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Michel Tabachnik wieder vor Gericht

Ein Berufungsgericht in Grenoble prüft seit Dienstag, inwieweit der Genfer Dirigent Michel Tabachnik für den Selbstmord von Mitgliedern der Sonnentempler-Sekte verantwortlich ist.

Dieser Inhalt wurde am 24. Oktober 2006 - 13:03 publiziert

2001 war der schweizerisch-französische Doppelbürger mangels Beweisen freigesprochen worden. Von 1994 bis 1997 hatten sich 74 Angehörige der Sekte in der Schweiz, Frankreich und Kanada das Leben genommen.

Ende 1995 wurden in den Bergen nahe Grenoble, im Südosten Frankreichs, die Leichen von 16 Mitgliedern der Sonnentempler-Sekte gefunden. Gut zehn Jahre später wird das tödliche Ritual noch einmal untersucht.

Die Staatsanwaltschaft hatte beim ersten Prozess vor fünf Jahren Tabachnik Mitverantwortung für insgesamt 74 Ritualmorde vorgeworfen. Die Menschen waren dem Sonnentempler-Wahn zum Opfer gefallen.

Neben den Toten in Grenoble starben 53 Menschen zwischen dem 30. September und dem 5. Oktober 1994 in Kanada sowie in Cheiry, Kanton Freiburg, und in Salvan, Kanton Wallis. Mitte März 1997 starben fünf in Saint-Casimir (Québec). Tabachnik wurde aber mangels Beweisen freigesprochen.

In den Kopf geschossen

Gerichtsmediziner stellten fest, dass 14 der Opfer unter starkem Medikamenteneinfluss standen, als sie mit Pistolenschüssen in den Kopf getötet wurden. Auch vor zwei Kindern im Alter von vier und sechs Jahren hatten die Sektenanhänger nicht Halt gemacht.

Der heute 63-jährige Tabachnik unterhielt jahrelang enge Kontakte zu Sektenchef Joseph Di Mambro. Bei einem Vortrag vor Sonnentemplern sprach er im September 1994 in finsteren Andeutungen von einer "unumkehrbaren Etappe bei der Rückkehr zum Vater". Die Sonnentempler müssten "das menschlich nicht Hinnehmbare akzeptieren".

Die Staatsanwaltschaft warf Tabachnik 2001 vor, durch seine Reden und Schriften unter den Sektenjüngern eine "selbstmörderische Dynamik" ausgelöst zu haben. Dafür und für die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung habe er fünf Jahre Haft verdient.

Einziger Sonnentempler-Prozess

Tabachnik, der bis Anfang der 80er-Jahre das Philharmonie-Orchester von Metz leitete und dann als freier Dirigent arbeitete, ist der Einzige, der je wegen der Bluttaten der Sonnentempler vor Gericht stand. Die mutmasslichen Hauptverantwortlichen, Di Mambro und sein Prediger Luc Jouret, waren unter den Toten von Salvan.

Der Berufungsprozess gegen Tabachnik wurde immer wieder verschoben, unter anderem wegen eines Verfahrens gegen den Gutachter Jean-Marie Abgrall. Dessen Expertise hatte im Prozess eine zentrale Rolle gespielt. Einige Hinterbliebene warfen ihm Verletzung des Berufsgeheimnisses und der Prozessordnung vor.

Letztes Kapitel?

In Grenoble wird nun möglicherweise das letzte Kapitel der Sonnentempler geschrieben. In diesem "Orden" hatte sich seit den 50er-Jahren eine selbst ernannte "Elite mit Wiederauferstehungs-Mission" zusammengefunden.

Sektenchef Di Mambro lebte jahrzehntelang gut auf Kosten seiner zumeist begüterten, aber seelisch verunsicherten Anhänger - bis er sie in den Untergang führte.

swissinfo und Yvonne Brandenberg (afp)

Eine lange Blutspur

1983: Gründung eines Ordens in Genf, der mehrere esoterische Gruppen vereint. Unter den Gründungsmitgliedern befinden sich der Franko-Kanadier Joseph Di Mambro und der Belgier Luc Jouret. 1990 nannte sich die Sekte Orden des Sonnentempels.

30. September 1994: Ein 35-jähriger Schweizer, seine britische Frau und ihr dreimonatiges Kind werden in Morin Heigths bei Québec (Kanada) umgebracht, in einem Haus, das Di Mambro gehörte.

5. Okt. 1994: In Cheiry FR sowie in Les Granges bei Salvan VS werden in abgebrannten Gebäuden 23 respektive 25 Leichen von Sonnentemplern entdeckt, unter ihnen Di Mambro und Jouret. Die meisten Toten wurden vor den Bränden vergiftet oder erschossen.

23. Dez. 1995: In den französischen Vercors-Bergen bei Grenoble werden 16 sternförmig angeordnete verkohlte Leichen von Sonnentemplern gefunden. Sie weisen Schussverletzungen auf.

22. März 1997: Im Haus eines Sonnentemplers in Saint-Casimir (Québec) werden fünf Leichen entdeckt. Insgesamt gab es jetzt 74 Todesopfer, darunter 30 Schweizer, 30 Franzosen und 10 Kanadier.

August 1998: Das freiburgische Kantonsgericht stellt das Verfahren im Zusammenhang mit dem Sonnentempler-Drama von Cheiry ein. Danach wird auch das Verfahren im Wallis eingestellt.

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