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Genetisch veränderte Pflanzen Die Politik misstraut der Wissenschaft

(Keystone)

Bis Ende 2013 gilt in der Schweiz ein Moratorium für genetisch veränderte Pflanzen (GVP), das um vier weitere Jahre verlängert werden könnte. Die Forschungsergebnisse können die Politiker offenbar nicht überzeugen. Und noch weniger die resoluten Gegner.

Während genetisch veränderte Pflanzen (GVP) seit 15 Jahren die USA, Lateinamerika und Indien überfluten, stossen sie in Europa weiterhin auf Misstrauen, insbesondere in der Schweiz.

2005 stimmte das Schweizer Volk einem 5-jährigen Moratorium für den kommerziellen Anbau von Gentech-Pflanzen zu. 2010 verlängerte das Parlament dessen Frist um drei Jahre.

Versehen mit einem Mandat des Bundesrats, der Schweizer Regierung, beschäftigten sich während dieser Zeit Wissenschafter mit Fragen der Nützlichkeit und Risiken der Verbreitung von diesen aus der "Grünen Gentechnik" entstandenen Pflanzen. Dies im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 59 des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Das Programm, das 2005 zur gleichen Zeit wie das Moratorium begann, lieferte Ende August dieses Jahres seine Forschungsergebnisse ab.

Diese sind klar: "Das Nationale Forschungsprogramm 'Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen' (NFP 59) hat keine Gesundheits- oder Umweltrisiken der Grünen Gentechnik festgestellt. Ihr wirtschaftlicher Nutzen ist unter den heutigen Bedingungen der Schweizer Landwirtschaft bescheiden. Er könnte in Zukunft allerdings steigen, wenn Pflanzen mit kombinierten Merkmalen, beispielsweise Herbizid- und Krankheitsresistenzen, zum Einsatz kommen", heisst es in einer SNF-Medienmitteilung vom 28. August.

Misstrauen der Schweiz…

Die Zusammenfassung des Schlussberichts des NFP 59 hört sich an wie ein grünes Licht der Wissenschaft an das Bundeshaus. "Lancieren Sie einen Aufruf an die Politik?", fragte ein Journalist an der Pressekonferenz zur Präsentation des Berichtes. "Unbedingt", antwortete Professor Dirk Dobbelaere von der Universität Bern. Er ist Präsident der NFP-Leitungsgruppe.

Ein Aufruf, der gut dokumentiert ist, aber kaum Chancen hat, gehört zu werden. Am 26. September hat sich nämlich der Nationalrat, die grosse Parlamentskammer, mit 112 gegen 62 Stimmen für eine Verlängerung des Moratoriums bis 2017 ausgesprochen. Angesichts der andauernden Zweifel an GVP, wie sie im Zusammenhang mit einer jüngst veröffentlichten französischen Studie erneut aufgebracht wurden (siehe Spalte rechts), fanden die Pro-GVP-Argumente aus Wirtschaftskreisen kein Gehör bei der Mehrheit der Abgeordneten. Der Ständerat, die kleine Parlamentskammer, hat sich noch nicht zu einer Moratoriums-Verlängerung ausgesprochen.

Die Mitglieder des SBV bleiben weiterhin mehrheitlich Gegner des kommerziellen Anbaus von Gentech-Pflanzen. "auch wenn es sich dabei nicht um eine grundsätzliche Opposition dagegen handelt", wie SBV-Vorstandsmitglied Bernard Nicod erklärt.

"Der Anbau von Gentech-Pflanzen muss drei Bedingungen erfüllen: Er muss ökologisch, landwirtschaftlich und wirtschaftlich interessant sein. Aber gegenwärtig wird keines der drei Kriterien erfüllt."

…und noch mehr bei den NGO

Greenpeace Schweiz hat sofort auf die Schlussfolgerungen des NFP 59 reagiert und namentlich "das Fehlen einer vertieften Analyse der Risiken des Konsums von genetisch veränderten Produkten für die Gesundheit von Menschen und Tieren" verurteilt.

Tatsächlich haben die Schweizer Forscher zu diesen Fragen keine eigenen Recherchen gemacht. Sie stützten sich lediglich auf die bereits weltweit vorhandene wissenschaftliche Literatur (über 1000 Studien). "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass in der Schweiz der menschliche oder tierische Organismus anders reagiert als im Ausland", heisst es im NFP-59-Bericht.

Diesen Studien fehle es am notwendigen zeitlichen Abstand, bemängelt Greenpeace. Denn die Auswirkungen auf die Gesundheit sind nach Ansicht der Nichtregierungs-Organisation (NGO) erst langfristig erkennbar. Greenpeace zweifelt zudem stark an der Unabhängigkeit solcher Untersuchungen, die öfter von der GVP-Industrie finanziert worden seien.

"Es geht uns nicht um ein 'Nein' aus Prinzip zu jeder Form von Gentechnik", sagt Françoise Minarro, Sprecherin von Greenpeace Schweiz. "Wir sind viel weniger extrem, als das Image, das uns die Leute verpassen. Wir sind für Forschung in begrenzten Bereichen, zum Beispiel zu medizinischen Zwecken. Doch eine industrielle Nutzung wird keinesfalls die gleichen Auswirkungen haben wie diese Versuche im Labor oder im offenen Feld auf ganz kleinen Flächen. Wir verlangen lediglich, dass das Prinzip der Vorsicht befolgt wird." Deshalb fordert Greenpeace Schweiz unbedingt die Verlängerung des Moratoriums.

Die schweizerische Entwicklungsstiftung Swissaid spricht sich ebenfalls klar für eine Verlängerung des Moratoriums aus. Laut Swissaid "verschärfen die GVP einzig und allein das Hungerproblem auf der Welt".

Dampfwalze Monsanto

"GVP bedeuten Umweltbelastung, Intensivproduktion und das Verschwinden der traditionellen Kulturen. Und die grosse Mehrheit dieser Pflanzen generiert nicht einmal einen höheren Ertrag als die anderen Pflanzen", sagt Françoise Minarro, die auf den Dokumentarfilm "Monde selon Monsanto" und das gleichnamige Buch von Marie-Monique Robin verweist, beide 2007 erschienen.

Die französische Investigativjournalistin (Albert-Londres-Preis 1995) hat von den USA bis nach Vietnam und von Europa bis Paraguay die gelinde gesagt aggressiven kommerziellen Praktiken des amerikanischen Agro-Chemie-Multis aufgedeckt. Monsanto ist heute weltweit die Nummer eins im Bereich GVP-Saatgut.

Marie-Monique Robin zeigt namentlich auf, wie Monsanto die sehr liberale amerikanische Gesetzgebung im Bereich Nutzung der Gentechnik buchstäblich diktiert hat. Vor der Kamera der Journalistin gibt der ehemalige Landwirtschaftsminister der demokratischen US-Regierung von Präsident Bill Clinton zu, es habe viel Druck auf ihn gegeben, "um, sagen wir es so, nicht zu streng zu sein".

Überleben des Fähigsten… oder des Nützlichsten

Um ihre Studien zu begleiten, haben die Schweizer Forscher des NFP 59 ihr Saatgut nicht bei Monsanto gekauft. Sämtliche ihrer Saatkörner bezogen sie aus staatlichen Labors oder Schweizer Universitäten.

Fabio Mascher von der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil (ACW) des Bundesamts für Landwirtschaft (BFL) hat an Versuchen mit dem Anbau von genetisch verändertem Korn auf offenem Feld gearbeitet, um dessen Widerstandsfähigkeit gegenüber gewissen Pilzen zu testen und die Verbreitungsrisiken in der Natur zu evaluieren. Die Schaffung von GVP gehört nicht zu den Aufgaben des Phytopathologen, Mascher ist Experte für klassische Selektionsmethoden.

"Ja, die Evolution der Arten basiert unter anderem auf genetischen Mutationen. Sie sind der Motor der Evolution. Sie sind es, welche die Biodiversität schaffen", erklärt Mascher. "Gemäss den Thesen Darwins selektioniert die Natur die überlebensfähigsten Individuen. Dagegen behält die klassische Selektion die für die Menschen nützlichsten Individuen zurück, und das sind nicht unbedingt dieselben."

"Doch diese Bedürfnisse sind nicht rein kommerzieller Natur, sagt Mascher. "Es geht darum, den Widerstand gegen Krankheiten zu stärken oder den Ertrag zu vergrössern, um mehr Menschen auf der Welt ernähren zu können, kurz, um das Überleben unserer Art."

Mehr Menschen ernähren. Das ist tatsächlich eines der Ziele, die nach dem Willen der politischen Behörden, die das NFP 59 in Auftrag gegeben haben, mit GVP erreicht werden sollten. Die Politik muss nur noch überzeugt werden, dass dieses Ziel ohne unerwünschte Kollateralschäden erreicht werden kann…

NFP 59

Um noch mehr Wissen über Nutzen und Risiken von genetisch veränderten Pflanzen (GVP) zu erarbeiten, hat die Schweizer Regierung den Schweizerischen Nationalfonds beauftragt, das Nationale Forschungsprogramm NFP 59 "Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen" durchzuführen.

Initiiert wurde das Programm im Dezember 2005. Es dauerte fünf Jahre und kostete 15 Mio. Franken.

Im Rahmen des NFP 59 haben Forschende in insgesamt 30 Forschungsprojekten die Nutzen und Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen in Bezug auf die ökologischen, sozialen, ökonomischen, rechtlichen und politischen Verhältnisse in der Schweiz untersucht. Die nun vorliegende Synthese basiert auf den Resultaten dieser Projekte.

Aus Zeit- und Geldmangel konnte das NFP 59 keine eigenen Recherchen über die Langzeit-Auswirkungen von GVP verfolgen. Deshalb stützten sich die Forscher auf drei umfangreiche Literaturstudien zu Fragen der menschlichen Gesundheit, zu ökologischen Risiken und zu Agrarökonomie und Koexistenz.

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Wie funktioniert das?

Vor 10'000 Jahren existierten keine Pflanzen und Tiere, die wir heute essen, in ihrer aktuellen Form. Seit der Mensch Viehzucht und Landwirtschaft betreibt, selektioniert er die Arten und behält zur Reproduktion jene Individuen oder Samen, die am nützlichsten für seine Bedürfnisse sind.

Mit der Gentechnik verändert sich die Selektion. Zur Verbesserung des Ertrags oder der Widerstandsfähigkeit einer Art verpflanzt man ihr ein oder mehrere Gene einer anderen Pflanze oder einer Bakterie. Die Art wird so transgenetisch.

Dem Mais und der Baumwolle "Bt" von Monsanto wurde eine Bakterie eingepflanzt, die natürliches Protein produziert, das giftig ist für die Larven von gewissen, für die Pflanze schädlichen Insekten. Die Pflanze beginnt dann, ihr eigenes Insektengift zu produzieren.

Auch die Natur, welche die Arten durch Genmutation entwickelt, kann gelegentlich "transgenetische Organismen" produzieren.

Forscher haben Gene von Bakterien in Pflanzen und Gene von Pflanzen in Bakterien identifiziert, ohne dass es dabei eine menschliche Intervention gegeben hätte.

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Neue Polemik?

Die genetisch veränderten Organismen (GVO) haben schädliche Auswirkungen auf Tiere und vermutlich auch auf Menschen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie über die Toxizität von transgenetischem Mais und von Roundup (Unkrautvertilgungsmittel, das von Monsanto produziert wird) der Universität Caen in Frankreich.

Die am 19. September 2012 in der Online-Zeitschrift Food and Chemical Toxicology veröffentlichte Untersuchung wurde an 200 Ratten erforscht und dauerte zwei Jahre.

Die langfristige Aufnahme, auch in kleinen Mengen, von transgenetischem Mais NK 603 und Roundup wirke als starkes Gift und sei oft tödlich, erklärte der Autor der Studie, der Molekularbiologe Gilles-Eric Séralini. Der Forscher ist auch Präsident des Wissenschaftsrates von 'Criigen', einer Organisation, die sich oft kritisch gegenüber GVO äussert.

Die Studie der Universität Caen, welche die Debatte über GVO in Frankreich neu lanciert hat, ist in der Welt der Forschung mit Skepsis aufgenommen worden. Die Auswahl der Versuchstiere (Ratten sind bekannt für ihre Veranlagung zu Tumoren), der Mangel an präzisen Informationen sowie die statistische Aufbereitung der zusammengetragenen Daten haben mehrere Forscher skeptisch gemacht.

Die Europäische Kommission hat dennoch ihr für die Nahrungsmittelkontrolle verantwortliches Büro beauftragt, die Ergebnisse der Studie zu begutachten.

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(Übertragung aus dem Französischen: Jean-Michel Berthoud), swissinfo.ch


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