Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Kein Exodus Deutsche verlassen die Schweiz: Alles halb so wild

Während im Zunfthaus zur Meisen Vorträge gehalten werden, wird im Zürcher Hauptbahnhof Oktoberfest gefeiert.

Während im Zunfthaus zur Meisen Vorträge gehalten werden, wird im Zürcher Hauptbahnhof Oktoberfest gefeiert.

(Keystone)

Es hört sich an wie das Klagelied nach Liebesentzug: "Die Deutschen kehren heim", schrieben Schweizer Zeitungen kürzlich. Doch die Zuwanderung von Deutschen hat sich lediglich abgeschwächt. Noch immer kommen mehr in die Schweiz, als heimkehren. Spezielle deutsche Programme wollen Landsleute zurücklocken.

Es gibt Weisswurst, Bier und Brezeln. Doch der Schein trügt; zwar werden mittlerweile überall auf der Welt Oktoberfeste nach bayrischem Vorbild gefeiert, doch ausser diesen drei Zutaten hat die seriöse Veranstaltung im Zürcher Zunfthaus zur Meisen Anfang Oktober keine weiteren Gemeinsamkeiten mit dem feuchtfröhlichen Münchner Original.

Den Veranstaltern von "Return to Bavaria" ist es bitter ernst mit ihrem Anliegen, bayrische Fachkräfte zurück in den Freistaat zu holen. Eine der Stationen der weltweit angelegten Aktion ist auch die Schweiz.

"Sie werden dringend benötigt", ruft Projektleiterin Monika Wilhelm in den Saal. "Wir haben Fachkräftemangel", und der werde in Zukunft noch zunehmen. "Da besinnt man sich jeglicher Ressource." Das Ziel sei, die besten Köpfe weltweit wieder zurück nach Bayern zu holen. Geld wird bei diesem Programm keines geboten, dafür unter anderem Karriereberatung und Hilfe bei der Wiederansiedelung.

Deutsche in der Schweiz

Ende August 2013 lebten 290'514 Deutsche in der Schweiz. Das entspricht 15,6% aller Ausländerinnen und Ausländer im Land.

Die Deutschen sind nach den Italienern (299'002) die zweitstärkste ausländische Bevölkerungsgruppe in der Schweiz.

Insgesamt leben 1'864'699 Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz, was einem Anteil von 23,2% an der gesamten ständigen Bevölkerung entspricht.

2008 (Ausbruch der Finanzkrise) war das Rekordjahr der deutschen Zuwanderung in die Schweiz: Die deutsche Gemeinschaft in der Schweiz nahm damals um 31'463 auf 233'352 Personen zu. 2012 war es noch eine positive "Wanderungsbilanz" von 9717 Personen.

(Quelle: Bundesamt für Migration BFM, Statistikdienst)

Infobox Ende

"Mich überzeugt, mit welcher Ehrlichkeit hier geworben wird", sagt ein 52-jähriger Bayer aus der Beratungsbranche nach der Veranstaltung. Er sei aus reiner Neugier gekommen, habe aber nicht vor, die Schweiz zu verlassen, betont er.

Auch Akademiker gefragt

Die Aktion des Bayrischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie wird von der "German Scholars Organization" (GSO) durchgeführt, die bereits auf eine zehnjährige Erfahrung im Bereich der Rückführung von Akademikern zurückblicken kann.

"Sehr, sehr viele" hätten den Wunsch, zurückzukehren, sagt Sabine Jung von der GSO. Bisher hat die Organisation für deutsche Universitäten akademisches Personal im Ausland rekrutiert. So konnte sie auch Professoren aus der Schweiz abwerben – mit lukrativen Angeboten. Bei "Return to Bavaria" konzentriere man sich nun "ausdrücklich auf die Wirtschaft".

Die Zahlen

Doch allen Programmen zum Trotz, die Schweiz scheint als Zuwanderungsland weiterhin attraktiv zu bleiben. Tatsächlich kommen immer noch knapp 10'000 Deutsche mehr in die Schweiz, als diese wieder verlassen: 2012 wanderten 27'123 Deutsche in die Schweiz ein, während 16'479 das Land verliessen. Zahlen von Ende August 2013 bestätigen: Auch dieses Jahr sind bisher 8071 mehr Deutsche ein- als ausgewandert.

Fakt ist aber: Die Zuwanderung von Deutschen in die Schweiz nimmt ab. So waren 2008 über 30'000 Deutsche zusätzlich in die Schweiz gezogen, was zum Teil zu Konflikten und bösen Worten geführt hatte. Manche befürchteten, ihre Jobs seien in Gefahr.

Für die Deutsche Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich, hat die zunehmende Rückwanderung mit dem neuen Phänomen der hochqualifizierten Migration zu tun. Alle Branchen, in denen hochqualifizierte Berufsleute gebraucht würden, seien davon betroffen.

Rost, die sich mit Anreiz-Systemen beschäftigt, zweifelt daher an einer breiten Wirksamkeit von Rückkehrer-Programmen. "Die Leute, die man zurückhaben möchte, sind international gefragt. Die kriegen überall einen Job und sind nicht darauf angewiesen, nach Deutschland zu kommen. Dieses Problem hat nicht nur Deutschland, das hat derzeit jedes Land, auch die Schweiz."

Schweiz lanciert Rückkehrer-Programm

Auch die Schweiz will in nächster Zeit ihr "akademisches Headhunting" verstärken, wie kürzlich bekannt wurde.

Der Entwurf zu einem Pilotprojekt soll noch diesen November im Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds eingereicht werden.

Infobox Ende

Kein Drama

"Keines unserer Mitglieder plant, in die Bundesrepublik zurückzukehren. Alle hier sind bestens integriert", sagt Michael Gniffke von "Deutsches Haus – Verein der Deutschen in der Schweiz".

Auch Fritz Burkhalter vom Swiss German Club vermutet, dass die zunehmende Rückwanderung einer "normalen Fluktuation" entspricht. Zudem habe sich der Arbeitsmarkt in Deutschland verbessert. Man sollte die Rückwanderung daher "nicht dramatisieren".

Laut dem Jahresgutachten 2013 des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration hat Deutschland "in den letzten beiden Jahren eine Trendänderung erfahren und sich von einem Land mit zeitweise negativer Wanderungsbilanz, einer nur geringen Zuwanderung von Hochqualifizierten und anhaltend hoher Abwanderung wieder zu einem wichtigen Zuwanderungsland entwickelt, das zunehmend auch qualifizierte Zuwanderer gewinnt".

"Die jüngsten Reformen haben Deutschland zu einem der OECD-Länder mit den geringsten Beschränkungen für die Zuwanderung von hochqualifizierten Fachkräften gemacht, die Zahl der Zuzüge ist jedoch nach wie vor relativ gering", schätzt hingegen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem Bericht "Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte: Deutschland 2013".

Engpässe sieht die Studie in einzelnen technischen Berufsfeldern sowie in den Gesundheits- und Pflegeberufen. Bayern-Promoterin Monika Wilhelm ergänzt, besonders Techniker, Ingenieure, Ärzte, Pflegekräfte und Handwerks-Meister seien dringend gefragt.

"Deutsche Welle"

Als ab 2008 eine rekordhohe Anzahl von Deutschen in die Schweiz zog, führte dies in Teilen der Bevölkerung zu Unmut. Es wurde befürchtet, Deutsche könnten Schweizern Jobs wegnehmen.

In den Medien war oft von einer "deutschen Welle" die Rede. Die direkte Art vieler Deutschen führte bei den eher reservierten Schweizern zu Kritik.

Gerade in letzter Zeit wurde das Thema durch verschiedene Medienberichte wieder aufgeheizt, nachdem sich ein deutscher Journalist negativ über seine Zeit in der Schweiz ausgelassen und damit ein enormes Echo ausgelöst hatte. Die Schweizer gäben "den Deutschen ständig zu verstehen, dass sie nicht dazugehören", schrieb er.

Alle von swissinfo.ch für diesen Artikel befragten Expertinnen und Experten hingegen schätzen, dass das so genannte "German-Bashing" eher ein "Medienhype" und ein "Mythos" sei.

Infobox Ende

Rückkehr Privatsache

Während die Gründe für eine Auswanderung meist beruflicher Natur sind und in vielen Branchen ausdrücklich Auslanderfahrung erwünscht ist, habe man beobachtet, dass überwiegend private Gründe zu einer Rückkehr führten, so Wilhelm. "Die Nähe bei Eltern, Geschwistern, das Umfeld, vielleicht ein Haus, das man erbt." Dafür nehme man auch ein tieferes Einkommen in Kauf.

Doch bei einigen könnte es auch eine Frage der Integration sein, wie die Vereine betonen. "Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das Bild der heilen Welt in der Schweiz mit persönlichen Erfahrungen ein bisschen relativiert hat", sagt Gniffke vom Deutschen Haus. "Und dass sie vielleicht wieder zurück zu den Wurzeln möchten, sich auch etwas akzeptierter fühlen, weil vielleicht der eine oder andere doch nicht ganz integriert war."

Und beim Swiss German Club habe man festgestellt, "dass viele Deutsche in der Schweiz nicht heimisch werden", sagt Burkhalter. "Es gibt halt Leute, die den Zugang zu den Schweizern nicht finden. Das begründet sich auch aus verschiedenen Mentalitäten, es ist nicht nur die Sprache."

An den Mentalitätsunterschieden allein liege es aber nicht, schätzt die Süddeutsche Zeitung. Solche gebe es auch zwischen Regensburg und Rostock. "Ausschlaggebend für manche Rückkehrer durfte vielmehr die Erkenntnis sein, dass die Schweiz doch kein Steuerparadies und obendrein ein ziemlich teures Pflaster ist."

Allerdings scheint es immer noch sehr vielen Deutschen in der Schweiz zu gefallen, wie an der bayrischen Veranstaltung in Zürich ein IT-Fachmann in seiner Frage verklausuliert: "Ich habe es aus Bayern in die Schweiz geschafft, warum sollte ich zurück?"

swissinfo.ch


Links

×