Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Bundesratswahl Pierre Maudet, ein Schweizer Macron in der Landesregierung?

Emmanuel Macron, Pierre Maudet

Emmanuel Macron und Pierre Maudet stehen beide für eine neue Art von Politik.

(Keystone)

Brillanter Redner, lebhaft, charismatisch, effizient, ambitiös: Mit 39 Jahren schlägt Pierre Maudet in der schweizerischen politischen Klasse, die als eher langweilig und schüchtern gilt, ein wie eine Bombe. Doch trotz seiner Qualitäten, die ihm sogar seine erbittertsten Gegner zugestehen, geht der freisinnige Genfer nicht als Favorit ins Rennen um den freiwerdenden Sitz von Didier Burkhalter im Bundesrat. Ein Porträt.

"Seit unserem ersten Treffen beeindruckte mich Pierre Maudet durch sein klares Denken, seinen Willen, seine Energie und auch einen gewissen Charme, die aus seiner Persönlichkeit hervorgingen", sagt Pascal Couchepinexterner Link gegenüber swissinfo.ch. "Ich kannte andere Personen, die für die Politik geschaffen waren, aber Pierre Maudet sticht klar heraus."

"Kontrollfreak"

Pierre Maudetexterner Link ist verheiratet und hat drei Kinder. Ansonsten ist er sehr diskret, was sein Privatleben betrifft.

Er ist hyperaktiv, arbeitet hart, behält gerne die Kontrolle – laut der Westschweizer Tageszeitung Le Temps ist er in der Lage, seine Spitzenbeamten um drei Uhr nachts wegen eines brennenden Mülleimers zu wecken – und lebt für die Politik.

"Ich habe nicht viel Freizeit, und wenn ich welche habe, widme ich diese meinen Kindern", sagt Maudet gegenüber swissinfo.ch.

Wie viele Machtmenschen wartet Maudet nicht auf den Sonnenaufgang, um seinen Tag zu beginnen. "Oft stehe ich um vier Uhr morgens auf. Dann lese ich einen Teil meiner Zeitungen. Ich gehe laufen und bin zurück, bevor meine Kinder aufstehen. (…) Das ist ein besonderer Moment, der nur mir gehört. Die Aktivitäten haben noch nicht begonnen, und statistisch gesehen ist das auch nicht die Zeit für dringende Anrufe", sagte er 2012 gegenüber Le Temps.

Infobox Ende

Diese Lobrede hat ein gewisses Gewicht, denn sie kommt aus dem Munde eines Mannes, der während mehr als zehn Jahren in der Schweizer Landesregierung gesessen hat (1998-2009) und dort durch seine Charakterstärke aufgefallen war.

Couchepins Loblied fügt sich ein in eine Liste von positiven Kommentaren zu Persönlichkeit und politischem Handeln Maudets, seit dieser am 4. August angekündigt hat, für die Nachfolge des Freisinnigen Didier Burkhalter im Bundesrat zu kandidieren.

In der Presse – besonders in der Deutschsprachigen – vergeht fast kein Tag ohne Pierre Maudet – meist sind es längere Interviews oder wohlmeinende Porträts. "Brillanter Kommunikator", "aussergewöhnlicher Stratege", "Politikbegabter", "Alphatier", "aufsteigender Stern" oder "Kraft der Jugend" sind nur einige der Qualifikationen, die gemeinhin von Leitartiklern im Lande herbeigezogen werden.

"Ungeniessbarer Wein"

Selbst seine heftigsten Kritiker zögern keinen Moment, seine Qualitäten zu loben. "Effizienz, Staatsverständnis, aussergewöhnliche Reflexionsgabe, starke Intuition, schönes Gesicht: Wenn man nur den Behälter Maudet betrachtet, ist das ein Produkt, auf das der Standort Genf stolz sein kann", sagt Yves Nideggerexterner Link, Nationalrat der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP).

Doch er ergänzt rasch: "Aber: Der Wein Maudet ist ungeniessbar. Er ist ein Euro-Turbo, er will das Milizsystem abschaffen, eine professionelle Armee aufbauen und unterstützt die Legalisierung von illegalen Einwanderern. Alles Dinge, die der SVP nicht passen."

Maudet, der bis jetzt im deutschsprachigen Landesteil kaum bekannt war, scheint aber mit seiner Verführungskunst Erfolg zu haben, zumindest ausserhalb der Kreise der strammen Rechten – der einzigen politischen Kraft, die sich frontal gegen den Genfer Politiker stellt. Die Schweizerinnen und Schweizer beobachten den meteorhaften und praktisch fehlerfreien politischen Aufstieg dieses Juristen mit Interesse, der – ein seltener Fall für einen Genfer – die Sprache Goethes perfekt beherrscht.

Der Genfer "Sheriff"

Pierre Maudet fand sehr früh seinen Weg in die Politik. Bereits mit 11 Jahren schreibt er die Stadt Genf an mit der Bitte, eine Skateboard-Rampe aufzustellen. Mit 15 gründet er das Jugendparlament der Rhonestadt. Mit 21 tritt er in die städtische Legislative (Parlament), mit 29 in die Stadtregierung. Mit 33 übernimmt er für ein Jahr im Turnus das Amt des Stadtpräsidenten, was ihm erlaubt, im Rahmen der UNO-Treffen im internationalen Genf zahlreiche ausländische Amtsträger zu treffen.

"Pierre Maudet ist ein Euro-Turbo, er will das Milizsystem abschaffen, eine professionelle Armee aufbauen und unterstützt die Legalisierung von illegalen Einwanderern. Alles Dinge, die der SVP nicht passen."

Yves Nidegger, Nationalrat SVP

Ende des Zitats

2012 weitet er seine Karriere auf den Kanton aus und wird Regierungsrat. Er übernimmt das Sicherheits-Departement, ein Jahr später wird diesem der Bereich Wirtschaft hinzugefügt. Im Gegensatz zu einigen seiner Vorgänger weiss Maudet in diesem Amt zu überzeugen: Er schafft es, dass die Fallzahlen in der Kriminalstatistik abnehmen, auch wenn ihm einige vorwerfen, er benehme sich wie ein Sheriff und zeige eine Sicherheitsbesessenheit, um der öffentlichen Meinung zu gefallen und den Populisten des Mouvement Citoyens Genevoisexterner Link (MCG) einen Riegel vorschieben zu können.

Die einzige Niederlage für den Hauptmann in der Armee: 2003 wird er nicht in den Nationalrat (grosse Parlamentskammer) gewählt. Aber unter der Schirmherrschaft von Pascal Couchepin kann er 2005-2015 die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragenexterner Link (EKKJ) leiten.

2011 zögert er keinen Moment, sich in die nationale Debatte um die Armee einzuschalten und Verteidigungsminister Ueli Maurer (SVP) frontal anzugreifen, weshalb er von der Neuen Zürcher Zeitung als "Agent provocateur" bezeichnet wird.

Ein Schweizer Macron?

Mit einem solchen Profil ist es deshalb kaum erstaunlich, dass Maudet regelmässig mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron verglichen wird. Die beiden Männer haben das gleiche Alter und teilen ausser ihrer Jugend viele gemeinsame Punkte: grosser Ehrgeiz, Europafreundlichkeit und den Willen, traditionelle politische Gräben zu überwinden.

Maudet, ein Mann der Freisinnig-Demokratischen Parteiexterner Link (FDP.Die Liberalen), wird oft als dem linken Flügel dieser rechtsbürgerlichen Partei zugehörig eingeschätzt. Er verlässt von Zeit zu Zeit die Parteilinie, um eine progressivere Vision zu verteidigen, ohne jedoch als Kritiker aufzutreten. "Pierre Maudet verliert sich nicht in zu vielen ideologischen Überlegungen. Ihm ist wichtig, konkrete Resultate zu erreichen", betont Couchepin.

Ein weiterer gemeinsamer Punkt mit Macron: sein französischer Pass, den er von seinem Vater hat, und den er sich im Fall einer Wahl in den Bundesrat abzugeben bereit erklärte. Ein Eingeständnis an die Kritik aus den Reihen der SVP, die seine Loyalität gegenüber der Schweiz in Frage stellten.

Nicht der Mann der Stunde

Allerdings reagiert Maudet selber auf die Parallelen mit Macron mit einer gewissen Zurückhaltung: "Wie ich zögert Emmanuel Macron nicht, informelle Regeln zu brechen, namentlich, indem ideologische Mauern eingerissen werden. Doch der Vergleich kommt rasch zu einem Ende, wenn man unsere Laufbahnen und die politischen Systeme unserer beiden Länder vergleicht", sagt Maudet gegenüber swissinfo.ch.

In der Schweiz werden die Mitglieder der Landesregierung durch die Vereinigte Bundesversammlung (die beiden Kammern des Parlaments) gewählt. Die Wahl unterliegt einer Reihe von ungeschriebenen Gesetzen, die dazu führen, dass nicht immer jene gewählt werden, die am wahrscheinlichsten für dieses hohe Amt in Frage kommen. Im Gegenteil: Das Parlament hat oft die Tendenz, jene zu übergehen, deren Kopf etwas zu hoch herausragt – oft zu Gunsten von mutmasslich formbareren Personen.

Maudets Handicaps

Bevor er sich am 20. September zur Wahl stellen kann, muss Maudet allerdings noch ein erstes grösseres Hindernis überwinden: Er muss es auf das offizielle Ticket schaffen, das seine Partei der Bundesversammlung vorlegen wird.

Angesichts zweier erklärter Kandidaturen, Ignazio Cassisexterner Link und Isabelle Moretexterner Link, startet Maudet mit drei gewichtigen Handicaps: Er stammt nicht aus dem engen Zirkel der Nationalpolitik, er ist nicht Tessiner (die italienischsprachige Schweiz ist seit 1999 nicht in der Landesregierung vertreten), und er ist ein Mann (gegenwärtig sind nur zwei der sieben Bundesräte Frauen).

Doch Maudet lässt sich deswegen nicht entmutigen. Sollte er versagen, weiss der Genfer, dem man schon lange einen möglichen Bundesratssitz nachsagt, dass er weitere Möglichkeiten haben wird. Und er hätte, wie auch immer es herauskommen mag, eine grosse Wette gewonnen: sich ausserhalb seines Heimatkantons einen Namen und einen Ruf zu schaffen.

"Reden wir Klartext: Ich führe diese Kampagne mit dem einzigen Ziel, gewählt zu werden", betont allerdings Maudet. "Doch es stimmt, dass ich durch meine Treffen mit der Bevölkerung und den Parlamentariern enorm viel Erfahrungen erwerben konnte. Ich unternehme viel dafür, bekannt zu werden, und ich stelle fest, dass das keine verlorene Zeit ist. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass man in der Politik sehr schnell vergessen wird."

Wirtschaft zuerst

Sollte er in den Bundesrat gewählt werden, will Pierre Maudet die Wirtschaft zu seinem ersten Ziel machen. "Man kann lange über die Gesundheit oder die Altersvorsorge reden, aber ohne eine gesunde Wirtschaft wird es sehr schwierig, die Herausforderungen zu meistern, die unser Land erwarten", sagt der Genfer Politiker.

Um sich von seinen Konkurrenten abzuheben, die für den Sitz von Didier Burkhalter kandidieren, pocht Maudet öffentlich auf seine Unabhängigkeit von Lobbys und seine zehn Jahre Erfahrung in der Genfer Regierung.

"In Genf habe ich 4000 Beamte unter mir, in strategischen Bereichen wie der Polizei, den Gefängnissen, der Migration und dem Arbeitsmarkt. Dank meiner Führungsfähigkeiten habe ich greifbare Resultate erreicht, und das mit einem Sinn für Konsens und Verhandlungsgeschick, der nie bestritten wurde. Bern, wo man oft sehr ideologisch an etwas herangeht, würde ein solcher Pragmatismus guttun", schätzt er.

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.

×