Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Kleine Moldawier, grosse Posaunen



Blasinstrument spielen – gar nicht so einfach wie es aussieht!

Blasinstrument spielen – gar nicht so einfach wie es aussieht!

(swissinfo.ch)

Tosender Lärm im Kinderdorf Trogen: Moldawische Kinder "testen" die Instrumente der Militärmusik – unter Aufsicht der Rekruten. Seit dem Kosovokrieg bringt die Stiftung swisscor jährlich Kinder aus einem Krisengebiet in ein Sommercamp nach Appenzell.

Posaunen, Tubas, diverse Trommeln und Trompeten… das gesamte Musikinstrumentarium der Musik-Rekrutenschule wird von 80 kleinen Moldawiern "ausprobiert". Die 15 Begleiter aus Moldawien und die Schweizer Betreuer halten sich lachend die Ohren zu.

"Ich wusste gar nicht, dass man aus solchen Blechinstrumenten eine derart schöne Musik herausholen kann", sagt der moldawische Englischlehrer Adrian Tenu gegenüber swissinfo.ch., wobei er sich auf das Kinderdorf-Platzkonzert der RS 16/1 bezieht – eine Musikerkompagnie, die mit zwei Bussen und einem Militärcamion voller Instrumente nach Trogen aufgeboten wurde.

Die Kinder, erschöpft aber zufrieden, werden nach zwei Stunden Instrumenten-"Probe" von den ebenfalls erschöpften Begleitern in die Ruhepause geführt. "Es ist eine einmalige Gelegenheit für sie. Wann werden diese Kinder wieder die Gelegenheit erhalten, ins Ausland zu reisen?", fragt sich Alina Crudu, die zur moldawischen Begleitergruppe gehört.

Erstaunt ist die Begleiterin, wie viel man den Kindern, viele davon behindert, in der Schweiz abverlangt. "Früh aufstehen in den Ferien, das ist neu für sie. Und viel gesundes Gemüse essen – daran gewöhnen sie sich nur schwer", lacht sie.

Nicht nur zum Vergnügen

Doch Effizienz muss sein, denn die Kids sind nicht nur zum Vergnügen in der Schweiz. Ihre Krücken sind ausgeleiert und abgenutzt und ihre Zähne ärztlich nicht kontrolliert. "Medizinisch werden sie nicht nur untersucht, sondern wenn nötig auch behandelt", sagt Gianpiero Lupi, Divisionär a.D., alt-Oberfeldarzt und Präsident des Stiftungsrats der swisscor.

In auch für Schweizer Verhältnisse ungewohnter Weise vermischen sich bei swisscor verschiedene Arbeitskulturen, wenn nicht gar Welten: Verteidigungsministerielle Disziplin und vom Polizeikader inspirierte Sitzungskultur mischen sich mit dem Esprit der Freiwilligen und der Mitarbeitenden aus dem Nichtregierungs-Organisations-Bereich..

Pensionierte Armeekader aus dem medizinischen Bereich und ehemalige Sicherheitschefs diskutieren mit Kinder-Pädagogen und NGO-Profis über Konkretes wie das Ausgestalten der Workshops für Kinder. Sitzungsthema ist aber auch Grundsätzliches wie die internationale Kinderrechts-Konvention der UNO oder die interkulturelle Friedenserziehung.

Dieser nicht alltägliche Mix an swisscor-Helfern engagiert sich im Kinderdorf Pestalozzi für das gleiche Ziel: Die Hilfe für Kinder aus Krisengebieten, vor allem aus Südosteuropa. Und es scheint zu funktionieren: "Die Kinder aus Moldawien sind das vierte Projekt, dass wir zusammen mit swisscor unternehmen," sagt Marco Fankhauser vom Kinderdorf.

Kinderdorf als "Basis-Lager"

Wohl mit den von alt Bundesrat Adolf Ogi gemachten Erfahrungen von 1999 im Hinterkopf, dass vor allem Kinder aus Bosnien und Kosovo unter den serbischen Kriegen litten, gehört Serbien heute zu den primären Projektländern des Kinderdorfs, neben Mazedonien, Rumänien und Moldawien. Diese Erfahrungen von 1999 hatten erst dazu geführt, dass Ogi swisscor gründete.

Zur Friedensförderung gehören auch das Organisieren gemischter Workshops von Schulklassen beispielsweise aus Serbien mit solchen aus der Schweiz. "Diese haben oft einen hohen Anteil albanischer oder anderer Kinder aus Südosteuropa. Der Überraschungseffekt ist dann gross für die Gästeklassen der Mittel- und Oberstufe, wenn sie sehen, dass hier in der Schweiz Schulklassen hohe Anteile an Ausländerjugendlichen haben."

Unerwähnt bleibt dabei die Tatsache, dass manche dieser Kinder ohne die serbische Vertreibungspolitik gar nicht in der Schweiz wären. Und heute, ein Jahrzehnt nach den Kriegen, sehen die Kinder aus Serbien, wie in den Schweizer Schulen eine Vielfalt gelebt wird.

Hier erfahren sie, "dass gemischte Schulklassen sehr wohl möglich sind, und ein Zusammenleben von verschiedenen Sprachen und Religionen ebenfalls".

Best Practice: DEZA und Rotary-Club

Nichts wird dem Zufall überlassen: Die verschiedenen Partner werden von swisscor eingespannt: Institutionen wie medizinische Labors oder Bundesstellen in der Schweiz, nichtstaatliche Organisationen in den Ländern, aus denen die Kinder stammen.

"Die Kinder, die kommen, werden in Zusammenarbeit mit dem moldawischen Büro der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA ausgewählt", sagt Lupi. "In der späteren Begleitung der Kinder helfen neben der DEZA auch moldawische Rotary- und Lion's-Clubs. Damit soll die medizinische Behandlung nachhaltiger wirken, die Betreuung zuhause also möglichst kontrolliert und nachverfolgt werden."

Die Kinder werden aus ihrer Heimat mit einem Sonderflug nach Kloten geflogen. Dank einer Spezialprozedur umgehen sie, da teilweise Rollstuhlfahrer oder behindert, die langwierigen Passkontrollen und werden dann mit dem Postauto direkt nach Trogen gefahren.

All das ist auch mit bescheidenen Budgets möglich. Dieses Jahr beträgt es 2600 Franken pro Kind. Diesen August konnte in Trogen das tausendste Kind, das ein swisscor-Camp besucht, begrüsst werden.

Alexander Künzle, swissinfo.ch, Trogen

Die Schweiz zeigt Herz

swisscor ist eine private Stiftung, die von alt-Bundesrat Adolf Ogi ins Leben gerufen wurde.

1999, zur Zeit des Kosovokriegs, war Ogi Bundespräsident. Bei einem Besuch an Ort fiel ihm das Elend der Kinder auf.

Er hat darauf 100'000 Fr. seines Budgets genommen und ein Armeebataillon als Infrastruktur für ein Camp zur Verfügung gestellt.

Seither wird dieses Camp jährlich mit rund 80 Kindern aus Krisengebieten durchgeführt.

Sie werden medizinisch betreut, mit Kindern aus der Schweiz zusammengebracht und verbringen ihren Urlaub hier.

Die Auswahlkriterien für die Kids lauten: 10% Schwer-, 40% Mittelbehinderte, 50% aus sozialkritischem Umfeld.

Das Jahrestreffen der Gönner der Stiftung findet 2010 am 6. August statt.

Infobox Ende

Kinderdorf Pestalozzi

Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen in Appenzell Ausserrhoden ist ein 1945 gegründetes Kinderhilfswerk.

Das Herz des Hilfswerks sind Wohnen, Austausch und Lernen am gleichen Ort - in Trogen.

Es wurde nach dem 2. Welt- und während des Kalten Kriegs berühmt wegen der Aufnahme von Kinderflüchtlingen aus Tibet und nach den verschiedenen Sowjeteinmärschen aus Ungarn und der Tschechoslowakei.

Bekannt ist es seit seinem Beginn, weil es den Kindern eine einzigartige Begegnung zwischen Kulturen ermöglichte, auch als dies noch nicht so en vogue war wie heute.

Integration und interkultureller Austausch sind Schlüsselbegriffe, die in Trogen seit Jahrzehnten angewendet werden.

Die internationale Ausstrahlung des Kinderdorfs ist sehr gross.

Infobox Ende


Links

Neuer Inhalt

Horizontal Line


subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.

swissinfo DE

Aufruf, der Facebook-Seite von swissinfo.ch beizutreten

Treten Sie unserer Facebook Seite auf Deutsch bei!

×