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In der Adventszeit kommt es seltener zu Suiziden

Festbeleuchtung in der Adventszeit.

(swissinfo.ch)

In der Vorweihnachtszeit geht die Anzahl der Selbsttötungen deutlich zurück. Zu dieser überraschenden Einsicht sind Forscher der Universität Zürich gekommen.

Begegnungen und soziale Verpflichtungen werden als Gründe für den Rückgang genannt. Eine Prävention ist also möglich.

Der Mangel an Licht und Sonne, der Stress zum Jahresende und anstrengende Familienfeste machen die Monate November und Dezember für viele zu einer mühsamen Zeit.

Dennoch hat die Adventszeit offenbar ein ungeahnt positives Potential von existentieller Tragweite. Sie wirkt geradezu präventiv gegen den Entschluss zur Selbsttötung.

Forscher der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich weisen in einer Studie nach, dass die Suizidrate im Dezember um 12% zurückgeht, an einigen Tagen sogar um 30%.

Die Studie stützt sich auf 50'000 Suizide, die in der Schweiz zwischen 1969 und 2003 begangen wurden. Die überwiegende Mehrheit der Fälle, nämlich 70%, betrifft Männer.

Volle Terminkalender

"Der Rückgang der Suizidrate während der Festtage ist seit langem bekannt", sagt der Soziologe und Mitautor der Studie, Vladeta Ajdacic-Gross gegenüber swissinfo. "Aber nun haben wir entdeckt, dass er bereits früher, nämlich Ende November bis Anfang Dezember, einsetzt."

Dieser Umstand erkläre sich durch die Tatsache, dass das Weihnachtsfest lange zum voraus vorbereitet werde, meint der Soziologe. Doch habe die präventive Wirkung nichts mit Religion zu tun.

"Wegen der zahlreichen sozialen Verpflichtungen und Treffen vor einem Fest, einem Geburtstag oder vor Ferien tritt der Gedanke an Selbsttötung in den Hintergrund. Fixpunkte zu haben ist ein ausgezeichnetes Gegengift gegen Suizid-Gedanken", sagt Vladeta Ajdacic-Gross.

Dass der Sommer diesbezüglich ein grössere Gefahr darstellt, ist ebenfalls in zahlreichen Studien festgehalten.

Depressionen: anderer Mechanismus

Heisst weniger Suizide auch weniger Depressionen? Diese Analogie gilt nicht. "Man muss unterscheiden zwischen Suizidgedanken und Depressionen", präzisiert Ajdacic-Gross.

Jede zweite Person sagt, schon einmal an Selbsttötung gedacht zu haben, aber nur eine von hundert Personen bringt sich auch um. Wenn der Gedanke an Suizid auch eine Voraussetzung zur Tat ist, wird diese selbst jedoch von einem anderen Mechanismus ausgelöst.

Fehlende Prävention

"Ein verhinderter Suizid ist oft ein aufgehobener", sagt der Forscher. Daher sei die Studie wichtig für die Prävention.

Die Schweiz hat mit 17,5 Selbsttötungen auf 100'000 Einwohner (2002) die höchste Rate in Westeuropa und verfügt zugleich über kein nationales Präventionsprogramm.

Dabei müsse man nur soziale Netzwerke aktivieren, Treffen vereinbaren, Ärzte, Chefs, Spezialisten verständigen und die Familien beraten, dies bewirke schon viel, unterstreicht der Soziologe. Auch über die Advents- und Weihnachtszeit hinaus.

swissinfo, Ariane Gigon, Zürich
(Übertragung aus dem Französischen: Susanne Schanda)

DIE STUDIE

Die Forscher haben die Häufigkeit von Suiziden von Oktober bis Februar während einer Zeitspanne von 35 Jahren (1969-2003) untersucht.

Von den annähernd 50'000 Suiziden entfallen 70% auf Männer, 30% auf Frauen.

Aus der Studie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich geht hervor, dass die Suizidrate ab Ende November sinkt. Während des ganzen Monats Dezember bleibt sie tief.

Der Rückgang kann bis zu 30% (bei Männern) oder 20% (bei Frauen) betragen. Im Monatsmittel beträgt der Rückgang 12%.

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im europäischen Vergleich

Die Schweiz hat eine der höchsten Suizidraten in Westeuropa (17,5 auf 100'000 Einwohner im Jahr 2002). Durchschnittlich nehmen sich in der Schweiz jedes Jahr 1400 Personen das Leben.

Grossbritannien und Spanien verzeichnen weniger als 10 Suizide auf 100'000 Einwohner.

In Frankreich und Österreich verhält es sich ähnlich wie in der Schweiz (16,3 und 17).

Die Schweiz ist eines der wenigen europäischen Länder, die kein nationales Präventionsprogramm haben.

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