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Schweizer in Iran "Niemand in Iran will einen offenen Krieg mit den USA"

(sda-ats)

Aufgrund grosser Spannungen zwischen Iran und den USA, ging anfangs Jahr die Furcht vor einer militärischen Eskalation des Konflikts um. Zur grossen Erleichterung des iranischen Volkes und der internationalen Gemeinschaft traf dieses Szenario bisher nicht ein. Wie gehen die Menschen in Iran im Alltag mit dieser Situation um? SWI swissinfo.ch sprach mit Farsin Banki, einem ehemaligen schweizerisch-iranischen Universitätsprofessor.

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Anfang Januar 2020 wurde der iranische General Kassem Soleimani durch einen amerikanischen Drohnenangriff auf dem Gelände des internationalen Flughafens in Bagdad getötet. Die iranische Regierung und die Revolutionsgarden reagierten zornig. Als Vergeltung bombardierte Iran einige Tage später eine US-Militärbasis im Irak. Nach den neuesten Zahlen wurden dabei 64 US-Soldaten verwundet.

Seither haben sich die Spannungen zwischen den beiden Ländern und die Aufmerksamkeit der Medien etwas gelegt. SWI swissinfo.ch hat versucht herauszufinden, wie die Bevölkerung in Iran den Alltag seither erlebt. Ein Gespräch mit Farsin Banki, einem ehemaligen schweizerisch-iranischen Universitätsprofessor, der während der letzten Wochen in seiner Heimat weilte.

Farsin Banki wurde in Iran geboren und wuchs teilweise in Deutschland auf. Der 67-Jährige kam fürs Studium in die Schweiz, wo er nun – mit ein paar Unterbrüchen – seit mehr als 46 Jahren lebt. Er ist schweizerisch-iranischer Doppelbürger und weilt rund drei Monate pro Jahr in Iran. Der Professor forschte und unterrichtete am staatlichen Institut für Human- und Kulturwissenschaften in Teheran.

(Farsin Banki)

swissinfo.ch: Nach der Tötung von General Soleimani war die Angst vor einer Eskalation im Nahen Osten gross. Die militärische Antwort Irans verstärkte die Befürchtung. Wie haben Sie die Situation erlebt?

Farsin Banki: Ich war entsetzt, um es gelinde auszudrücken. Ich erlebte ein grosses Gefühlsdurcheinander. Wie war es möglich, dass eine Nation [die USA] sämtliche internationalen Abkommen verletzen und dann darauf beharren kann, dass man sie respektiert. Ich stellte mir diese Frage unabhängig davon, wer bei dem Angriff getötet worden war.

Als die iranische Regierung daraufhin militärische Vergeltung übte, stockte mir der Atem. Wir dachten alle, dass Iran nun in einen direkten Krieg mit den USA verwickelt werde, den niemand wollte.

Ich komme gerade aus Teheran zurück. Während meines Aufenthalts reiste ich auch im Land umher. Es ist erstaunlich festzustellen, dass nichts von diesen jüngsten politischen Ereignissen zu spüren ist.

Obwohl es unter der Oberfläche brodelt. Jeder weiss, was passiert ist. Niemand aber lässt sich etwas anmerken. Man geht den Alltagsgeschäften nach.

swissinfo.ch: Nach dem Absturz der ukrainischen Boeing 737, der 176 Tote gefordert hatte, ging es drei Tage, bis die iranische Regierung den Abschuss des Passagierflugzeugs einräumte.Es folgten Demonstrationen. Gingen Sie auch auf die Strasse und dauern die Kundgebungen an?

F.B.: Nein, ich und meine Familie haben nicht an den Protesten teilgenommen. Ich hätte die letzten 41 Jahre kaum überlebt, wenn ich mich so weit aus dem Fenster gelehnt hätte. Sowohl als Privatperson als auch als Universitätsprofessor.

Die Demonstrationen sind bereits wieder verebbt. Doch das iranische Volk merkt immer mehr, dass sich die grossen Versprechungen und Ankündigungen nicht mit der Realität decken. Dieser Unmut wird sich wieder und wieder bei anderen Gelegenheiten zeigen.

"Doch das iranische Volk merkt immer mehr, dass sich die grossen Versprechungen und Ankündigungen nicht mit der Realität decken."

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swissinfo.ch: Seit ein paar Wochen hört man in Europa praktisch nichts mehr über die Spannungen zwischen Iran und den USA. Ist das Thema in Iran noch aktuell?

F.B.: Ja, das Thema wird so lange aktuell bleiben, bis sich beide Seiten an einen Tisch setzen und zusammen reden.

Zwar gibt es keine explizite Gesprächsverweigerung. Doch stellen beide Seiten Bedingungen, die eine solche Begegnung verhindern. Wenn Sie mich fragen, ist das die einzige Möglichkeit, diesen Zwist zu beenden.

swissinfo.ch: Ist das Misstrauen der iranischen Bevölkerung gegenüber dem Westen eine Realität oder trifft das nur für eine Minderheit zu, die das Regime unterstützt?

"Die meisten Iranerinnen und Iraner himmeln den Westen an. Denn sie glauben – zu Recht –, dass er Garant des freien Denkens sei."

Ende des Zitats

F.B.: Heute haben die Menschen andere Möglichkeiten, um sich zu informieren. Sie müssten aber den Umgang mit den Massenmedien und den Sozialen Medien lernen, damit sie nicht alles einfach glauben. Im Fall von Wahlen wäre das besonders wichtig.

Die meisten Iranerinnen und Iraner himmeln den Westen an. Denn sie glauben – zu Recht –, dass er Garant des freien Denkens sei.

swissinfo.ch: Kürzlich wurden iranische Wissenschaftler inhaftiert, die über eine zweite Nationalität verfügen. Inzwischen sind sie wieder frei. Beunruhigen Sie solche Vorkommnisse?

F.B.: Solche Meldungen aus den Medien sind immer beunruhigend. Doch mich trifft es nicht mehr persönlich, weil ich emeritiert bin und keinen grossen Einfluss mehr auf meine Studierenden habe.

swissinfo.ch: Spüren die Menschen im Alltag die Sanktionen gegen Iran?

F.B.: Ja, sie sind spürbar. Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt, dass die Menschen in Iran in der lokalen Währung verdienen und die Preise in Dollar berechnet werden.

Das Einkommen von Beamten bleibt unverändert und wird in Rial abgegolten. Je nachdem woher das importierte Produkt aber kommt, entsprechen die Preise dem Wecheslkurs von Dollar oder Euro. Oft reicht der Lohn nicht mehr aus, um die Miete zu bezahlen. Um durchzukommen, übernehmen sie bis zu vier Jobs.

Die Preise in Iran entsprechen schon längst nicht mehr dem Realwert. Sie werden teils auf unterschiedliche Wege vom Staat subventioniert. Das gilt auch für den Benzinpreis. Sein plötzlicher Anstieg um das Sechsfache scheint mir keinen Einfluss auf den Verkehr zu haben.

Zwei Iraner an der Tankstelle
(Keystone / Abedin Taherkenareh)

swissinfo.ch: Gibt es spezielle Sicherheitsvorkehrungen für Expats oder geht das Leben einfach normal weiter? Geht man abends aus, wie wenn nichts wäre?

F.B.: Das soziale Leben spielt sich in Iran eher in den privaten vier Wänden ab. Die meisten Schweizerinnen und Schweizer in Iran, die ich kannte, kehrten wieder zurück in ihre Heimat.

Die, welche zur Botschaft gehören, besuchen sich gegenseitig oder stehen in Kontakt mit anderen Expats. Das Leben muss so normal wie möglich weitergehen, so lange die Situation nicht lebensbedrohlich ist. Erstaunlicherweise ist Iran das sicherste Land im Nahen Osten.

2018 lebten laut Bundesamt für Statistik 214 Schweizer Bürgerinnen und Bürger in Iran. In seinen Reisehinweisenexterner Link empfiehlt das Aussendepartement (EDA) den Schweizerinnen und Schweizern vor Ort nach den Ereignissen zu Jahresbeginn, wachsam und zurückhaltend zu bleiben sowie Demonstrationen und Massenveranstaltungen zu meiden.

Die Schweiz und Iran pflegen gute Beziehungen und treffen sich regelmässig zu politischen Konsultationen. Als Schutzmacht vertritt die Schweiz die Interessen der USA in Iran.

Sie setzt die völkerrechtlich bindenden Sanktionen der UNO um und zieht fallweise unilaterale Sanktionen der wichtigsten Handelspartner der Schweiz, namentlich der EU, autonom nach, wie das EDA auf seiner Internetseiteexterner Link schreibt.

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Das Interview wurde schriftlich geführt.


(Übertragung aus dem Französischen: Kathrin Ammann)

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