Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Mit dem AKW Mühleberg hat das erste von fünf Schweizer Kernkreftwerken einen definitiven Abschalttermin bekanntgegeben.

Mit dem AKW Mühleberg hat das erste von fünf Schweizer Kernkreftwerken einen definitiven Abschalttermin bekanntgegeben.

(Ex-press)

Die Schweizer Zeitungen üben sich am Tag nach der Mitteilung, das Atomkraftwerk Mühleberg bei Bern werde 2019 abgestellt, in Poesie: "Der Doping-Effekt des Todes von Mühleberg", "Zweiter Akt für den Atomausstieg", "Da waren es nur noch vier", "Der Atompoker geht weiter".

Aber auch prosaischere Titel sind zu lesen, wie etwa "Problemlos zu verkraften", "Lichterlöschen in Mühleberg", "Hoffen, dass die Zuganker halten" und die Frage: "Ist Braunkohle wirklich besser?"

"Eine Ära geht zu Ende", schreibt die Berner Zeitung zur angekündigten Abschaltung des 1972 in Betrieb genommenen Atomkraftwerks. Es sei eine Ironie des Schicksals, "dass es nicht etwa die Atomkraftgegner sind, welche das frühzeitige Ende des AKW herbeigeführt haben, sondern die Schwemme von subventioniertem Solar- und Windstrom aus Deutschland".

Eine teure Nachrüstung, wie sie die Aufsichtsbehörde Ensi fordere, sei bei den tiefen aktuellen und prognostizierten Strompreisen schlicht nicht mehr lohnend für die Betreiberin BKW Energie. "Kommt hinzu, dass es nach der Atomkatastrophe von Fukushima für die AKW-Betreiber schwierig abschätzbar geworden ist, welche Sicherheitsstandards die Atomaufsichtsbehörde verlangen wird."

Die absehbare Stromlücke, welche Mühleberg hinterlasse, müsse in einer ersten Phase mit Strom aus der Europäischen Union abgedeckt werden. "Denn es wird nicht möglich sein, in so kurzer Zeit die Produktion von erneuerbaren Energien im erforderlichen Mass auszubauen." Eines sei aber klar: "Sauber wird der zugekaufte Strom nicht sein."

Ähnlich schätzt die andere Zeitung in Bern, Der Bund, die Situation auf dem Strommarkt ein: "Weil noch mehrere Jahre Stromüberfluss herrschen dürfte, wird der Wegfall von Mühleberg problemlos zu verkraften sein, im Winter dank Atom- und Kohlestrom aus dem Ausland."

Das Gute am fixen Abschalttermin sei, dass die Chefs im Stromkonzern nun "definitiv den Kopf frei" hätten, "um sich auf die energiepolitische Zukunft einzustellen", so Der Bund im gemeinsamen Kommentar mit dem Tages-Anzeiger. Denn "diese Zukunft ist unberechenbar".

Braunkohle als Alternative?

"Die Baisse der Kilowattstunde auf dem europäischen Markt hat die Entwicklung von erneuerbaren Energien gebremst, doch sie erleichtert paradoxerweise auch den Atomausstieg", schreibt die Westschweizer 24 heures. Daher sei die Ankündigung der BKW, aus wirtschaftlichen Gründen auszusteigen, nachvollziehbar.

"Die Atomkritiker schreien Verrat, sie sind empört, dass die 'alte Pfanne' noch sechs Jahre weiterleben darf. Derweil feiern die Moderaten einen Etappensieg: Der Druck auf den Stromkonzern Axpo wird zunehmen, seine beiden Reaktoren in Beznau (Inbetriebnahme 1996 und 1971) stillzulegen."

Das Zofinger Tagblatt allerdings vermag im Abschalt-Entscheid keine positive Signalwirkung zu erkennen. "Auch nicht für Gegnerinnen und Gegner der Kernenergie, wenn sie wirklich ökologisch denkende Menschen sind." Denn der Entscheid habe "nichts mit Sicherheit und ökologischem Handeln zu tun. Das Gegenteil ist der Fall".

Nun müsse zusätzlicher Strom aus dem Ausland bezogen werden, wo Frankreich weiterhin auf günstige Kernkraft setze und in Deutschland die Braunkohle ihre Renaissance feiere. "Braunkohle, ihre Förderung und Nutzung. Es gibt kaum einen Energieträger, der schmutziger ist. Das gilt für die Schäden an der Landschaft, in welcher der Energieträger im Tagebau abgebaut wird, für seine geringe Energiedichte und den damit verbundenen überdurchschnittlichen CO-Ausstoss", so der Kommentator.

Parlament unter Druck

"Der erste konkrete Entscheid der post-nuklearen Strategie der Schweiz" werde das Eidgenössische Parlament unter Druck setzen, glaubt Le Temps. "Denn nun verfügt es über einen ersten Kalender um einen Teil – in diesem Fall 13% - des von Atomkraftwerken produzierten elektrischen Stroms zu ersetzen."

Auch wenn der Anteil von Mühleberg an der nationalen Energieproduktion beschränkt bleibe, sei die Ankündigung der BKW, aus dem Atomstrom auszusteigen, eine Chance, sich doppelt anzustrengen. "Der Moment ist gekommen, um die energetische Diversifizierung anzupacken, von der alle geschrieben haben, die sich aber vor Ort selten konkretisiert."

Der Ball liege nun beim Parlament, das mit der Energiestrategie 2050 bereits ein Instrument in der Hand habe. "Doch der Weg ist noch lang und voller Fallstricke."

Frage der Sicherheit

Der Abschalttermin von 2019 sei noch nicht in Stein gemeisselt, glaubt die Neue Zürcher Zeitung. "Dieser Termin ist aus Sicht der BKW der ideale. Doch wie steht es um die Sicherheit der Anlage bis zu diesem Zeitpunkt?", fragt der Kommentator.

Unter der Annahme eines unbefristeten Betriebs habe das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat dem Kraftwerk umfassende Auflagen für Nachrüstungen aufgebrummt. "Werden diese nicht erfüllt, muss Mühleberg im Jahr 2017 abgeschaltet werden. Die BKW hat nun die Aufgabe, aufzuzeigen, wie es die Sicherheit zwei Jahre über das Stichdatum von 2017 hinaus gewährleisten kann."

Die Aufsichtsbehörde sei nun gefordert, dass trotz der Ankündigung einer Stilllegung keine Kompromisse bei der Sicherheit gemacht würden. Denn die Frage sei, wie der Entscheid der BKW zu deuten sei: "als vernünftigen Schritt oder als taktisches Manöver, um hohe Sicherheitsinvestitionen zu vermeiden?".

Auch Der Landbote stellt die Sicherheit ins Zentrum seines Kommentars. Mühleberg dürfe noch zu lange am Netz bleiben, glaubt die Kommentatorin: "Nachweislich hat es grosse Sicherheitsprobleme. Die Zuganker, die die Risse im Kernmantel stabilisieren, hätten bis 2017 ersetzt werden müssen. Ebenso hätte die Betreiberin BKW eine zweite Kühlwasserleitung ziehen sollen. Diese Investitionen fallen nun weg."

Die Begründungen, das Kraftwerk aus wirtschaftlichen Gründen vom Netz nehmen zu wollen, seien beunruhigend. Denn laut Experten sei die Schweiz nicht auf Strom vom AKW Mühleberg angewiesen.

"Deshalb sind die Reaktionen von Atomgegnern nachvollziehbar. Aus ihrer Sicht wird die Zitrone so lange ausgepresst, bis kein Saft mehr kommt. Doch das birgt ein Risiko, denn sechs Betriebsjahre stehen bevor. Hoffentlich halten die Zuganker."

swissinfo.ch


Links

×