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Zwei Schweizer Komiker in China Das Reich der Mitte lacht über stumme Wortakrobaten

Von , Peking

"Ohne Rolf", das Komiker-Duo aus der Zentralschweiz, trat Mitte September in China auf. Für ihre Auftritte übersetzten sie ihre Dialoge, die sie auf Plakate schreiben, auf Chinesisch. Eine grosse Herausforderung, wenn man bedenkt, dass das Land nicht gerade bekannt ist für seinen Sinn für Ironie und das Absurde. Doch am Ende ist das Lachen universell.



Jonas Anderhub und Christoph Wolfisberg in Aktion. Eine wortreiche Vorstellung, doch die Schauspieler schweigen.

Jonas Anderhub und Christoph Wolfisberg in Aktion. Eine wortreiche Vorstellung, doch die Schauspieler schweigen.

(Rémi Quesnel)

Peking, 12. September 2014: Im Rahmen des Theaterfestivals Fringe feiert das Luzerner Duo "Ohne Rolfexterner Link" Premiere mit seinem Stück "Blattrand". Wir sind im Saal "Experimentelle Bühne" des ehrwürdigen People’s Art Theatre. Der neoklassizistische Bau nach sowjetischem Vorbild befindet sich mitten in der chinesischen Hauptstadt. Die Aufführung ist in doppelter Hinsicht experimentell: Die Schauspieler sprechen kein Chinesisch, spielen aber auf Chinesisch vor einem chinesischen Publikum.

Wie ist das bloss möglich? Die Vorstellung von Jonas Anderhub und Christoph Wolfisberg geht tonlos über die Bühne. Die Dialoge sind auf Plakate gedruckt, die an zwei Ständern hängen. Die Schauspieler stehen dahinter, erhöht auf einem Schemel, und Schlag auf Schlag präsentieren sie dem Publikum die Schrifttafeln.

"Wir haben das Stück bereits tausend Mal in Deutsch und einige Male in Französisch aufgeführt. Die Idee, unser Programm in einer total anderen Kultur – wie in Japan oder im arabischen Raum – aufzuführen, tragen wir schon lange mit uns herum. Als Pro Helvetia uns angefragte, ob wir in China auftreten möchten, haben wir die Chance sofort gepackt", erklärt Jonas Anderhub.

Unter den Zuschauern sind auch ein paar Auslandschweizer, doch vor allem chinesische Theaterliebhaber. Denn für jene, die kein Chinesisch lesen können, ist es unmöglich, der Vorstellung zu folgen. Rund 150 Zuschauer sind im Saal. Vorhang auf, es kann beginnen! Die Schauspieler treten in Aktion, ihre schriftliche Konversation begleiten sie mit entsprechender Gestik und Mimik. Es herrscht Spannung im Saal. Das Publikum ist sehr konzentriert, etwas Aussergewöhnliches in China, wo die Aufmerksamkeit oft durch Smartphones gestört wird.

Die Lacher sind zurückhaltend. Fällt ein Plakat zu Boden, geht ein Raunen durchs Publikum. "Glaubst du, dass er das absichtlich gemacht hat?" Ein verblasster Schriftzug erscheint und ist kaum mehr lesbar. Der Schauspieler greift korrigierend ein – er trinkt Tinte aus einer Flasche. Die Lacher werden etwas freier. Nach der Pause nimmt das Spektakel eine verrückte Wende und entführt uns in einen absurden, seltsamen Traum, begleitet von psychedelischer Musik. Wenig später eine Küchenszene: Die Komiker kochen chinesische Nudeln zu chinesischer Militärmusik. Nach und nach entspannt sich die Stimmung im Saal.

Fragen des Publikums

Am Schluss der Vorstellung gibt es einen kurzen Applaus – nichts Ungewöhnliches in China. Für die Diskussion – in Chinesisch und Englisch – bleibt die Mehrheit des Publikums sitzen. Offensichtlich fühlen sich die Zuschauer angesprochen. "Haben Sie das Stück Papier wirklich verschluckt?"

Die beiden Komiker waren früher als Zauberkünstler unterwegs, bevor sie sich dem Theater zuwandten. "Woher haben Sie die Idee zu dieser speziellen Aufführungsform?" "Reagieren wir anders als ein westliches Publikum?" Auch Fragen eher fachlicher Art werden angesprochen, zum Beispiel Probleme bei der Übersetzung. Aber die Grundsatzfrage lautet: Was ist die Botschaft des Stücks?

Es gab keine Probleme mit der Zensur. "Wir machen kein politisches Theater, und wir vermeiden aktuelle Bezüge, das Stück ist zeitlos. Wir wollen das Stück in zwanzig Jahren wieder spielen können, ohne es anpassen zu müssen", erklärt Christoph Wolfisberg.

Auch wenn das Drehbuch den Verantwortlichen lange vor dem Festival vorgelegt wurde, so mussten doch in der Zwischenzeit noch einige Änderungen vorgenommen werden.

"In Peking wurde das Publikum jeden Abend ein bisschen euphorischer", erzählt Barbara Anderhub, die Managerin des Duos. "Die Mund-zu-Mund-Propaganda hat gut funktioniert. Nach drei Vorstellungen sind die Künstler nach Hangzhou weitergeflogen, wo sie auf ein etwas zurückhaltenderes Publikum gestossen sind. Der Höhepunkt waren die letzten Auftritte in Shanghai, wo 400 Zuschauer völlig begeistert waren und die Erwartungen der Organisatoren weit übertrafen", unterstreicht die Managerin. Die chinesischen sozialen Medien halfen wohl auch mit, das Terrain vorzubereiten.

"Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen!"

Die Idee zum Stück "Blattrand" ist ganz einfach. Kurze Sätze werden auf tausend Plakate geschrieben, die umgeblättert werden. Ein Stück voller Witz und Spannung, manchmal schwingt sogar Musik mit.

Christoph Wolfisberg und Jonas Anderhub setzten die Idee 1999 um. Mit ernster Miene und dunklen Anzügen standen sie auf der Strasse, in der Hand ein A4-Blatt, darauf stand: "Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen!" Dann: "Es gibt wirklich nichts zu sehen!" Und schliesslich: "Und wenn wir eine Sekte sind?" Doch die Zuschauer blieben stehen. Die Idee war lanciert.

Christoph Wolfisberg wird am 2. April 1976 in Locarno geboren. Er wächst in Stans, Kanton Nidwalden, auf. Während der Schulzeit nimmt er Zauberunterricht. Während seiner Ausbildung zum Lehrer nimmt er an mehreren Theaterprojekten teil, als Schauspieler wie auch als Regisseur. Er tritt auch als Zauberkünstler auf. Zwischen 1999 und 2003 absolviert er eine Ausbildung zum Theaterpädagogen an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich.

Jonas Anderhub wird am 3. April 1976 in Luzern geboren, wo er auch aufwächst. Nach verschiedenen Rollen im Kindertheater ist er bei der Gründung der Kabarettgruppe "Cabakids" dabei. Nach Abschluss seiner Ausbildung zum Primalehrer tritt er dem Theaterforum Luzern bei. Danach geht er für zwei Jahre nach Paris, wo er an der "École internationale de Théâtre Jean Lecoq" studiert. Er hat Auftritte als Zauberkünstler und Improvisationskünstler, bevor er 1999 mit Christoph Wolfisberg "Ohne Rolf" gründet.

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"In der Schweiz und in den deutschsprachigen Ländern sind wir bekannt, das Publikum weiss, was es erwartet", so Wolfisberg. "Man kann uns auf Youtube anschauenexterner Link, die Leute erzählen es ihren Freunden weiter. Das Publikum kommt zu uns, um sich zu amüsieren. Wir haben gespürt, wie die Zuschauer in China perplex reagiert haben, sie brauchten eine gewisse Zeit, um sich zurecht zu finden. Wir mussten sie zuerst für uns gewinnen, wir begannen wieder bei null, das war für uns die grosse Herausforderung."

Von der Kunst des Übersetzens

"Wir haben bereits auf Französisch und Englisch gespielt, das Übersetzen war relativ einfach und wir konnten unsere Show telquel übernehmen", fügt Jonas Anderhub hinzu. Für die chinesische Übersetzung arbeitete das Duo mit einem Team von acht Leuten zusammen, Chinesen und Schweizern. Anlässlich der chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten in Winterthur konnten sie das Programm vor einem Publikum von 80 Leuten testen.

"Wir haben viel diskutiert: Wie weit kann man sich vom Original entfernen, um sich an die lokale Kultur anzupassen, ohne den Geist des Stücks zu verraten?", fragt sich Wolfisberg. Szenen wurden angepasst. So wurden in der Küchenszene chinesische Nudeln zubereitet, um den Zuschauer besser anzusprechen.

Was die Ironie und das Absurde betrifft, haben die Künstler jedoch keine Konzessionen gemacht. Einige Übersetzer befürchteten, dass das Publikum solche Szenen nicht verstehen würde.

"Bei der Traumszene war das Publikum sehr ruhig und konzentriert. In Europa schreien die Leute vor Lachen. Wir spürten, dass die Chinesen über einfache Themen viel nachdenken. Wir praktizieren eine Form von Humor, die für sie ungewöhnlich ist", ergänzt Jonas Anderhub. "Hauptsache, das Publikum ist aufmerksam und stellt Fragen. Wichtig ist nicht, ob es alles ganz genau versteht; wichtig ist, dass es teilnimmt."

 "Wir sprechen kein Chinesisch, wir laden den chinesischen Zuschauer ein, mit uns in einen Dialog zu treten, und das Publikum lacht. Das war ein wunderbarer Moment. Unsere Vorstellungen sind ein Experiment, das auch hätte scheitern können. Das war aber nicht der Fall", unterstreicht der Komiker.

"Unsere Erfahrungen erinnern an das Phänomen des Clowns, der kleine Kinder wie Erwachsene zum Lachen bringt. Menschen kommen zusammen und erleben etwas gemeinsam. Dies ist eine universelle Erfahrung. In diesem Sinn ist das Experiment geglückt", folgert Christoph Wolfisberg.


(Übertragen aus dem Französischen: Christine Fuhrer), swissinfo.ch

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