politik noch immer nicht "in"

Farbe bekennen am Coming-out-Day.

(Keystone)

Berlin und Paris hat sie: Bürgermeister, die sich öffentlich zur ihrer Homosexualität bekennen. Aber in der Schweiz ist ein Coming-out hochrangiger Politikerinnen und Politiker selten.

Allerdings wird es nicht mehr als sensationell wahrgenommen, wenn sich Homosexuelle politisch engagieren.

Rund 400'000 Schwule und Lesben, schätzt man, leben in der Schweiz. Das sind gut 6% der Bevölkerung.

Mit der zwar langsamen aber doch zunehmenden gesellschaftlichen Anerkennung gibt es heute mehr Homosexuelle, die auch politisch keinen Hehl mehr aus ihrer Identität machen, wie der Zürcher Soziologe Martin Abele gegenüber swissinfo bestätigt. "Eine Sensation für die Öffentlichkeit wäre allerdings, wenn jemand als geoutete schwule oder lesbische Person für den Bundesrat oder den Regierungsrat kandidieren würde."

Wirklich prominente Politikerinnen und Politiker, die ein Outing machten, kenne er in der Schweiz ausser einem schwulen SP-Nationalrat nicht, bekräftigt Moël Volken, Geschäftsleiter der Schweizer Schwulenorganisation Pink Cross. So müsse er sich fragen, ob denn der "Boden dazu noch nicht reif" genug sei: "Käme eine Person überhaupt in den Bundesrat, wenn ihre Homosexualität bekannt würde?"

"Stets offen gelebt"

Der Basler SP-Nationalrat Claude Janiak hat sich nicht öffentlich geoutet, wie er gegenüber swissinfo erklärt. Er habe einfach immer offen gelebt: "In Basel, wo ich Parlamentspräsident war, trat ich mit meinem Partner auf. Das hat nie zu Problemen geführt."

Viele Politikerinnen und Politiker sagen, dass ihr Privatleben die Politik nicht bestimmen soll, wie Brigitte Röösli, Co-Präsidentin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS), feststellt. Gerade in der Politik zögen es viele vor, ihre Homosexualität für sich zu behalten, um politisch nicht darauf reduziert zu werden, fügt Abele an.

Doppelleben

Die Schweiz baue noch sehr stark auf traditionellen Werten. Für lesbische oder schwule politische Persönlichkeiten heisse das, dass sie sich mit einer offen gelebten Homosexualität sehr exponierten. "Viele leben ein Doppelleben – denn die Angst vor einer Nichtwahl ist zu gross", so Röösli.

Die Veränderungen seien immer noch sehr zaghaft. Von über 3000 Kandidierenden bei den kommenden National- und Ständeratswahlen seien nur gerade 16 offen lebende Lesben und Schwule, führt Röösli weiter aus.

Für den Soziologen Abele kann man aber gerade hier von einem Fortschritt sprechen, zumal es vor vier Jahren weit weniger solche Kandidierende gehabt habe. "Sehr wichtig sind solche Coming-outs für die lesbisch-schwule Gemeinschaft, die dadurch neue Identifkationsfiguren gewinnen", hebt Abele hervor.

Spontanes Coming-Out ist selten

Ein Coming-out im eigentlichen Sinn gibt es in der hohen politischen Etage nur sehr selten.Viel üblicher ist, dass schwule Politiker und Politikerinnen von Anfang an zu ihrer Identität stehen und mit diesem Selbstverständnis an ihrer Karriere arbeiten.

"Im rot-grünen Lager braucht es dafür keine besondere Courage mehr, bei den Bürgerlichen muss man teilweise noch gegen Widerstände ankämpfen, etwas weniger bei der Partei als bei der Wählerschaft", so Abele. Noch weniger Coming-outs gebe es in der Wirtschaft. "Hier hält man sein Privatleben ohnehin gerne verdeckt, wenn man Karriere machen will."

Dennoch sei Homosexualität in der Schweiz gesellschaftsfähiger geworden, ist Abele überzeugt. Langsam aber stetig verbessere sich die Akzeptanz und damit die Situation von Lesben und Schwulen. "Sie sind sichtbarer geworden, weil sie sich ein grosses Netz an Kontaktmöglichkeiten geschaffen haben und in den verschiedensten Bereichen wie Sport, Gesang, kulturelle Veranstaltungen, Politik etc. an die Öffentlichkeit treten."

"Ablehnung ist meistens Nichtwissen"

Allerdings stellt Volken von Pink Cross fest, dass die Öffentlichkeit in der Romandie in dieser Angelegenheit etwas weniger fortgeschritten sei. "Wir konnten in der Romandie keine Medien-Werbekampagne lancieren. Unsere Vertreter dort sagten uns, dass das in der Romandie nicht gleich akzeptiert sei wie in der deutschen Schweiz", berichtet Volken.

Und im Tessin sei Pink Cross überhaupt nicht vertreten. "Dort ist alles noch viel versteckter", meint Volken.

Allerdings hatte Genf vor zwei Jahren als erster Kanton ein Konkubinats-Gesetz genehmigt, das die weitgehende Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren vorsieht. Seit Mitte dieses Jahres können gleichgeschlechtliche Paare im Kanton Zürich ihre Partnerschaft registrieren lassen.

Auf nationaler Ebene wird sich das neue Parlament der Frage annehmen, wie die Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare registriert und rechtlich abgesichert werden soll. Zu entscheiden ist zudem, ob homosexuelle Paare zur Adoption von Kindern und zu Verfahren der Fortpflanzungsmedizin zugelassen werden dürfen.

Abele weist auf den Unterschied zwischen Stadt und Land hin. In den grösseren Agglomerationen sei das Bewusstein stärker ausgeprägt als auf dem Land. Die Akzeptanz hänge davon ab, ob die Menschen schon mit Lesben oder Schwulen in Kontakt gekommen seien. Die Ablehnung hänge meist mit Nichtwissen zusammen.

Schwieriger, unvermeidlicher Prozess

"Junge Schwule und Lesben müssen am Anfang immer noch damit kämpfen, 'anders' zu sein", sagt Abele weiter. Dies sei ein schwieriger, aber unvermeidlicher Prozess. In der Schule gebe es für sie wenig Vorbilder, und die alten Schwulenwitze sowie die negativen Klischees würden von Schülern auch heute noch gerne weiter kolpotiert.

"In ländlichen Gegenden mit traditionellen Strukturen ist ein Coming-out noch schwieriger, weil man gegen die Erwartungen an eine 'normale' Lebensweise antreten muss", bekräftigt Abele. Deshalb seien auch Events wie der Coming-out-Tag wichtig.

swissinfo, Alina Kunz Popper

In Kürze

Der 11. Oktober ist "Schweizer Coming-out-Day". Unter dem Motto "Worauf fliegst du?" versuchten die zuständigen Organisationen dieses Jahr bereits zum 12. Mal, junge Lesben und Schwule zu ermuntern, zu sich selbst zu stehen.

Aktionen fanden vor allem in der Deutschschweiz statt. In der Romandie wurde weniger auf institutionelle, sondern mehr auf individuelle Kampagnen gesetzt.

Die Idee des Coming-out-Tages war 1987 in den USA entstanden. Damals zogen 600'000 Schwule und Lesben nach Washington vor das Capitol und demonstrierten für ihre Rechte.

In der Schweiz wird der Tag seit 1991 begangen.

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