"Die Krise lehrte uns zu improvisieren"

Steckbrief: Anita Preece-Kopp, 45 Jahre alt, seit 2003 selbstständige Pilates- und Yogalehrerin, hat ihr eigenes Studio im Berner Breitenrain-Quartier. Www.fotogigant.ch / Felix Peter

​​​​​​​

Dieser Inhalt wurde am 27. April 2020 - 14:00 publiziert

Jetzt müssen viele Schweizerinnen und Schweizer improvisieren – für die meisten eine neue Erfahrung. In einer Serie stellen wir Menschen vor, die sich durch den Lockdown kämpfen. Welche Ängste haben sie durchlebt, welche Hoffnungen hegen sie? Den Anfang macht Yogalehrerin Anita Preece-Kopp.

Seit dem 16. März dreht sich die Welt in der Schweiz langsamer. 

Viele Menschen wurden von einem Tag auf den anderen vor grosse Herausforderungen gestellt. Wie kann der Dönerstandbetreiber mit weniger Laufkundschaft am Ende des Monats die Miete begleichen? Wie kann die Coiffeursalon-Besitzerin den Lohn ihrer Angestellten bezahlen? Oder wie kann ein selbständiges Paar, das sein Yoga- und Pilatesstudio schliessen musste, trotzdem ein Einkommen erzielen?

Auch wenn die Schweiz schrittweise wieder zur Normalität zurückkehren soll: Die Kunst zu improvisieren bleibt gefragt.

End of insertion

"Plötzlich standen mein Ehemann und ich als Selbstständigerwerbende ohne Einkommen da. Die Fixkosten müssen wir aber trotzdem bezahlen. Das muss man zuerst einmal verdauen. Nach kurzer Schockstarre – bei mir dauerte sie zwei Tage – habe ich angefangen zu funktionieren. Irgendwie soll es ja weitergehen.

Dass es zur Schliessung meines Studios kommt, überraschte mich Mitte März nicht. Ich hatte sogar überlegt, vorher dicht zu machen. Auch weil sich die Massnahmen damals von Tag zu Tag verschärften. Da Schritt zu halten und die Kursteilnehmenden immer rechtzeitig zu informieren, war schwierig.

Ich habe extrem viel gearbeitet im letzten Monat. Da blieb keine Zeit für Musse oder dafür, wieder einmal ein Buch zu lesen. Wir haben etwas aus dem Boden gestampft, damit wir überleben können. So haben wir etwa Support-Sets zusammengestellt: Yoga- und Pilatesmatten, mit denen sich unsere Kundinnen und Kunden eindecken und uns mit dem Kauf unterstützen können. Dazu kommen all die administrativen Dinge, die zu erledigen sind.

Man arrangiert sich innert kürzester Zeit. Das ist eine Haupterkenntnis aus dieser Krise: Der Mensch ist sehr anpassungsfähig. Der Wille zur Improvisation ist aber von Person zu Person verschieden. Das zeigt sich bei der Teilnahme am Online-Unterricht, den ich zuerst gar nicht anbieten wollte. Zu viele Gratisvideos gibt es im Netz, war ich überzeugt. Doch dann hat mich jemand im richtigen Moment dazu motiviert, immerhin Online-Unterricht anzubieten.

Unterrichten nur vor der Kamera: Anita und Richard Preece. Felix Peter

Zudem musste ich etwas machen, um finanziell über die Runden zu kommen. Doch: Nicht einmal ein Viertel meines Kundenstammes folgt meinen Online-Stunden, die momentan 20 Franken kosten oder vom aktuellen Abo abgebucht werden können. Entweder ist es halt einfach nicht ihr Ding oder nach Tagen vor dem Bildschirm im Homeoffice haben einige keine Lust, nochmals vor den Screen zu hocken.

Dafür habe ich Verständnis. Bei mir hängt aber die Existenz davon ab. Mental ist es ein ständiges Auf und Ab. Pilatesstunden mit fast 30 Teilnehmern – so wie letzten Mittwoch – geben mir dann wieder Schub, weiter zu machen. Mittlerweile hat sich die erste Aufregung gelegt und ich habe wieder Zeit, mich um Sachen zu kümmern, die liegen geblieben sind.

Ich habe so gehofft, dass 2020 ein einfacheres Jahr wird für mich. 2019 wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert. Ich habe mich durch das letzte Jahr gekämpft und es für eine Standortbestimmung genutzt. Auch jetzt sehe ich mich erneut gezwungen, zu überlegen, was ich für mein Leben will.

Ich wünsche mir, dass wir diese Krise alle gemeinsam tragen und dass es nicht am Einzelnen hängen bleibt. 

Wann ich mein Studio wieder öffnen kann, ist zur Zeit noch nicht ganz klar – wahrscheinlich erst im Juni."


Externer Inhalt


Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen