Eine Kirche mitten im Hauptbahnhof

Die beiden neuen Seelsorger im Zürcher Hauptbahnhof, Roman Angst (links) und Toni Zimmermann, mit dem Bahnhofkirchen-Signet. Keystone

Der Zürcher Hauptbahnhof hat eine Kirche: Passanten und Bahnhof-Angestellten wird ab Pfingsten ein ökumenischer Seelsorgedienst angeboten - ein absolutes Novum für die Schweiz.

Dieser Inhalt wurde am 02. Juni 2001 - 10:24 publiziert

Wenn die Leute am Sonntag nicht mehr zur Kirche gehen, muss die Kirche zu den Leuten kommen. Jüngstes Beispiel für die Seelsorge-Offensive ist die Bahnhofkirche im Zürcher Hauptbahnhof. In dem vorläufig bis Ende 2004 befristeten Projekt arbeiten die katholische und die protestantische Kirche zusammen.

Während den Öffnungszeiten der Bahnhofkirche stehen die beiden Seelsorger - Pfarrer möchten sie nicht genannt werden - Roman Angst von reformierter und Toni Zimmermann von katholischer Seite für Gespräche zur Verfügung; an Wochentagen finden Andachten statt.

Die beiden Seelsorger möchten "einfach da sein, wo die Leute sind, da wo das Leben stattfindet", wie Toni Zimmermann gegenüber swissinfo sagt. Sie möchten sich nicht in den "Elfenbeinturm" zurückziehen und dort warten, bis die Leute kämen, "sondern sie dort, wo sie sind, ein Stück Weg begleiten".

Keine Kathedrale

Die rund 340'000 Passantinnen und Passanten, die täglich im Zürcher Hauptbahnhof verkehren, sowie die 5'000 Angestellten des ganzen Bahnhof-Komplexes erhalten allerdings keine Kathedrale. Gerade 60 Quadratmeter gross ist die Bahnhofkirche mit Kapelle, Besprechungs-Raum und Büro. Sie liegt eingeklemmt im sogenannten Zwischendeck des Hauptbahnhofs, unter der Bahnhofshalle und über dem Einkaufszentrum Shopville.

Seelsorgeangebot rund um die Uhr

Die beiden Seelsorger wollen nicht nur in der Bahnhofkirche, sondern auch in der Bahnhofshalle präsent sein. Denn es gehe für die Kirche um ein Seelsorgeangebot rund um die Uhr, wie Roman Angst gegenüber swissinfo betont.

Nach dem Lebensmittel-Einkauf im Shopville kann man also noch ein bisschen "Seelsorge shoppen". Dieser Ausdruck stört Roman Angst keineswegs; denn das komme immer zusammen im Leben, auch in den Kirchgemeinden. Zu ihm seien sehr oft Frauen mit der Einkaufstasche gekommen und hätten über ihre Eheprobleme gesprochen, meint er.

Offen für alle

Die Bahnhofkirche sei grundsätzlich offen für alle, auch für Leute, die mit der Kirche als Institution nicht viel am Hut hätten, erklären die beiden Seelsorger. Und sie sei offen für Angehörige aller Religionen. Zum Zeichen dafür sind an der Wand der kleinen Kapelle die Embleme der fünf grossen Weltreligionen in rechteckigen Tafeln aufgereit.

Dilettantische Psychotherapie?

Die neuen Seelsorgeangebote der Kirche stossen auch auf Kritik. Von Seiten des Schweizerischen Psychotherapeuten-Verbandes verlautete, vermehrtes Seelsorge-Bedürfnis sei zwar da, doch würden immer mehr Pfarrer ihr Kerngeschäft vernachlässigen und keine Orientierung in Wertefragen mehr vermitteln. Stattdessen betrieben sie "dilettantische Psychotherapie", für die sie nicht ausgebildet seien.

Diesen Vorwurf lassen sich die beiden Seelsorger nicht gefallen. Er verwahre sich gegen den Vorwurf des "Dilettantismus", erklärt Roman Angst gegenüber swissinfo. Sie hätten nämlich beide therapeutische Erfahrung und Ausbildung. Und Toni Zimmermann fügt hinzu, als Seelsorger hätten sie gar keinen Anspruch, irgendwelche Thearpie zu machen.

Unterstützung der SBB

Das Projekt Bahnhofkirche wird von den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) unterstützt. Nach Ansicht von Urs Schlegel, Leiter SBB-Liegenschaften, ist die Bahnhofkirche eine wichtige Dienstleistung. Gegenüber swissinfo sagt er, im hektischen Bahnhofsalltag habe bisher ein Ort der Stille gefehlt. Und es gebe manchmal Menschen, die in dieser Hektik Seelennöte hätten und eine Unterstützung bräuchten.

Jean-Michel Berthoud

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