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Die Rolle der Moschee "Terror-Netzwerke zeigen sich nicht öffentlich"



Die Bieler Arrahman-Moschee wurde bereits mehrmals bezichtigt, radikale Islamisten zu beherbergen.

Die Bieler Arrahman-Moschee wurde bereits mehrmals bezichtigt, radikale Islamisten zu beherbergen.

(swissinfo.ch)

Die Arrahman-Moschee in Biel, der Medien vorwerfen, sie predige einen fundamentalistischen Islam, steht wieder im Rampenlicht, weil sich junge Männer aus ihren Reihen vom Dschihad verführen liessen. Die Kultstätte verteidigt sich erstmals durch einen ihrer Imame.

Am Ende einer kleinen Bieler Gasse gelegen, steht die Moschee Besuchern weit offen. Eine bestimmte Kategorie der Gesellschaft ist jedoch nicht willkommen.

"Der Verein Arrisala und seine Mitglieder wünschen keine Medienpräsenz in ihrer Gebetsstätte", steht auf einem A4-Blatt, das neben der Eingangstüre angeklebt wurde.

Wir ziehen unsere Schuhe im Erdgeschoss aus und steigen die Treppen des alten Gebäudes hoch, das zurzeit renoviert wird, als wir auf unseren Interviewpartner Khalid Ben Mohamed stossen, einen der Imame der Moschee.

Lächelnd und freundlich empfängt uns der politische Flüchtling aus Algerien, der seit 17 Jahren in der Schweiz wohnt, in seinem Büro. Er möchte den Gerüchten ein Ende setzen, die dem Ruf seiner Moschee schaden.

Ben Mohamed nimmt zu allen Fällen Stellung, die seine Gemeinde in den letzten Monaten erschüttert haben und weist jegliche Verbindungen zum radikalen Islam zurück.

swissinfo.ch: Sie wollen in Ihren Gebetsräumen keine Medien. Haben Sie etwas zu verbergen?

Khalid Ben Mohamed: Wir haben uns gegen den Medienrummel und für die Diskretion entschieden. Eine Öffnung bringt nichts, man drückt uns immer wieder dasselbe Etikett auf.

Dieses Misstrauen geht auf schlechte Erfahrungen zurück, darunter die Festnahme einer Gruppe von Jemeniten 2004, die unter Verdacht standen, Kontakte zur Al-Kaida zu haben. Es stellte sich schliesslich heraus, dass diese Anschuldigungen Fiktion waren, doch darüber haben die Medien nicht berichtet.

Dabei schwimmen wir gegen den Strom extremistischer Ideen. Man muss damit aufhören, alles über einen Kamm zu scheren, jeder ist verantwortlich für sein Handeln.

Als ich zu den Gläubigen über die Geschichte von M.N.* sprach, habe ich übrigens den Akzent auf die individuelle Verantwortung gelegt. Ich habe sie ermutigt, den religiösen Diskurs zu kritisieren. Und in meinen Predigten warne ich ständig vor den Gefahren der ideologischen Diskurse, die im Internet zirkulieren.

swissinfo.ch: Was wissen Sie genau von M.N., diesem Bieler Gymnasiasten, den die Behörden in Kenia verdächtigen, Kontakte zu den islamistischen Milizen in Somalia zu haben?

K.B.: M.N. besuchte die Moschee in seinen jungen Jahren regelmässig. Er war ruhig, unauffällig, intelligent, aber auch jemand, der wenige Freunde hatte, sowie einige gesundheitliche Probleme.

Oft fehlte er in der Moschee oder in der Schule. Seit 2009 haben wir ihn aus den Augen verloren. Er hatte erklärt, er sei sehr beschäftigt mit Lernen.

Die Moschee ist ein offener Ort, viele Leute kommen und gehen. Wir haben uns über sein Verschwinden keine Sorgen gemacht, denn wir wussten überhaupt nichts über seine Absichten.

Wir wissen bis heute nicht, wo oder wann er sich ausgeklinkt hat. Wie alle erfuhren wir durch die Medien von seiner Festnahme. Die Gemeinschaft war sehr schockiert.

swissinfo.ch: Konnte M.N. von Kontakten in Ihrer Moschee oder woanders in der Schweiz profitieren, um nach Somalia zu gelangen?

K.B.: Alle Experten werden Ihnen erklären, dass ein Terror- oder Dschihad-Netzwerk sich nicht an öffentlichen Orten zeigen wird. Falls ein solcher Kern in Biel existieren würde, bliebe er sehr diskret.

Es ist aber wenig wahrscheinlich, dass ein Netzwerk die Ausreise junger Dschihadisten aus der Schweiz organisiert. Private Kontakte können natürlich geknüpft werden, vor allem über das Internet. Danach ist es einfach, unbemerkt in ein Drittland zu reisen, da wir in einer offenen Welt leben.

swissinfo.ch: Und wie sieht es mit "Abu Saad, dem Tunesier" aus, der auch Ihre Moschee besuchte und im April 2006 unter nicht ganz klaren Umständen ums Leben kam?

K.B.: Was dies angeht, haben wir nur sehr wenig Informationen. Er hatte mehr oder weniger dasselbe Profil wie M.N., war ein junger Mann ohne Probleme. Doch eines Tages erzählte er mir von seinem Plan, in den Irak zu reisen. Ich habe ihm vor Zeugen davon abgeraten, ich dachte, das gehöre zu meiner Rolle als Imam.

Als die Familie von seinem Tod erfuhr, stand sie unter Schock – und tut es bis heute. Danach hat die Aufdringlichkeit der Medien dazu beigetragen, einige Mitglieder seiner Familie zu radikalisieren.

swissinfo.ch: Ihre Moschee ist dafür bekannt, einen politischen und militanten Islam zu praktizieren. Worüber sprechen Sie denn genau in Ihren Predigten?

K.B.: Die Behörden wissen sehr genau, was in der Moschee gesagt wird. Der Staat hat das Recht, sich zu schützen. Wir sind im Gegenzug besorgt, welches Bild wir in der Schweizer Bevölkerung vermitteln.

Um Ihnen ein Beispiel zu geben: In meiner letzten Predigt habe ich über die Kampagne der Stadt Biel gegen das wilde Wegwerfen von Abfall gesprochen. Ich mache Soziales und Politisches, aber im guten Sinne. Die Gemeinde erwartet vom Imam generell auch, dass er die Aktualität kommentiert. Wenn ich zu Allah bete, das Leiden der Menschen in Syrien zu lindern, erleichtert das auch die Gläubigen etwas.

swissinfo.ch: Könnten gewisse Ihrer Worte von Jugendlichen falsch interpretiert werden, die schlecht integriert sind oder die sich gedemütigt fühlen können durch das, was in der arabischen Welt passiert?

K.B.: Kann eine wöchentliche Rede von zwanzig Minuten den gleichen Einfluss haben wie ein gut gemachtes Video mit mitreissender Musik im Internet? Ich glaube nicht.

Der Einfluss der Imame ist sehr bescheiden. Al-Kaida und die islamistischen Netzwerke haben gut begriffen, wie zentral das Internet ist.

swissinfo.ch: Verstehen Sie das Gefühl der Auflehnung oder der Ungerechtigkeit, das gewisse junge Menschen dazu bringen kann, sich dem Dschihad anzuschliessen?

K.B.: Was die menschliche Psychologie angeht, ist alles möglich. Einige dieser jungen Menschen sind schlecht integriert, andere haben mit der Integration kein Problem. Auch das familiäre Umfeld spielt eine Rolle.

Aber diese Fälle lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Andere Probleme beschäftigen uns viel stärker: Dabei geht es um Integration, Kriminalität, Arbeitslosigkeit oder politische Kampagnen, die von gewissen Parteien uns gegenüber geführt werden.

Unsere soziale Rolle wird von den Behörden überhaupt nicht anerkannt. Obwohl wir versuchen, gewisse Jugendliche in eine andere Richtung zu lenken, Einfluss zu nehmen auf die soziale Realität muslimischer Familien, die durch Scheidungen, soziale oder schulische Probleme ihrer Kinder zerrüttet sind.

swissinfo.ch: In Biel hat man auch viel über M.E.* gesprochen, einen jungen Kurden, der nach einem Aufenthalt in einer radikalen Koranschule in Ägypten psychisch schwer angeschlagen zurück kam. Auch er hatte ihre Moschee besucht. Hatten Sie ihm geraten, wegzugehen?

K.B.: Nein, ich rate allen Jungen davon ab, solche Schulen zu besuchen. Die Praxis von Sprachaufenthalten ist weit verbreitet, aber sie birgt Risiken in sich. Und in gewissen Ländern kann es sehr hart werden.

Wir bieten Arabisch-Sprachkurse für Kinder und Jugendliche an, damit sie nicht ins Ausland reisen müssen.

swissinfo.ch: Ist es ein Zufall, dass Biel und Ihre Moschee fast immer erwähnt werden, wenn es um Fälle von islamistischem Terror mit einer Verbindung zur Schweiz geht?

K.B.: Es ist wahr, dass die Ausländerkonzentration in Biel ziemlich hoch ist: Viele Muslime, vor allem aus Nordafrika, haben sich hier niedergelassen.

Aber man hat diese Stadt verteufelt, obschon es auch im Tessin, in Freiburg, Neuenburg, Genf oder Basel Probleme gegeben hat.

swissinfo.ch: Kann es vorkommen, dass Sie in Ihrer Funktion als Imam gewisse Formen von Gewalt legitimieren?

K.B.: Mentalitäten entwickeln sich, die muslimische Welt ist im Wandel. Man bewegt sich auf eine friedlichere Form des Kampfes hin. Die bewaffnete, terroristische Strömung steckt in einer Sackgasse.

In Ägypten, aber auch in Tunesien, ändern islamistische Strömungen ihre Strategien, nutzen vermehrt friedliche Instrumente für ihren Kampf. Auch in Palästina ist das der Fall.

Ich für meinen Teil kann mich nicht in die Lage dieser Bevölkerungen hineinversetzen. Ich unterstütze nur Angelegenheiten, die unsere muslimischen Brüder betreffen.

swissinfo.ch: Könnte die Schweiz aus Ihrer Sicht mit einem Fall "Merah" konfrontiert werden, dem jungen Mann, der in Toulouse im Namen des Islam sieben Menschen getötet hat?

K.B.: Auf dem Territorium der Schweiz wurde nie ein Terroranschlag durchgeführt, was beweist, dass die Muslime hier friedlich leben wollen, dass sie die Sicherheit der Schweiz schätzen. Wenn Junge für den Heiligen Krieg ins Ausland reisen wollen, umso besser für die Sicherheit der Schweiz.

Dass sich auch hier ein ähnlicher Fall wie der von Mohammed Merah ereignen könnte, erscheint mir sehr unwahrscheinlich. Ich hatte diese Tat sofort verurteilt, habe das Gesagte aber später etwas zurückgenommen, da es in diesem Fall viele Grauzonen gibt.

In der Schweiz sind wir vor Manipulationen der Sicherheitsdienste geschützt, leben unter einem guten Dach, mit soliden Rechtsregeln.

*Namen der Redaktion bekannt

Biels Muslime

In Biel leben etwa 5000 Muslime, etwa 10% der Bevölkerung der Stadt. Sie sind grundsätzlich gut integriert, ihre Herkunft ist durchmischt, sie stammen aus Bosnien, Albanien, Pakistan, der Türkei, dem Maghreb und dem Nahen Osten.

Günstiger Wohnraum, die Anzahl der Moscheen und die Zweisprachigkeit gehören zu den Faktoren, welche die Anziehungskraft der Stadt auf Immigrierende erklären.

Die Arrahman-Moschee gilt als die konservativste der Stadt. Ungeachtet dessen, was Medien berichten, bestreitet Imam Khalid Ben Mohamed, dass er ein Verfechter des Wahabismus sei, der vorherrschenden rigiden Strömung des Islams in Saudi-Arabien.

"Ich missbillige klar den extremistischen Aspekt, den dieser vermittelt. Ich fühle mich dem Sufismus und einer gewissen Form der spirituellen Orthodoxie näher", sagt er.

Laut Ben Mohamed wird die Finanzierung des Vereins Arrisala, der die Moschee betreibt, allein durch Mitgliederbeiträge der Gläubigen, etwa 500 Familien, gesichert.

Nachdem der Verein der Muslime in Biel, dem 7 der 8 Moscheen der Stadt angehören, 2010 während einiger Monate dem Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS) beigetreten war, distanziert man sich heute wieder von diesem.

Der vom umstrittenen Schweizer Konvertiten Nicolas Blancho gegründete Zentralrat vertritt eine radikale, salafistische Strömung des Islams. "Er besucht heute unsere Moschee kaum noch", erklärt Ben Mohamed.

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Bedrohung durch das Internet

In seinem Jahresbericht 2011, der am 21. Juni veröffentlicht wurde, hat das Bundesamt für Polizei (Fedpol) bekräftigt, dass mutmassliche Dschihadisten die Schweiz weiter als Basis nutzen, um islamistische Gruppen zu unterstützen, unter anderem, indem sie Propaganda-Material und Gewaltaufrufe ins Internet stellen, aber auch logistisch.

Das Fedpol hat den Kampf gegen extremistische Internetseiten intensiviert: Seit Anfang 2011 überwachen sechs Experten den Dschihadismus im Internet. Laut Fedpol wurden bereits verschiedene Vorermittlungen eingeleitet, die sich gegen radikale Internetseiten oder deren Betreiber richten.

Aufgrund von Informationen aus Deutschland wurde auch eine Untersuchung eröffnet gegen einen Schweizer, der zum Islam konvertiert ist: Es gab Hinweise darauf, dass er über das Internet einen Anschlag auf eine US-Einrichtung in Deutschland erörtert und Sprengstoffanschläge vorbereitet haben könnte. Mangels handfester Beweise blieb der Mann allerdings frei.

"Wohl in keinem anderen Bereich der extremistischen Ideologien wird das Internet so intensiv benutzt wie im Dschihadismus", schreibt der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) in seinem Lagebericht 2012.

Gemäss NDB verbreiten der harte Kern der Al-Kaida und deren Netzwerke über das Internet antiwestliche Propaganda, um Muslime im Westen aufzufordern, für den Dschihad im Land ihres Wohnsitzes Anschläge zu verüben – und nicht mehr zwingend in eines der Kampfgebiete wie Afghanistan zu reisen.

Eine grosse Herausforderung für die Sicherheitsbehörden, da solche "isolierten Einzelkämpfer nur sehr schwer frühzeitig identifizierbar" sind.

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(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), Biel, swissinfo.ch


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