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Die protestantische Kirche "muss sich äussern"

Gottfried Locher wünscht sich, dass die reformierte Kirche ihre Stimme wieder erhebt.

(ZYG)

Der Evangelische Kirchenbund hat schwindende Mitgliederzahlen zu beklagen. Der neue Präsident, Gottfried Locher, der die Protestantische Kirchenorganisation vom Januar 2011 an leiten wird, will der Gesellschaft erklären, weshalb seine Kirche etwas Interessantes sei.

Gottfried Locher sagt gegenüber swissinfo.ch, er sei gewillt, der Protestantischen Kirche mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Sie soll klar ausdrücken, für was sie steht.

Der 44-jährige Berner Pfarrer freut sich auf die Herausforderung, den 2,4 Millionen Protestanten in der Schweiz vorzustehen.

swissinfo.ch: Wie wollen Sie Ihre Kirche formen und welche Prioritäten setzen Sie dabei?

Gottfried Locher: Ganz wichtig für mich ist es, zu zeigen, dass es bei der protestantischen Tradition um ein christliches Leben geht, das Anderen gegenüber mitgeteilt werden kann, das verständlich, attraktiv ist und an das sich die Leute gerne anschliessen möchten. Sie muss gleichzeitig eine Bewegung sein, aber auch einen festen Platz geben, wo man sich zu Hause fühlt.

swissinfo.ch: Das tönt wie eine grosse Herausforderung.

G.L.: Sicher. Zur Zeit gilt diese Herausforderung für alle christlichen Traditionen. Sie müssen der Gesellschaft erklären, weshalb ihre Kirchen etwas Interessantes sind. Das gilt für die Protestantische nicht anders.

swissinfo.ch: Sie sagen, der Kirchenbund soll mit einer klaren Stimme sprechen. Über welche Themen soll er denn sprechen?

G.L.: Themen gibt es auf mehreren Ebenen. Zuerst die Geistliche. Die Kirche hat über Jesus Christus zu sprechen. Und über den Lebenswandel und die Werte, die er uns gab. Das steht wohl im Zentrum jeder Kirche.

Davon ausgehend gibt es ein soziales Engagement sowie gesellschaftliche und politische Themen, die der Kirche nahe liegen. Zum Beispiel der Geschlechter-Gleichberechtigung im beruflichen Umfeld, oder die Beziehung der reichen mit den armen Ländern. Dazu muss sich die Kirche äussern.

swissinfo.ch: Und die speziellen Themen hier in der Schweiz? Muss sich die Kirche zur Todesstrafe oder zum Burkaverbot äussern?

G.L.: Ja, ich glaube, hier muss man Position beziehen, bei aller Vorsicht, ohne vorschnell etwas zu sagen. Wir sollten warten, bis die Argumente auf dem Tisch liegen, sich eventuell etwas abgekühlt haben, und erst dann unsere Stimme erheben.

Die Todesstrafe ist ein einfaches Problem. Die Position der Kirche ist hier relativ klar. Doch am Beginn des Lebens, bei der Abtreibungsfrage, haben die verschiedenen christlichen Kirchen unterschiedliche Meinungen.

swissinfo.ch: Und der Mitgliederverlust? Es gibt Schätzungen, wonach die heute 33% Protestanten an der Bevölkerung bis 2050 auf 20% sinken könnte.

G.L.: Absolute Zahlen beschäftigen mich weniger als der Trend. Wenn wir nicht im Stande sind, den Leuten zu erklären, für was wir einstehen und dass die Kirche etwas Attraktives ist, dann sind wir nicht im Stande, unsere Aufgaben zu machen. Solange der negative Trend anhält, erfüllt uns das mit Sorge.

swissinfo.ch: Wie kann die Kirche glaubwürdig bleiben, wenn sie Mitglieder verliert oder wenn sie nur noch für Senioren da ist?

G.L.: Es macht mir besonders Mühe, dass wir in unserer christlichen Tradition mehr Probleme mit Jungen haben als beispielsweise die katholische Kirche.

Glaubwürdigkeit ist ein Schlüsselwort. Was heisst das denn für eine Kirche? Sicher einmal das Weitergeben unserer Aufgabe. Wir entscheiden ja nicht selbst, was wichtig und was unwichtig ist in der Kirche. Es war Jesus Christus, der uns das gelehrt hat. Das klar rüberzubringen, ohne ins sozial-gesellschaftliche Gerede abzugleiten, dürfte der erste wichtige Schritt sein.

Wir müssen direkter werden im Überbringen unseres Glaubens.

swissinfo.ch: Also müssen Sie geradeweg Farbe bekennen und Ihren Glauben darlegen?

G.L.: Ja, so lässt sich das sagen. Wobei Reden allein nicht genügt. Auch unsere Programme als Kirche gehören dazu.

swissinfo.ch: Soll die Kirche diese Programme bewerben?

G.L.: Ich glaube, wir müssen uns dabei auf den Gottesdienst konzentrieren. Wenn wir eine Form des Gottesdienstes finden, die den Leuten ein gutes Gefühl vermittelt, haben wir die beste Werbung gemacht.

Bringen wir das nicht zu Stande, nützt sämliche Werbung nichts.

swissinfo.ch: Was tun Sie gegen langweilige Predigten?

G.L.: Zweierlei. Zum ersten das persönliche Beispiel. Predigten müssen für die Zuhörenden interessant sein.

Zweitens ist auch der erzieherische Aspekt zu beachten. Künftige Pfarrer benötigen ein Training. Und wir sollten guten Reden mehr Gewicht beimessen.

swissinfo.ch: Sie waren und sind ökumenisch engagiert. Doch die Religionslandschaft ändert sich. Wird die Zusammenarbeit mit anderen religiösen Gruppen wichtiger?

G.L.: Ja, sie ist es bereits geworden. Gleichzeitig gilt es, das eigene Profil besser zu vermitteln. Es ist ja kaum möglich, den Leuten den eigenen Glauben zu vermitteln, wenn das nur über inter-religiösen Dialog möglich ist.

Der Dialog mit anderen Gruppen ist wichtig, sonst setzen wir die Religionsfreiheit und den relativen Frieden aufs Spiel, den wir in der Schweiz geniessen.

Gleichzeitig stehen wir für etwas Anderes als andere Religionen - und darüber müssen wir ebenfalls sprechen.

In den Städten entwickelt sich zur Zeit etwas, das wir in der Schweiz für lange Zeit nicht kannten, die so genannten Migrationskirchen. Dabei halten Christen einer ähnlichen Ausrichtung, aber mit einem anderen kulturellen Hintergrund, ihre eigenen Gottesdienste ab.

In Bern trifft das vor allem auf afrikanische Gemeinden zu. Meine Kirche bemüht sich, die Beziehungen dieser Gruppen zur gängigen etablierten Kirche zu festigen. Das ist wichtig, für die Aufrechterhaltung der sogenannten sozialen Kohäsion.

swissinfo.ch: Sie wurden kürzlich zum Vizepräsidenten der Weltgemeinschaft protestantischer Kirchen gewählt. Wie wichtig ist der Kontakt zu den Kirchen im Ausland?

G.L.: Lebenswichtig. Wenn wir nicht offen bleiben für den Kontakt mit anderen Protestanten, riskieren wir ständig, die Kirche als etwas so genannt Lokales zu sehen - eine ständige Versuchung, selbstzufrieden und selbstgerecht zu werden.

Wenn es dann um soziale Gerechtigkeit geht, macht ein nationales Vorgehen wirklich keinen Sinn mehr. Dieser Bereicht ist multinational geworden, und da braucht es eine gemeinsame Sprache.

Morven McLean, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle)

Gottfried Locher

Seit 2006 Leiter des Instituts für ökumenische Studien an der Uni in Freiburg.

1995 bis 1999 Pfarrer an der Schweizer Kirche in London. Damals hörte er regelmässig Swiss Radio International.

Von 2011 bis 2014 wird er dem Evangelischen Kirchenbund vorstehen.

44 Jahre alt, verheiratet mit drei Kindern, lebt in Bern.

Er hat in Theologie doktoriert, und hält ein MBA der London Business School.

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Ev. Kirchenbund

Der Kirchenbund ist eine Allianz von 24 (Evangelisch-)Reformierten Kantonalkirchen, der Evangelisch-methodistischen Kirche und der Église évangélique libre de Genève.

Bevölkerungsmässig repräsentierte der Bund im Jahr 2000 rund 2,4 Millionen Protestanten.

Der Kirchenbund vertritt die protestantischen Anliegen der Schweiz im In- und Ausland.

Er ist als Verein organisiert, wird von einem neunköpfigen Rat geleitet, mit Gottfried Locher ab 2011 als Präsident.

Der Kirchenbund ist Ansprechpartner für die Bundesbehörden und anderen nationale religiöse und nichtreligiöse Organsationen wie die Bischofskonferenz oder die jüdischen Gemeinden.

International vertritt der Bund seine Mitglieder unter anderem im Reformierten Weltbund und im ökumenischen Rat der Kirchen.

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