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Die Entdeckung der indischen Gesellschaft

Farbige Eindrücke vom Weltsozialforum im indischen Mumbai.

(Keystone)

Das Weltsozialforum im indischen Mumbai ist mit einer Grossdemonstration im Zentrum der Stadt zu Ende gegangen. Nach viertägigen Konferenzen und Debatten ist es Zeit für eine Bilanz.

Die Schweizer Delegation konnte in Mumbai in erster Linie die Komplexität der sozialen Bewegungen Asiens entdecken.

Die Mitglieder der Schweizer Delegation sind müde von den äusserst intensiven Tagen am Weltsozialforum (WSF) und vom enormen Verkehrsaufkommen in der Metropole.

Alle haben die irritierenden Bilder einer Metropole vor Augen, in welcher schlimmstes Elend und enormer Reichtung nahe beieinander liegen. Das Funkeln von Gold und der Geruch von Staub, Kerosin und Abfallberge überall.

Mumbai – anziehend und abstossend

Eines Abends, als wir auf dem Weg zurück ins Hotel sind, nähert sich ein Mädchen unserer Rikscha, einem dreirädrigen Taxi, und bettelt um Almosen.

Das taumelnde Mädchen, dessen Augen glänzen, hält in den Armen ein regloses Kleinkind und in der Hand ein Fläschchen. Wie eine Gestalt, die aus der Hölle kommt.

Als wir nach dem Nachtessen ins Hotel zurückkehren, kreuzen wir die Gäste einer Hochzeitsgesellschaft, begleitet von Trompete und Trommeln. Allen voran der Bräutigam, der auf einem Pferd sitzt, in Gold gekleidet und behängt mit einer Kette von Banknoten.

Das ist Mumbai, das ehemalige Bombay, dessen Kontraste sich uns allen einprägen, unserem westlichen Bewusstsein, das für soziale Unterschiede sensibilisiert ist. Eine Stadt, die anzieht und gleichzeitig abstösst, wie das graue Meer, das den Strand unter unseren Fenstern umspült.

Ein Forum für Sinne und Intellekt

Da ist aber auch das Forum und die Zehntausenden von Personen aller Rassen, Kulturen und Religionen, die Alternativen für die gegenwärtige Wirtschaft und globale Gesellschaft diskutieren, Hoffnungen auszutauschen und lernen.

Eine Mammut-Veranstaltung, wirr, lärmig, wie ein grosser Markt, den man zuallererst mit den Sinnen, dem Gehör, dem Geruchsinn und den Augen wahrnimmt und erst später mit dem Intellekt. Ein Event, der die kritische Distanz eines Journalisten innert Sekunden lahm legt.



Es braucht Zeit, um all das zu verdauen, um die langfristigen Auswirkungen der Manifestation klar herauszuarbeiten, um den Effekt auf die indische Gesellschaft und die Bewegung der Globalisierungsgegner abzuwägen. Aber man kann erste Gedanken fassen.

"Mich hat die menschliche Dimension des Forums getroffen", sagt Bernard Fragnière, Präsident des Schweizer Hilfswerk E-Changer. "Eine klare Lektion dafür, dass Politik nicht nur kopflastig, sondern auch sinnlich und menschlich sein sollte."

Leiden und Widerstand

Das WSF war geprägt von der starken Präsenz der indischen Basis-Bewegungen. "Es gab viel weniger 'Stars' als in Porto Allegre", betont Fragnière.

Zudem hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich aus der Nähe mit den Problemen der indischen Gesellschaft auseinander zu setzen und den Stimmen der Ausgeschlossenen direkt zuzuhören.

"Das Forum ist ein Ort, an dem viele Zeugen von Leiden zum Zuge kommen, von politischer, sozialer, sexueller und wirtschaftlicher Unterdrückung", bestätigt Shafique Keshavjee, protestantischer Waadtländer Theologe indischer Abstammung.

"Gleichzeitig aber ist das Leiden nicht nur ein Klagen, sondern wird umgewandelt in Kraft, in Widerstand", fügt er an. "Und das Leiden und der Widerstand werden mit grosser Menschenwürde gelebt und ertragen."

Aufbruch zu Veränderung

Die Präsenz von Tausenden von Organisationen und indischen Bewegungen, insbesondere der Vertreter der Dalit (Unberührbare) und der Adhivasi (Mitglieder der ländlichen Stämme) lassen vermuten, dass das Forum langfristig eine wichtige Auswirkung auf die indische Zivilgesellschaft haben könnte.

"Wenn die fortschrittlichen Intellektuellen Indiens sich zu Gruppen von Frauen, Besitzlosen, Unberührbaren zusammentun, können sie Mehrheiten bilden und die Machtverhältnisse im Land verändern", stellt der sozialdemokratische Nationalrat Rudolf Strahm fest.

Auf der anderen Seite wird Mumbai auch Konsequenzen für die Zukunft des WSF haben. "Hier sind neue Themen zur Sprache gekommen, wie zum Beispiel die Technologie, insbesondere freie Software und Nanotechnologie, oder die Rolle der Frau innerhalb der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung", so Strahm weiter.

Zwischen lokal und global

"Das Weltforum ist immer auch eine Begegnung zwischen dem Lokalen und dem Globalen, zwischen der Mehrheit der Teilnehmenden und jenen, die von einer Demonstration zur anderen eilen", erklärt der Soziologe Jean Rossiaud, Beobachter der Globalisierungsgegner an der Universität Genf.

"Nach Mumbai kann man sagen, dass das WSF weiter wachsen wird, sowohl an der Zahl der Teilnehmer wie auch der Themen. Das ganze Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nimmt am Prozess noch nicht teil."



Dennoch ist ein wichtiger Schritt getan. "Die Bewegungen des Südens passen mittlerweile zum Forum. Das ist klar und offensichtlich. Das ist wichtig für das WSF", betont der Gewerkschafter Eric Decarro.

Das nächste Weltsozialforum wird wieder im brasilianischen Porto Allegre stattfinden. Und 2006 dann in Afrika.

swissinfo, Andrea Tognina, Mumbai
(Übertragung aus dem Italienischen: Gaby Ochsenbein)

In Kürze

Das Weltsozialforum (WSF)steht allen Bewegungen und Organisationen offen, die sich für Alternativen zur neoliberalen Globalisierung engagieren.

Innerhalb des WSF gibt es die Versammlung der sozialen Bewegungen, die in voller Autonomie ihre eigene Agenda zur Mobilisierung führen.

In Mumbai wurden drei wichtige Termine genannt: 8. März: Internationaler Tag der Frau. Im März: Internationaler Tag gegen den Krieg und im Oktober die erste Ministertagung der Welthandels-Organisation WTO in Hongkong.

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