Schweiz ist im Europa-Vergleich ein Paradies für Ausbrecher

Hinter Gitter: Klassische Gefängnisausbrüche aus geschlossenen Haftanstalten sind in der Schweiz stark rückläufig. Keystone / Gaetan Bally

In der Schweiz flüchten gemäss einer neuen Studie europaweit am meisten Insassen aus Gefängnissen. Hochgerechnet auf 10'000 machten sich 2017 rund 255 Häftlinge auf und davon. Das tönt negativ, ist aber eigentlich positiv. Denn die Rangliste bestrafe die "Guten", sagt ein Kriminologie-Professor.

Stephan Rathgeb, SRF

Auf den ersten Blick ist das für ein Land nicht sonderlich erstrebenswert: Die Schweiz belegt Rang eins, wenn es um Gefängnisflucht geht. In keinem Land auf dem europäischen Kontinent machen sich mehr Gefängnis-Insassen aus dem Staub. Dies zeigt der Space-Report, den der Lausanner Kriminologie-Professor Marcelo F. Aebi für den Europarat erstellt hat. Verglichen werden darin die Gefängnissysteme von 47 Ländern Europas.

Hochgerechnet auf 10'000 Häftlinge flüchteten in der Schweiz 2017 rund 255 Häftlinge. In anderen Ländern waren es viel weniger: in Frankreich rund 88 pro 10'000 Gefängnisinsassen, in Deutschland 61, in Österreich 30 und in Spanien zwei. Ähnlich oft wie in der Schweiz türmten Häftlinge in den skandinavischen Ländern: hochgerechnet 252 in Finnland und 238 in Schweden.

"Freiheit lernt man nicht im Gefängnis"

Die hohe Zahl der Gefängnisfluchten hängt gemäss Studienautor Aebi damit zusammen, dass die Schweiz – wie auch die skandinavischen Länder – stark auf den offenen und halboffenen Vollzug setzt, um die Leute am Ende der Haftzeit an die Freiheit zu gewöhnen. "Freiheit kann man nicht im Gefängnis lernen", sagt Aebi.

"Was aussieht wie 'bad news', sind in Wahrheit 'good news'", betont Aebi. Denn Länder, die stark auf offenen Vollzug und Reintegration setzen, hätten in der Regel eine tiefere Rate von Gefängnisinsassen. Auch die Rückfallraten seien in Ländern mit offenen Strafvollzug-Systemen geringer, die Resozialisierung gelinge besser.

"Länder, die ein sehr restriktives Gefängnissystem ohne offenen Vollzug kennen, haben langfristig im Schnitt eine Rückfallrate von rund 50 Prozent", sagt Aebi. Das heisst, jeder zweite Häftling landet ein paar Jahre nach der Freilassung erneut im Gefängnis. In Ländern mit einem offenen Strafvollzug liegt die Rückfallrate bei Erwachsenen gemessen an erneuten Verurteilungen bei 38 Prozent, wie die Studie zeigt.

Dass es auf dem Weg zu einer tieferen Rückfallquote gelegentlich zu der einen oder anderen Flucht eines Häftlings komme, sei der Preis, den man für ein "menschlicheres Gefängnissystem" bezahle, sagt Aebi. "Die Strafvollzugsbehörden in der Schweiz schauen heutzutage sehr genau, wen sie in den offenen Vollzug lassen."

Klassische Gefängnis-Ausbrüche rückläufig

Schaut man die Fluchtzahlen aus Schweizer Gefängnissen genau an, so stellt man fest, dass die klassischen Gefängnisausbrüche – also jene aus geschlossenen Haftanstalten – in der Schweiz stark rückläufig sind.

2010 brachen 24 Häftlinge aus geschlossenen Anstalten aus, im letzten Jahr schweizweit nur noch sechs. Die Flucht aus dem offenen Vollzug schwankt von Jahr zu Jahr stark. 2012 flüchteten beispielsweise 250 Häftlinge, 2017 waren es 170.

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