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Schweizer Briefe an Insassen in Todeszellen

Ursula Corbin begann vor rund 20 Jahren zu schreiben (Bild: Doc Productions)

(swissinfo)

Lifespark ("Lebensfunke"), eine Schweizer Organisation, die Brieffreundschaften für Insassen in amerikanischen Todeszellen vermittelt, wird zehn Jahre alt.

Anlässlich des Welttages gegen die Todesstrafe sprach swissinfo mit der Frau, deren Briefe für Männer in Todeszellen oft der einzige Kontakt mit der Aussenwelt sind.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Lifespark-Mitglieder von 150 auf 250 gestiegen.

"Im Verlauf der Jahre verlangten einige unserer Mitglieder, die seit langem Briefe in die Todeszellen schicken, dass wir mehr tun im Namen von Lifespark", erklärt Evelyne Giordani, die Präsidentin der Organisation, gegenüber swissinfo.

Im Jahr 2000 führte die Organisation deshalb mit Gästen aus den USA und in Zusammenarbeit mit Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International eine Reihe von Gesprächen.

Lifespark macht auch bei internationalen Kampagnen zur Abschaffung der Todesstrafe mit und hat auch schon Insassen in den Todeszellen Rechtshilfe geleistet.

Ihr Hauptzweck ist aber nach wie vor das Vermitteln von Brieffreundschaften – einige dieser Leute sind sogar schon in die USA gereist, um ihre Brieffreunde zu besuchen.

Gefängnisbesuche



"Mit dem ersten Gefangenen, dem ich schrieb, entwickelte sich eine wirklich gute Freundschaft, und so besuchte ich ihn", erinnert sich Ursula Corbin, eine der Gründerinnen von Lifespark.

"Es ging mir sehr nahe, als er hingerichtet wurde, und ich beschloss, auf weitere Brieffreundschaften zu verzichten. Aber viele Insassen hatten vernommen, dass ich ihm geschrieben hatte, und fragten mich, ob ich mit ihnen korrespondieren würde. Ich bekam Dutzende von Briefen."

Anstatt all diesen Männern zu schreiben, gründete Corbin mit zwei anderen Frauen aus ähnlichen Organisationen in Grossbritannien Lifespark, um Brieffreundschaften für die verurteilten Männer zu finden.

Unmenschliche Bedingungen



Die Mitglieder von Lifespark sind nicht nur gegen die Todesstrafe, sondern auch gegen die unmenschlichen Bedingungen in den Todeszellen. Dies insbesondere in texanischen Gefängnissen, wo die Männer in vollständiger Isolationshaft gehalten werden.

Die Zellen haben keine Fenster, und die Gefangenen dürfen von ihrem Besitz nur so viel mitnehmen, wie in einer Schachtel Platz hat. Auch dürfen sie nur zwei Stunden pro Woche Besuch haben.

Das sind laut Corbin die Gründe für das Briefeschreiben. Es sei nicht unbedingt so, dass sie immer von der Unschuld dieser Insassen überzeugt sei. Corbin glaubt, dass zwei der vier Gefangenen, denen sie zur Zeit schreibt, Morde begangen haben.

Aber wie andere Schweizer Briefschreiberinnen geht Corbin davon aus, dass viele Insassen zum Tode verurteilt wurden, obwohl die Beweise gegen sie mehr als nur auf schwachen Füssen stehen.

Sie sagt, die Briefe seien für die Männer "wie ein Ausgang ohne auszugehen". Sie nimmt sich pro Woche zwischen Beruf und Familie fünf Stunden Zeit, um ihnen zu schreiben.

Persönliche Beziehung



Auch Maria Eggimann, eine Lehrerin, die mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in den Berner Alpen lebt, hat einen Brieffreund in einer Todeszelle.

"Als ich damit begann, war mir nicht bewusst, welchen Einfluss dies auf mein persönliches Leben haben würde", erklärt Eggimann. "Aber ich merkte ziemlich schnell, dass das ein Mensch ist, der niemanden hat."

Sowohl Corbin wie Eggimann reisen diesen Monat in die USA, um ihre Brieffreunde in den texanischen Todeszellen zu besuchen. Es könnte das letzte Mal sein, dass sie die beiden Männer lebend sehen, denn diese haben den Appellationsprozess praktisch ausgeschöpft.

Schreiben gegen den Tod



Der Schweizer Filmemacher Rolf Lyssy begleitete Corbin letztes Jahr auf einem ihrer Besuche nach Texas und drehte einen Film über die ungewöhnliche Brieffreundschaft.

"Es ist leicht, andere Länder und Systeme zu kritisieren", sagte Lyssy zu swissinfo. "Aber wenn man sieht was vorgeht realisiert man, wie inakzeptabel die Todesstrafe ist, und besonders, wie sie die Gefangenen in Texas behandeln."

Der Film "Schreiben gegen den Tod" wird diesen Herbst erstmals in den USA, in New York, gezeigt.

Er steht auch, als Teil einer Reihe mit Filmen über die Todesstrafe, auf dem Programm des Nationalen Filmarchivs in Lausanne.

Lyssy hat beschlossen, Stephen Moody, der in der Todeszelle sitzt und im Film vorkommt, den Wunsch nach einem letzten Interview zu gewähren, wenn seine letzte Berufung abgelehnt wird. Das Interview wird am Ende des Films gezeigt.

Moody wurde zum Tod verurteilt, da er bei einem angeblichen Drogendeal einen Mann getötet hat.

Wut



Corbin will weiter mit Insassen in Todeszellen korrespondieren, auch wenn Moody oder andere ihrer Brieffreunde hingerichtet werden. "Ich bin innerlich so wütend, wenn ich sehe, dass ein zivilisiertes Land Menschen noch immer so behandelt – die eigenen Landsleute."

"Diese Wut gibt mir die Energie, weiterzufahren, denn in dieser Welt ändert sich nichts, wenn man immer nur sagt: 'Ach, da können wir nichts tun'", fügt sie an.

"Ich will meinen Teil zu einer Veränderung beitragen. Und auch wenn ich selbst es nicht mehr erlebe, so doch hoffentlich künftige Generationen."

swissinfo, Dale Bechtel
(Übertragung aus dem Englischen: Charlotte Egger)

In Kürze

In US-Gefängnissen sitzen rund 3’500 Insassen in Todeszellen, fast ein Drittel davon in Kalifornien und Texas.

Eine unverhältnismässige Zahl von zum Tode Verurteilten sind Schwarze.

Eine vom US General Accounting Office durchgeführte Studie zeigt, dass in über 80% der Fälle "die Rasse einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines Todesurteils" hatte.

Der 10. Oktober wurde von einer internationalen Koalition von NGOs, Anwaltsverbänden, Gewerkschaften und Lokalregierungen zum "Welttag gegen die Todesstrafe" erklärt.

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