Gottes Geist in Kirchenfenstern

Eines der neuen Kirchenfenster am Grossmünster Zürich. ZVG

Seit kurzem schmücken 12 neue Kirchenfenster das Grossmünster von Zürich. Entworfen hat sie der bekannte deutsche Künstler Sigmar Polke. Das evangelisch-reformierte Wahrzeichen der Stadt ist um eine Attraktion reicher.

Im Jahr 2005 hatte die Kirchgemeinde einen Einladungswettbewerb zur Neugestaltung von Kirchenfenstern ausgeschrieben. Dieser Schritt erfolgte nicht, um den berühmten Chagall-Fenstern im benachbarten Frauenmünster Konkurrenz zu machen.

"Zuerst hatten wir die Idee, die Fenster im Westteil der Kirche aus dem 19.Jahrhundert durch solche zu ersetzten, die dem künstlerischen Wert des Chorfensters von Augusto Giacometti aus dem Jahr 1933 entsprechen, aber das Projekt wurde umgehend bachab geschickt", erzählt Käthi La Roche, Pfarrerin am Grossmünster.

"Die städtische Denkmalschutzkommission empfahl, die zwölf ebenerdigen Fenster im Schiff des Grossmünsters zu ersetzen. Der Vorschlag wurde von den Kirchenoberen und der Stadt Zürich aufgegriffen," ergänzt die Pastorin.

Die eingesetzte Jury lud daraufhin die folgenden Künstlerinnen und Künstler zu einem Wettbewerb ein: Silvie Defraoui, Olafur Eliasson, Katharina Grosse, Sigmar Polke und Christoph Rütimann. Im April 2006 wurde Sigmar Polke von der Jury zum Sieger ernannt.

Polke überzeugt die Jury

Dabei bestach sein Projekt durch die Schönheit und Präsenz der Inhalte, vor allem durch eine Art Zeitreise, die von der Schaffung der Welt bis zur Geburt Christi führt und so die West-Ost-Achse des Grossmünsters unterstreicht. Die Anordnung läuft auf das Chorfenster von Augusto Giacometti zu, das die Geburt des Christuskindes zum Thema hat.

Doch es gab noch andere Gründe, die für den Vorschlag von Sigmar Polke sprachen. Auch wenn er als ein Verwandter der Pop-Art galt, fand die Jury, dass er das geeignetste und reifeste Projekt vorlegte, um ein schwieriges Thema wie die christliche Ikonographie darzustellen.

Eine weitere Rolle spielte der Umstand, dass Polke seine künstlerische Karriere als Glasmaler begonnen hatte. Damit war sichergestellt, dass er über das notwendige technische Wissen für die Verwirklichung eines solchen Projekts verfügt.

Die Achatfenster

Die sieben Fenster im Westen hat der Künstler – einem Mosaik gleich – nach hochmittelalterlichem Vorbild aus Achat-Schnitten gefertigt, die mit Bleiruten verbunden sind. Der Achat-Stein mit seinen farbigen und ringförmigen Mustern wurde 4 bis 9 Millimeter fein geschnitten, damit das Licht durchscheinen kann.

Die Wahl fiel auf dieses Material nicht nur wegen der aussergewöhnlichen Schönheit und Transparenz, die sich auf Grund des Lichtdurchlasses im Inneren der Kirche spiegelt. Polke verwendet Achat auch, weil seine konzentrischen Formen in den mittelalterlichen Handschriften häufig ikonografisch eingesetzt wurden, um die Genese der Welt darzustellen.

"Diese hauchdünnen Edelsteinplatten arbeiten den kristallinen Ursprung des Materials heraus; man kann darin auch eine verdichtete Energie oder ein Stück festgehaltener Zeit sehen", meint Käthi La Roche, "und für Polke ist dies nichts anderes als eine materielle Erscheinung des Geistes Gottes."

Die figurativen Fenster

Bei den anderen fünf Glastfenstern liess sich Polke von alttestamentlichen Gestalten inspirieren. Es sind Persönlichkeiten und Figuren, in denen sich das Wort Gottes konkretisiert: Der Sündenbock, Isaak, der Menschensohn, Elija und David. Sie können als Präfigurationen Christi gelesen werden.

Polke verwendete Motive aus der romanischen Buchmalerei. Die aus Kunstbänden und damit aus der mittelalterlichen Kunstgeschichte stammenden Sujets bearbeitete er am Computer und gestaltete sie völlig um.

Dabei verwandelte sich das ehemals Miniaturhafte ins Monumentale, das Jahrhunderte alte Bild in eines unserer Zeit. Umgesetzt wurden die Entwürfe in der Glaswerkstatt mit ganz traditionellen Techniken und Handarbeit (Schwarzlotmalerei, Glasschmelzverfahren und Verbleiung der einzelnen Teile), obwohl sie am Computer entstanden.

Polke – der Alchimist

Die Anwendung dieser traditionellen, teils schon im Mittelalter benutzten Techniken sollte nicht verwundern. Denn Tradition und Erneuerung sind Konstanten in der langen und brillanten Karriere Polkes.

Mit seinen Experimenten lotete er stets die Möglichkeiten und Grenzen des Machbaren aus, indem er auch "unzulässige" Materialien einsetzte – beispielsweise toxische Stoffe wie Arsen.

"Nach seiner Reise 1980 nach Asien, Australien und Neu Guinea hat Polke seine Kunst verändert. Neue Horizonte haben sich aufgetan und er ist ein Alchimist geworden", sagt Bice Curiger, Kuratorin am Kunsthaus Zürich und namhafte Polke-Expertin.

Sein Interesse hat sich seither immer stärker auf natürliche und künstliche Pigmente der Farben konzentriert sowie auf die chemischen Prozesse der Malerei. Mit dem Geist der Dekonstruktion habe er gegen die Routine der Tradition gearbeitet und so den kreativen Prozess mit neuem Geist erfüllt.

"In diesen Kirchenfenstern sieht man, wie er in Einheit steht mit der Entwicklung der letzten 30 Jahre", meint Curiger.

Paola Beltrame, Zürich, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Die Kathedrale und ihre Fenster

Das Grossmünster wurde in verschiedenen Etappen im 13. und im frühen 14. Jahrhundert erbaut. Es ist eine der wichtigsten romanischen Kirchen der Schweiz und als Wirkungsstätte Huldrych Zwinglis (1484 -1531) ein zentraler Ort der Reformation.

Im Jahr 2005 veranstaltete die Kirchgemeinde einen Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung der zwölf ebenerdigen Fenster im Schiff des Grossmünsters. Im April 2006 wurde Sigmar Polke von der Jury zum Wettbewerbssieger ernannt.

Seit Herbst 2006 arbeitete der Künstler zusammen mit der Firma Glas-Mäder in Zürich an der Umsetzung der Entwürfe. Das beendete Werk wurde vor kurzem der Öffentlichkeit übergeben.

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Sigmar Polke

Sigmar Polke wird 1941 in Oels (Niederschlesien) geboren und zieht mit seiner Familie 1953 nach Westdeutschland. In Düsseldorf absolviert er eine Glasmalerlehre, bevor er ein Studium an der dortigen Kunstakademie aufnimmt.

1963 gründet er zusammen mit Gerhard Richter und Konrad Lueg den Kapitalistischen Realismus, einen Kunststil, der den sozialistischen Realismus kritisiert, aber auch die Konsumgesellschaft. In Anlehnung an die Pop-Art schafft er Werke voller Ironie und Komik.

Als ausgesprochen experimentierfreudiger Künstler versucht er sich in den 1980er-Jahren mit einer Technik der tropfenden Farbe und verwendet Pigmente, die sich unter Umwelteinflüssen und im Verlauf der Zeit verändern.

Als weltweit bekannter Künstler hat Polke unzählige Auszeichnungen in Deutschland und im Ausland erhalten. Mit den Kirchenfenstern des Grossmünsters hat er auch die Jury des Roswitha Haftmann-Preises der gleichnamigen Stiftung überzeugt, die ihn zum Preisträger 2010 ernannte.

Seine Werken wurden wiederholt Retrospektiven gewidmet. Eine davon fand im Kunsthaus von Zürich im Jahr 2005 statt. Sigmar Polke lebt und arbeitet in Köln.

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