Die Schweiz muss sich ihrem Rassismus stellen

Durch den Tod von George Floyd durch einen weissen Polizisten in den USA ist Rassismus in aller Munde. Für Betroffene löst das plötzliche daran zweierlei Gefühle aus: Schön, dass wir endlich auch hier in der Schweiz darüber sprechen können. Aber auch: Musste tatsächlich ein Sterbender gefilmt werden, nur damit ein so relevantes Thema seinen Platz erhält?

Dieser Inhalt wurde am 08. Juni 2020 - 13:34 publiziert

Anja Glover

bezeichnet sich selbst als Afro-Europäerin. Sie ist in Zürich geboren und lebt in Lausanne. In Luzern und Paris studierte sie Soziologie und Kulturwissenschaften. Sie arbeitet als Journalistin und ist CEO der Kommunikationsagentur Nunyola.

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Auch in der Schweiz hat das Thema in den letzten Tagen an Aufmerksamkeit gewonnen. Die Hauptfrage, die meist gestellt wird, zeigt, wie wenig Relevanz dem Thema zugetragen wird: Gibt es überhaupt Rassismus in der Schweiz? Es ist dieselbe Frage wie jene nach der Existenz von Sexismus. Sie wird hier nicht beantwortet.

Doch selbst wenn die Existenz von Rassismus anerkannt wird, ist man hierzulande der Überzeugung, dass es sich bei uns um eine andere Art von Rassismus handle: Eine mildere Form, nicht zu vergleichen damit, was in den USA passiert.

Rassismus wird aber nicht erst zum Problem, wenn er eine radikale Form annimmt. Extremfälle sind bloss die Folge der strukturellen Verankerung einer Ungleichheit, der zu wenig Beachtung geschenkt wurde und die bis dahin nicht bekämpft wurde. Rassismus wurde nicht schlimmer, er wird jetzt einfach gefilmt.

So anders ist es in den USA nicht. Strukturellen Rassismus gibt es auch in der Schweiz. Er beschreibt eine Art von Rassismus, der nicht durch die persönlichen Einstellungen von Individuen hervorgebracht wird, sondern in der Organisation des gesellschaftlichen Miteinanders. In den USA ist das gesamte System so aufgebaut, dass Schwarze Menschen Weissen gegenüber benachteiligt sind.

In der Schweiz zeigt sich struktureller Rassismus bei Polizeikontrollen oder bei Migrationskontrollen. Man nennt es "Racial Profiling". Damit werden Menschen kategorisiert und als ganze Gruppen unter Pauschalverdacht gestellt. Schwarze Menschen werden öfter kontrolliert als Weisse.

Ja, Schweizer Kolonialismus

Vergleichbar mit den USA ist das trotzdem nicht? Unsere Geschichte ist eine andere. Nur weil die Schweiz keine Kolonien hatte, heisst es nicht, dass sie am Kolonialismus unbeteiligt war. In unserer Sprache finden wir zahlreiche Überbleibsel einer Zeit, die von Rassenpolitik geprägt war. Auch Häuser und Restaurants tragen immer noch Namen, die aus der Kolonialzeit stammen.

Wie viel haben wir in der Schule über die Rolle der Schweiz im Kolonialismus gelernt?

Wie bewusst ist uns der Sklavenhandel, der noch heute in der Schweizer Schokolade steckt?

Und was wird dagegen unternommen?

Nicht zuletzt hat sich die US-amerikanische Kulturproduktion bei uns integriert. Sie reproduziert rassistische Zuschreibungen, die bei uns oft unkritisch übernommen werden.

Tägliche Erfahrung am eigenen Leib

Rassismus ist allgegenwärtig. Menschen mit nichtweisser Hautfarbe – wie ich – erfahren ihn täglich. Der Diskurs dagegen wird so oft wie möglich verhindert oder einem extremen Lager zugeschrieben.

Rassismus bleibt vorhanden, solange wir nicht die Möglichkeit erhalten, ihn sichtbar zu machen. Solange, wie wir die Präsenz von Rassismus verneinen und entschuldigen.

Der erste Schritt gegen Rassismus ist also zu anerkennen, dass es ihn gibt. Auch in der Schweiz.

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