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Landwirtschaftsreform Bauern unter Druck

Sonja und Andreas Hofer vor ihrem Hof.

Sonja und Andreas Hofer vor ihrem Hof.

(swissinfo.ch)

Schweizer Bauern suchen Hilfe bei einem Coach, weil sie sich zunehmend grösseren finanziellen und psychologischen Belastungen ausgesetzt fühlen. Das ist eine der unangenehmen Seiten der immer grösseren Regeldichte in der Landwirtschaft.

Die Preise für Landwirtschaftsprodukte sind gesunken. Die Direktzahlungen werden in den kommenden Jahren stärker von nachhaltigen Produktionsmethoden abhängig sein.

"Das verlangt von den Bauern einen breiteren Denkansatz. Viele sind sich die traditionellen Anbaumethoden gewohnt und haben bisher die fundamentalen Änderungen der vergangenen 40 Jahre nicht in ihr Denken einbezogen", sagt der Landwirtschaftsberater und Landwirt Ernst Flückiger.

Zu seinen Kunden gehören auch Andreas und Sonja Hofer. Sie bewirtschaften im Emmental seit 7 Jahren einen Bauernhof mit 30 Hektaren Land, 27 Kühen, 50 Kälbern und 50 Schweinen. Ein Bienenschwarm, Katzen und ein Hund komplettieren den Hof der Familie mit ihren 3 Kindern.

"Zentral abgelegen"

Der Hof liegt auf 820 Metern über Meer inmitten von Wiesen und Wäldern, 30 Autominuten von Bern entfernt. " Wir sind zentral abgelegen", witzelt Andreas Hofer.

Der 42-Jährige ist auf dem Hof aufgewachsen, der seit 300 Jahren im Familienbesitz ist. Da er gerne mit Tieren arbeite, sei ihm die Berufswahl nicht schwer gefallen. Nun sitzt er in der grossen Küche und widersteht der Versuchung, die Politiker zu kritisieren, die in den vergangenen Jahren die Agrarpolitik immer wieder geändert und ihm das Leben schwerer gemacht haben.

"Mein Vater hat jährlich rund 80'000 Liter Milch gemolken und bekam bis zu 1 Franken und 7 Rappen pro Liter. Ich melke 200‘000 Liter und erhalte noch zwischen 55 bis maximal 60 Rappen.

Berater angefragt

Dazu kommen die steigenden Kosten für Maschinen, Versicherungen und die Reserven für Renovationen an Gebäuden und andern Infrastrukturen. Gesamthaft sei das Einkommen um rund 100'000 Franken jährlich gesunken, rechnet Hofer zusammen.

Nun seien sie an einem Punkt angekommen, an dem sie sich - wie andere Schweizer Bauern-  fragten, ob sie überhaupt noch eine Zukunft hätten, sagt Hofer. Vor zwei Jahre hat sich das Paar entschieden, Ernst Flückiger für eine Beratung anzufragen.

"Meine Rolle ist nicht die eines typischen Beraters und ich habe auch keinen pfannenfertigen Lösungen. Ich stelle Fragen, aber es ist an den Bauern, Entscheide zu treffen", sagt Flückiger gegenüber swissinfo.ch.

Lebensbedingungen hinterfragt

Beim ersten Treffen erwarteten Andreas und Sonja Hofer von ihrem Berater eine kritische Begutachtung ihrer Situation. "Ein guter Freund erkrankte psychisch und musste in die Klinik. Es gab dort auch innerfamiliäre Schwierigkeiten. Das ist uns nahe gegangen", erzählt Sonja Hofer.

Daraufhin begannen sie ihre eigenen Lebensbedingungen zu hinterfragen. Milchbauern zu sein, das bedeutet tägliches Aufstehen vor dem Sonnenaufgang uns bis zum Abend durchzuarbeiten und das sieben Tage in der Woche und ohne Ferien. Mit Blick auf weitere 20 Jahre als Bauern und die zunehmende Arbeitsbelastung entschieden sie sich für eine Bestandesaufnahme.

Mehr Mut

Zusammen mit dem Berater prüften sie verschiedene Optionen, von der Aufgabe der Milchwirtschaft zugunsten der Viehzucht bis hin zu einem Zukauf eines weiteren Hofs, um die Milchproduktion zu erhöhen. Sie diskutierten auch die Möglichkeit, dass Sonja Hofer ausser Haus arbeiten würde.

”Wir hatten den Wunsch, den Betrieb mal von jemandem von aussen anschauen zu lassen, der sagen kann, was man ändern könnte. Es hat sich dabei bestätigt, dass gar nicht alles so schlecht ist, was wir tun", erzählt Andreas Hofer: "Man geht mit anderem Mut an die Arbeit."

Durch einen glücklichen Zufall wurde Sonja Hofer auf eine Stelle als Hauspflegerin bei einer Familie in der Nähe aufmerksam. Jetzt arbeitet sie dort an einzelnen Tagen, obschon das mit einem grossen Organisationsaufwand für die Familie verbunden ist.

Unternehmer werden

Flückiger, der seit bald zehn Jahren Landwirte berät, sagt, die meisten Änderungen in der Landwirtschaft stellten vielfach eine grosse Herausforderung dar. Die Auswahlmöglichkeiten seien für die Betroffenen jeweils nicht gross. Doch trotz der Schwierigkeiten fänden die meisten seiner Kunden eine bessere Lösung.

Flückiger besteht darauf, dass die Bauern lernen müssten, wie Unternehmer zu handeln, um zu überleben. Zudem müssten sie verstärkt mit andern Bauern zusammenarbeiten: "Es gibt jedoch keine einfachen Lösungen. Jeder Fall ist anders, jeder muss seine eigenen Stärken einsetzen."

Lob von der OECD

Verglichen mit der Landwirtschaft im EU-Raum, sind die Betriebe in der Schweiz kleiner und die Subventionen sind höher. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OECD) attestiert der Schweiz, sie habe im Landwirtschaftsbereich Reformen durchgeführt und Handelshemmnisse verkleinert.

Die Reformen haben für kleinere Bauern wie Hofer jedoch auch negative Folgen. Sie können nicht mit Grossbetrieben im Flachland konkurrenzieren. Alternativen wie Auswandern sind kaum realistisch. Ein neues Leben im Ausland beginnen, das wäre für ihn keine Option, sagt Andreas Hofer.

Mehr Achtung

In einer idealen Situation würde die Bauern für ihre Produkte höhere Preise erzielen, sagt Flückiger. So könnten sie ihre Höfe behalten und der Beruf wäre auch für die nächste Generation attraktiv. Es gäbe noch viel Arbeit, um bei den Konsumentinnen und Konsumenten das Bewusstsein über die Wichtigkeit lokaler Produkte zu fördern.

Andreas Hofer seinerseits sagt, es wäre ihm egal, ohne Subventionen auskommen zu müssen, wenn er für seine Milch einen fairen Preis erhielte: "Ich wünschte mir, die Leute hätten mehr Achtung und Verständnis für die Lebensmittel. Und dass sie wieder wüssten, was es braucht, um Qualität herzustellen."

Landwirtschaft im Umbruch

1996 hat das Schweizer Stimmvolk einer Verfassungsänderung zugestimmt, welche die Landwirtschafts-Subventionen mit einem ökologischen Leistungsnachweis verknüpft.

1999 Aufhebung der Preisgarantien

2007 Abkommen mit der EU über einen Käsefreihandel.

2008 Beginn der Verhandlungen mit der EU über ein Freihandels-Abkommen im Bereich Landwirtschaft.

2009 Aufhebung der Milchkontingentierung

Mit dem Landwirtschafts-Programm 2014-2017 will der Bundesrat die Direktzahlungen stärker mit nachhaltiger Produktion, guter Tierhaltung und Förderung der Biodiversität verknüpfen.

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Zahlen

Die Anzahl der Bauernhöfe ist in der Schweiz von mehr als 125'000 vor dreissig Jahren auf knapp 60'000 im Jahr 2010 zurück gegangen.

Gleichzeitig hat die Beschäftigtenzahl im gleichen Zeitraum von 359'000 auf 167'000 abgenommen. Zurzeit arbeiten rund 4,3% der aktiven Bevölkerung in der Landwirtschaft.

Die Landwirtschaftsfläche der Schweiz erstreckte sich 2010 über 1'055 684 Hektaren.

47% des Landwirtschafts-Landes liegt im Flachland, 26% ist hügelig, der Rest liegt in den Bergen.

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(Übertragen aus dem Englischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch


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