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Neue Erkenntnisse über Gentech-Weizen



Trotz intensiven Tests bleiben gentechnisch veränderte Organismen ein kontroverses Thema.

Trotz intensiven Tests bleiben gentechnisch veränderte Organismen ein kontroverses Thema.

(Keystone)

Samen aussortieren, Bakterien züchten und Würmer abwägen. Nach intensiver dreijähriger Forschung haben sich Schweizer Forschende neue Einblicke in gentechnisch veränderten Weizen verschafft.

Während die Forscher in Sachen Pilz- und Bakterienresistenz gewisse Vorteile fanden, identifizierten sie nur wenige grössere Unterschiede zwischen gentechnisch verändertem und konventionellem Weizen bezüglich Verhalten und Auswirkungen auf andere Organismen.

Zwischen 2008 und 2010 haben Forschende in Reckenholz bei Zürich und Pully bei Lausanne 14 Sorten Gentech-Weizen angepflanzt und untersucht. Sie verglichen sie mit normalem Weizen sowie mit anderen Getreidesorten wie Gerste.

"Es war das erste Mal, dass gentechnisch veränderte Pflanzen auf landwirtschaftlicher Basis unter Schweizer Bedingungen untersucht werden konnten", sagte Beat Keller, Professor am Institut für Pflanzenbiologie der Universität Zürich an einer Fachtagung an der Forschungsanstalt Reckenholz-Tänikon (ART) am Donnerstag.

Die Feldversuche waren Teil des nationalen Forschungsprogramms NFP 59 "Nutzen und Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen". Die Versuche wurden von verschiedenen Forschungsgruppen unter dem Namen "Weizenkonsortium" durchgeführt.

Hohe Hürden

Einfach war das nicht. Wie ART-Forscher Michael Winzeler erklärte, mussten die Feldversuche mindestens 100 Meter von anderen Getreidefeldern entfernt durchgeführt und Netze gespannt werden, um die Vögel fernzuhalten.

Die Ernte erfolgte von Hand, und nachdem die Forschung abgeschlossen war, mussten rund 11 Tonnen Pflanzen sorgfältig zusammengetragen und verbrannt werden.

"Wir mussten bei den Versuchen einen sehr hohen Grad an Biosicherheits-Massnahmen erfüllen, was mit hohem finanziellem Aufwand verbunden ist", erklärte Wnzeler gegenüber swissinfo.ch. Einige der Anforderungen empfand der Forscher als zu restriktiv.

Und dann waren noch die Vandalen. Im Jahr 2008 zum Beispiel zerstörte eine Gruppe von 35 Personen das Feld in Reckenholz, zerstörte Pflanzen und bedrohte die Arbeiter. In Pully wurde ein Jahr später eine unidentifizierbare Flüssigkeit über einem Feld ausgeschüttet.

Als Folge dieser Vandalenakte musste das Projekt mit besseren Zäunen geschützt und eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung mit Hunden eingesetzt werden. Laut den Forschern dürften die Sicherheitsvorkehrungen etwa gleich viel gekostet haben wie die Forschungsarbeiten selber, obwohl die Gesamtkosten noch nicht vorliegen.

Zudem gab es Widerstand von Seiten der Anwohner, der bewältigt werden musste.

"Alle, die in einem Umkreis von 1000 Metern wohnten, konnten eine Beschwerde einreichen, auch wenn der Grund völlig unwissenschaftlich war, sagte Keller. Dies hatte hohe administrative Kosten zur Folge.

"Das Gesetz erlaubt Feldversuche, aber die Bedingungen sind äusserst restriktiv. Und es gibt keine Vorkehrungen, um die Forschung vor Vandalen zu schützen. Es braucht geschützte Felder", so Keller weiter.

Unterschiedliche Ergebnisse

Bei ihren Versuchen entdeckten die Forscher, dass Gentech-Weizen tatsächlich resistenter ist gegen Mehltau als regulärer Weizen.

"Mit den Gentech-Sorten war die Resistenz klar besser", sagte Susanne Brunner, Professorin an der Universität Zürich. Von den 12 getesteten Sorten zeigten alle eine höhere Resistenz. Die Hälfte zeigte aber auch Veränderungen wie gelbe Blätter oder geringeres Wachstum.

"Ein zusätzliches Gen bedeutet, dass die Pflanze mehr Energie braucht, was die Ernte schmälerte", betonte Agroscope-Forscher Fabio Mascher.

Gemäss Bernhard Schmid, Professor für Umweltwissenschaften an der Universität Zürich, ist eine gute Ernte im Gewächshaus noch keine Garantie für einen guten Ertrag im Freien, wo die natürliche Umgebung eine grosse Rolle spielt in der Landwirtschaft.

"Wir müssen die Dinge sehr sorgfältig anpassen, um sicher zu gehen, dass eine höhere Pilz-Resistenz nicht zu einem geringeren Ernteertrag führt. Deshalb brauchen wir diese Feldversuche, so Schmid.

Umwelteinflüsse

Und hier kommen die Blattläuse und Würmer ins Spiel. Bei einer Studie zeigte sich, dass diese kleinen Blattläuse an einer der Gentech-Sorten Gefallen fanden. Es gab aber wenige Unterschiede beim Wachstum von Würmern, welche in Zylindern eingeschlossen waren, wo es nur eine Weizensorte gab.

Bei allen Experimenten konnten die Forscher keine Auskreuzung zwischen Gentech-Weizen und normalem Weizen auf den Feldern in der Nähe beobachten. Allerdings gab es eine Auskreuzung mit Wildgras der Familie Aegilops, das in den Kantonen Wallis und Tessin sowie im Mittelmeerraum vorkommt.

Notwendige Forschung?

Nicht alle an der Tagung zeigten sich mit der Gentech-Forschung einverstanden.

"Ich bin total dagegen. Das Hauptinteresse hinter den Gentech-Organismen sind die Patente auf diesen Sorten. Das heisst, dass der Bauer der Zukunft jedes Mal, wenn er aussät, bezahlen muss", betonte Konferenz-Teilnehmer Urs Hans gegenüber swissinfo.ch.

Hans ist Landwirt und Mitglied des Zürcher Kantonsparlaments. Über die Resultate der dreijährigen Studie ist er nicht erstaunt. Was ihm Sorge bereitet, ist, was die Wissenschafter nicht wissen.

"Ich bin sicher, dass es Risiken gibt. Sie können sich nicht sicher sein, was passiert", kritisiert Uns Hans.

Wilhelm Gruissem, Professor am Institut für Pflanzenwissenschaften an der ETH Zürich, ist jedoch überzeugt, dass Gentech die Zukunft ist.

"Wir leben in einer Umwelt, in der Pflanzen ständig von Krankheitserregern verfolgt und von Krankheiten befallen werden. Diese Forschung ist notwendig, wenn wir langfristige Nahrungssicherheit und nachhaltige Landwirtschaft wollen", sagte Gruissem gegenüber swissinfo.ch.

In anderen Ländern, so Gruissem, gebe es viel weniger Vorschriften für Forschende als in der Schweiz.

NRP 59

Der Bundesrat verlangt vom Nationalen Forschungsprogramm 59 "Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen" die Beantwortung von Fragen betreffend GVO.

Das Programm, seit 2006 operativ, verhält sich neutral gegenüber dem Einsatz von GVO.

In der Schweiz ist bis 2013 ein Moratorium in Kraft, das die kommerzielle Nutzung von GVO verbietet – Forschung hingegen ist erlaubt. Diskussionen über eine Verlängerung des Moratoriums werden vermutlich 2012 beginnen.

Weltweit werden auf 134 Millionen Hektaren GVO angepflanzt.

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konsortium-weizen.ch

Das "Konsortium-Weizen.ch" ist ein Netzwerk von Forschungsgruppen der Institute für Pflanzenbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich, des Instituts für Pflanzenwissenschaften der ETH Zürich, weiterer Schweizer Hochschulpartner und der Forschungsanstalten Agroscope Reckenholz-Tänikon ART und Changins-Wädenswil ACW.

In einem gemeinsamen Projekt werden Weizenpflanzen, denen gentechnisch eine erhöhte Resistenz gegenüber der Pilzkrankheit Mehltau verliehen wurde, im Feld untersucht. Die Forschenden möchten wissen, ob die Weizenpflanzen, welche im Labor besser vor Pilzinfektionen geschützt sind, diese Eigenschaft auch unter natürlichen Feldbedingungen, etwa mit Wind und Regen, zeigen und ob allenfalls züchterisch unerwünschte Nebeneffekte (z.B. Ertragsreduktion) auftreten.

Zudem gibt es eine Reihe von Projekten zu Fragen der Biosicherheit. Dabei sollen die Wechselwirkungen mit der Umwelt, mit anderen Pflanzen, Bodenlebewesen oder Insekten am Weizen, genau erforscht werden.

Das Projekt ist Teil des Nationalen Forschungsprogramms 59 „Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen“, welches der Schweizerische Nationalfonds im Auftrag des Bundesrats durchführt.

(Quelle: konsortium-weizen.ch)

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Agroscope

Agroscope ist die Sammelbezeichnung für die drei Forschungsanstalten des Bundesamts für Landwirtschaft (Eidg. Volkswirtschafts-Departement).

Das besondere Anliegen der Forschung gilt einem vielfältigen, ländlichen Raum.

Die Mitarbeiter entwickeln und beurteilen nachhaltige Produktionssysteme im Pflanzenanbau und in der Tierhaltung in einem ganzheitlichen Forschungsansatz.

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(Übertragen aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein), swissinfo.ch


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