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Die Täufer im Dialog mit ihren einstigen Verfolgern

(swissinfo.ch)

Weil sie Zwinglis Reformation beschleunigen und radikalisieren wollten, wurden die Täufer im 16. Jahrhundert verfolgt. Besonders im Emmental. Jetzt wird ihrer gedacht.

Am 24. März wird das Täuferjahr 2007 mit einem Festgottesdienst in der reformierten Kirche Langnau offiziell eröffnet.

Nach dem Bauernkriegs- und dem Gotthelfjahr wird das Emmental nun zum Schauplatz des Täuferjahrs. Getragen vom Verein Pro Emmental begehen die Landeskirche und die einst von der Berner Obrigkeit verfolgten Täufer ein reich befrachtetes und vom Wunsch nach Dialog beseeltes Gedenkjahr.

Das grosse Interesse gerade jetzt an der Täuferbewegung mag zum Teil mit einem neuen Bedürfnis nach dem Religiösen zusammenhängen.

"Das Interesse aus kirchlichen Kreisen kommt sicher daher, dass gewisse Fragen bei den Landeskirchen seit dem 16. Jahrhundert offen geblieben sind und in neuerer Zeit wieder zur Sprache kommen", sagt der Historiker und Theologe Hanspeter Jecker gegenüber swissinfo.

Als Beispiele nennt er die Frage der Kirchenmitgliedschaft und der Taufe oder die Frage der Neuordnung des Verhältnisses von Kirche und Staat.

Jecker ist nicht nur Täufer-Forscher am Theologischen Seminar Bienenberg in Liesthal und Präsident des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte, sondern zudem selbst Mitglied einer täuferisch-mennonitischen Gemeinde.

Schneller und radikaler als Zwingli

Bei der von Ulrich Zwingli im 16. Jahrhundert eingeleiteten Reformationsbewegung spaltete sich ein radikaler Flügel ab, aus dem die Täuferbewegung entstand.

Die radikalen Reformer ersetzten ab 1525 die Kindertaufe durch die Glaubenstaufe im Erwachsenenalter und postulierten statt der traditionellen Volks- oder Staatskirchen eine freie Bekenntniskirche.

"Wo Zwingli eine langsamere Gangart anschlug, wollten die Täufer rascher vorwärts gehen", erläutert Jecker. "Konkret bedeutete dies die Freiwilligkeit von Glaube und Kirchenmitgliedschaft. Hinzu kam die Frei-Kirchlichkeit im Sinne einer von der Obrigkeit unabhängigen Kirche", so der Theologe weiter.

Dies habe zu jahrhundertelanger Verfolgung und Repression in ganz Europa geführt.

Glaubwürdige Antworten auf aktuelle Herausforderungen

Hanspeter Jecker verspricht sich vom Täuferjahr eine Chance für Gespräche und Begegnungen zwischen verschiedenen Kirchen, die bisher jahrzehntelang nebeneinander funktioniert hätten, ohne sich kaum je begegnet zu sein.

"Und vielleicht auch für ein Christsein, das glaubwürdigere Antworten auf aktuelle Herausforderungen zu geben weiss, als was derzeit gang und gäbe ist", ergänzt Jecker. Der Wunsch, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, bewege viele.

Skepsis gegenüber bloss frommen Ritualen

Die Frage nach der ausgeprägten Religiosität der Täufer beantwortet der Historiker und Theologe differenziert: "Es gab immer eine Skepsis gegenüber bloss frommen Formen und Ritualen und einem plakativen Zur-Schau-Stellen des eigenen Glaubens."

Hingegen widmeten die Täufer dem christlichen Zeugnis im Alltag viel Zeit und Energie und versuchten, Wort und Tat, Glaube und Praxis zur Deckung zu bringen, glaubwürdig zu sein.

Die Zeit ist reif

Trotz der schmerzhaften Geschichte: Theologisch sind die Täufer aufgrund ihrer gemeinsamen Herkunft in manchem sehr nahe bei der offiziellen evangelisch-reformierten Kirche. In vielen Hauptanliegen des christlichen Glaubens ist man sich einig.

"Allerdings ist man in täuferischen Gemeinden nicht automatisch dabei, sondern man bekennt sich dazu und wählt diese Gemeinschaft", erklärt Jecker. Dies führe zu einer höheren Verbindlichkeit. Die Täufer wollten sich von keiner Obrigkeit dreinreden lassen, wie sie ihren Glauben zu gestalten hätten.

Ein Jubiläum liegt dem Täuferjahr 2007 nicht zu Grunde. Das Interesse an dieser freidenkerischen, religiösen Bewegung ist in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen. Jetzt scheint die Zeit für einen Grossanlass reif zu sein.

swissinfo, Susanne Schanda

Fakten

Ein Festgottesdienst in der reformierten Kirche Langnau bildet am 24. März den Auftakt zum Täuferjahr.
Vom 7. Mai bis Ende Oktober ist der Erlebnisweg Täufertum im Trub im Kanton Bern in Betrieb.
Vom 26. bis 29. Juni finden die internationalen Tage zum Täuferjahr statt.
Weiter gibt es bis Ende Jahr in und um das Emmental rund 200 Vorträge, Ausstellungen, Theater, Konzerte und Exkursionen.

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FREIKIRCHEN

Nach der Niederschlagung des Bauernkriegs 1525 wurde das Täufertum zum Sammelbecken von Gläubigen, welche sich in ihrem Bemühen um Wiederherstellung eines "wahren Christentums" für eine radikalere Reform einsetzten.

1527 grenzte sich eine als Schweizer Brüder bezeichnete Gruppe ab und konstituierte sich als erste Freikirche. Sie verweigerte den offiziellen Kirchgang, den Eid und den Kriegsdienst und kritisierte die Allianz von Kirche und Obrigkeit.

Nach der Niederschlagung des "Täuferreiches von Münster" 1535 sammelte der ehemalige katholische Priester Menno Simons die niederländischen und norddeutschen Taufgesinnten oder Mennoniten.

Die obrigkeitliche Repression und Verfolgung löste mehrere Flüchtlingswellen quer durch Europa bis nach Russland und später nach Nord- und Südamerika aus.

Interne Konflikte führten 1693 zur Entstehung der Gemeinschaft der Amischen. Der Name geht auf Jakob Ammann zurück, der Gemeindeleiter einer Mennonitengemeinde im Simmental war.

Heute sind in der Schweiz 14 Gemeinden in der "Konferenz der Mennoniten der Schweiz" vereint, die rund 2500 Mitglieder zählen. Weltweit gibt es rund 1 Mio. Mennoniten.

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