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Platzierung von Kindern heute Eine Familie (fast) wie alle andern



Françoise und Christian mit drei "ihrer" Kinder.

Françoise und Christian mit drei "ihrer" Kinder.

(swissinfo.ch)

Heute sind Kinderrechte etabliert und die Platzierung von Kindern ist strikt reglementiert. Doch das Leben hat sich nicht verändert. Laut den erhältlichen Zahlen leben zwischen 11'000 und 15'000 Kinder bei Pflegefamilien oder in Institutionen. Eine Reportage aus einer Pflegefamilie.

"Mein Vater war ein Drogendealer, er hat fast die Hälfte seines Lebens im Gefängnis oder auf der Flucht verbracht; meine Mutter war eine Art Junkie", erzählt Lucien mit ruhiger und fester Stimme

"Sie wurde sich bewusst, dass sie mich und meine Schwester nicht aufziehen konnte und hat verlangt, dass wir in eine Pflegefamilie platziert werden", sagt der 18-Jährige, während er einen riesigen Schäferhund streichelt.

Dann geht der Informatik-Lehrling ins Tischtennis-Training. Er kam mit zweieinhalb Jahren ins lichtdurchflutete und funktionale Haus von Françoise und Christian im Freiburger Hinterland, zusammen mit seiner damals vierjährigen Schwester Rosa.

Seit seine Schwester nicht mehr bei den beiden Pflegeeltern lebt, besteht die Familie aus dem 22-jährigen Adoptivsohn und vier Pflegekindern: Julie (21, Floristin), Lucien, Constant (13) und Jérôme (11).

Berufung und Beruf

Die Pflegeeltern sind 48 und 50 Jahre alt, verheiratet seit 25 Jahren. Seit 20 Jahren betreuen sie Kinder. Sie, Sekretärin und Bauerntochter, er, Sanitärinstallateur, hatten sich eine "normale" Existenz vorgestellt, mit Kindern, einem Familienbetrieb…

Doch das Leben entschied anders. Weil sie an einer Erbkrankheit leidet, entschied sich Françoise gegen eine Schwangerschaft. Das Risiko einer Übertragung war zu gross. "Wir sind während fünf Jahren in Süd- und Zentralamerika herumgereist. In Guatemala haben wir einen Jungen adoptiert, daraus hat sich dann etwas zufällig ergeben, dass wir zu einer Pflegefamilie geworden sind. Denn wir wollten nicht, dass unser Sohn ein Einzelkind bleibt", erzählt sie.

"Über die Vermittlung von jemandem aus unserer Familie wurden wir kontaktiert, ob wir vorübergehend ein Kind aufnehmen möchten. Es kam zwar damals kein Kind, doch die Idee liess uns nicht mehr los", sagt Christian.

"Wir wussten aber nicht, welche Schwierigkeiten uns erwarteten. Damals gab es noch nicht so viel Unterstützung. Bei unserer ersten Platzierung wurden wir, nach einem kurzen Treffen mit dem Sozialarbeiter und den Eltern, mit dem Kind alleingelassen, ohne etwas über seine Vorgeschichte zu wissen. Wir waren einen Moment lang wie verloren."

Sie mussten lernen, sich zu organisieren und haben sich sehr rasch ein Netzwerk mit Kleinkinder-Profis aufgebaut. "Die Unterstützung unserer Familie und einer Freundin war unbezahlbar. Zum Glück hat sich die Begleitung der Pflegefamilien stark verbessert. Heute gibt es eine Ausbildung durch das Jugendamt."

Nach und nach ist aus den Aktivitäten des Paars gleichzeitig eine Berufung und ein Beruf geworden. Nicht nur muss die tägliche Betreuung der Kinder organisiert werden, sondern auch die Treffen mit den leiblichen Eltern (die teils auch in Gefängnissen oder Spitälern stattfinden) und Grosseltern sowie Arzt- und Therapiebesuche. Kurz: die Tage sind immer gut ausgefüllt.

"Meine Mutter oder ich"

"Es war ein Entscheid meiner Eltern", erklärt Julie. "Meine Mutter hatte eine grosse Depression nach meiner Geburt. Es scheint, dass ich nicht gegessen und viel geschrien habe. Das hat sie nicht ausgehalten. Mein Vater, ein sehr lieber und netter Mann, hatte die Wahl, mit mir wegzugehen oder bei ihr zu bleiben. Das hat er dann getan. Sie sind noch heute zusammen."

Wie lebt Julie zwischen Pflegefamilie und leiblichen Eltern? "Ich bin jedes zweite Wochenende zu ihnen gegangen, doch das machte mir wenig Spass. Es war immer eine bedrückte Stimmung. Meine Mutter war angespannt und sehr kühl mit mir. Sie gab mir ganz klar zu verstehen, dass ich das Problem sei. Ich habe ihr das sehr übel genommen, doch vor fünf Jahren habe ich ihr verziehen", antwortet die junge Frau mit ihrem strahlenden Lächeln.

Beispiel Freiburg

2012 hatte der Kanton mit fast 300'000 Einwohnerinnen und Einwohnern 3000 platzierte Kinder.

Davon waren 800 Fälle ohne offizielles Mandat geregelt, das heisst, der Richter musste kein Verfahren eröffnen. 2200 Kinder haben von Schutzmassnahmen diverser Behörden profitiert.

2012 wurden 500 Platzierungs-Massnahmen bei 300 Kindern vorgenommen (einige Kinder wurden mehrmals platziert). 130 von diesen kamen zu einer Pflegefamilie, 170 in ein Heim.

Gründe für die Platzierung: Schwere Erziehungsstörungen, gestörte Familienverhältnisse (Trennung, Scheidung), auffälliges Verhalten in der Schule (10% sind Fälle von Missbrauch in der Familie), psychisch oder physisch überforderte Eltern.

Fälle von Vernachlässigung gibt es pro Jahr nur einen oder zwei.

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Illusionen aus dem Weg gehen

Die beiden Jüngsten, Constant und Jérôme, sind beide in Behandlung wegen Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen. Françoise und Christian sind sich einig, dass eine enge Zusammenarbeit mit der Schule und die Unterstützung bei den Aufgaben unabdingbar ist.

"Meine Mutter hat mich verlassen, als ich klein war. Ich kenne sie kaum, auch nicht meinen Vater. Ich hoffe doch, sie wenigstens einmal zu sehen", erzählt Jérôme, der vor einem Jahr zur Familie gestossen ist. "Vorher war ich in einer anderen Familie, aber das hat nicht funktioniert. Ich habe Blödsinn gemacht und wurde viel gescholten. Und ich habe mir grosse Sorgen gemacht, denn in jener Familie gab es einen Dreijährigen, der gestorben ist. ich habe ihn geliebt und denke oft an ihn."

Eine der Schwierigkeiten ist, dass jedem der Pflegekinder möglichst früh erklärt werden muss, aus welcher familiären Situation es kommt. Und dies möglichst realistisch und angepasst an sein Alter, "um zu verhindern, dass sie sich Illusionen hingeben und dann umso tiefer fallen", sagt Christian.

Jérôme hat einen kleinen, fünfjährigen Bruder, der in einem Heim lebt. Seine Pflegeeltern haben viel unternommen, damit die beiden Brüder Zeit miteinander verbringen können. Zudem haben sie versucht, den Kontakt zu seinen Eltern wiederherzustellen.

Kinderrechte

Die Jugendämter in der Schweiz wurden in den 1950rer-Jahren geschaffen. Gesetzgebung und Praxis sind von Kanton zu Kanton unterschiedlich.

In der Deutschschweiz sind die Gemeinden dafür zuständig – ausser in den Kantonen Zürich, St. Gallen, Basel-Stadt und Graubünden, wo die Dienste zentralisiert sind, wie auch in den französischsprachigen Kantonen und im Tessin.

1978: Inkrafttreten des neuen Gesetzes über die Entstehung des Kindesverhältnisses.

1997: Die Schweiz ratifiziert das UNO-Übereinkommen über die Rechte des Kindes und anerkennt, dass das Kind auch als Rechtspersönlichkeit anerkannt wird. Einige Kantone professionalisieren ihr Dienste.

2013: Inkrafttreten der revidierten Verordnung über die Aufnahme von Pflegekindern. Die Behörden müssen nun eine von ihnen unabhängige Vertrauensperson für das Kind ernennen.

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Wenn Gewalt eskaliert

Von aussen gesehen ist die Familie von Françoise und Christian eine Familie wie jede andere auch. Doch es ist nicht alles rosig. Die grössten Probleme gab es mit Rosa, der Schwester von Lucien: "Sie hat uns sehr qualvolle Zeiten bereitet, als sie 14 war, mit regelrechten Gewaltexzessen. Irgendwann mussten wir einfach 'Halt' sagen. Einmal mussten wir sogar die Polizei rufen. Sie musste auch in die Psychiatrie", erzählt Christian.

Und heute? "Vor sechs Monaten hätte ich Ihnen noch geantwortet, dass die Beziehung mit Rosa ein Misserfolg war. Doch heute kommt sie wieder auf uns zu. Sie hat einen zweijährigen Jungen und hat uns gebeten, ihn aufzunehmen. Das werden wir auch tun, aber zu genau festgelegten Bedingungen während Wochenenden und Ferien." Und so sind Françoise und Christian zu Pflege-Grosseltern geworden.

Françoise ergänzt: "Sie hat ihren Platz noch nicht gefunden und lebt von der Sozialhilfe. Doch sie möchte sich gerne irgendwo niederlassen. Sie trifft die Frau wieder, die ihr Vormund ist. Wir hoffen, dass dies funktioniert und sie vorwärtskommt."

Das schwierigste sind aber zweifellos die Beziehungen zu den leiblichen Eltern. "Wir haben sehr, sehr harte Dinge gesehen", erzählt Christian. "Françoise musste in einer Woche zweimal das Haus verlassen, weil wir von einem Vater Todesdrohungen erhalten haben, mit nächtlichen Anrufen usw. Und wenn die Eltern in einem randständigen Milieu leben und die Kinder sie am Wochenende besuchen gehen, sehen und erleben sie schwierige Situationen, manchmal sogar Prügeleien, die Polizei im Haus…"

Doch trotz allem würden Christian und Françoise dies alles sofort wieder tun. "Wir haben viel gegeben. Doch wir haben auch sehr viel bekommen, viel gelernt… Auch, dass wir uns etwas Zeit und Raum nehmen müssen für die Beziehung, zum Beispiel auf Motorrad-Ausflügen oder indem wir ausgehen ", sagt Françoise.


(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch


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