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Schweizer Weihnachten in Moskau (2)

Festtagsbeleuchtung in Moskau, rechts im Hintergrund der Kreml.

(swissinfo.ch)

Russland muss noch zwei weitere Wochen auf die orthodoxen Weihnachten warten. Zudem ist das grosse Fest seit Sowjetzeiten Neujahr. Eine Herausforderung für jeden Auslandsschweizer.

Wer sich nicht drei Stunden in den Flieger nach Hause setzt, feiert mit Freunden, im Restaurant oder vertagt Weihnachten einfach auf den 31. Dezember.

"Ich werde am Montag kaum mitbekommen, dass Weihnachten ist", sagt Mathias Müller. Der 29-Jährige hat an Heiligabend in Moskau einen ganz normalen Arbeitstag.

"Nur unsere deutschen Händler werden nicht erreichbar sein." Müller vertreibt Landwirtschaftsbedarf in Russland. Dass Weihnachten in diesem Jahr für ihn praktisch ausfällt, findet er nicht so schlimm.

Der Rote Platz – ein Wintermärchen

In der russischen Hauptstadt stehen derzeit an fast jedem grösseren Platz knallbunte Weihnachtsbäume. Trotzdem fehlt die typisch schweizerische Adventszeit. "Man kommt hier nicht so richtig in Vorweihnachtsstimmung", sagt Müller.

Denn Moskau wirkt auch so im Schnee wild romantisch. "Da muss sich die Stadt selbst vor New York nicht verstecken", sagt Eddy Gerber, Russland-Chef der Swiss. Auf dem Roten Platz laufen die Menschen vor der grandiosen Kulisse des Kreml Schlittschuh.

Die Fassade des Edelkaufhaus GUM strahlt im Glanz tausender Lichter. Nur eines fehlt: "Das Tüpfchen auf dem 'i' wäre ein kleiner Weihnachtsmarkt", sagt Gerber. "Dann wäre es wirklich perfekt."

Gregorianischer ersetzt julianischen Kalender

Nach der Oktoberrevolution 1917 ersetzten die Bolschewiken die alten julianischen Kalender durch unseren gregorianischen. Dadurch hat sich nicht nur die Oktoberrevolution auf den 7. November verschoben, auch bei den Weihnachtsfeiertagen ist viel durcheinander gekommen.

Am weltweit gängigen Neujahr feiert man seit Sowjetzeiten mit Geschenken und Tannenbaum die leuchtende Zukunft des Landes. Der orthodoxe Heiligabend fällt dagegen auf den 6. Januar. Eine Woche später wird dann das "alte" (julianische) Neujahr begangen. Seit einigen Jahren ist die Zeit vom 31. Dezember bis zum 9. Januar komplett frei. Das ganze Land verharrt in einer neujährlichen Zwangspause.

"Fondue chinoise für die Nostalgie-Schweizer"

Die Auslandsschweizer müssen sich mit dem Moskauer Weihnachtsrhythmus arrangieren. Am 24. Dezember ist das Café des Artistes Treffpunkt für die Übriggebliebenen. "Für die paar Nostalgie-Schweizer, die in Moskau sind, machen wir ein Fondue chinoise", sagt der Schweizer Besitzer des Restaurants, Michel Dolf.

Fondue für die Eidgenossen, Weihnachtsgans für die Deutschen, Austern für die Franzosen - nur einen Steinwurf vom Kreml entfernt, versucht Dolf jedem seiner Stammgäste sein traditionelles Weihnachtsmenu zu bieten.

Doch die meisten Gäste werden auch an Heiligabend Moskowiter sein. "Immer mehr Russen sind ganz wild auf andere Traditionen", sagt Dolf. "Für die ist das wieder ein Grund, etwas Neues auszuprobieren." Eddy Gerber wird wohl im Café des Artistes auf eine Fondue zugunsten eines Menus verzichten. Seine Freundin Susanne Kiefer muss am 24. Dezember noch in der Botschaft arbeiten.

Deshalb geht es erst am ersten Weihnachtstag heim in die Schweiz. "Wir freuen uns auf Heiligabend in Moskau. Das ist mal etwas anderes", sagt Gerber.

60% der Schweizer fliegen für Weihnachten zurück nach Hause, schätzt der Geschäftsmann René Meier, der die vergangenen vier Jahre das Fest in Moskau verbracht hat. Die übrigen müssen entweder arbeiten oder sind mit Russen verheiratet. "Das Neujahrsfest wird dann oft pompöser gefeiert als das Weihnachtsfest", sagt Meier.

"Väterchen Frost bringt die Geschenke"

Den 31. Dezember feiert Russland halb wie das westliche Weihnachten und halb wie unser Sylvester. Väterchen Frost, die sowjetische Version des St. Nikolaus, und seine Enkelin Snegurotschka (Deutsch: Schneeflöckchen) bringen den Kindern Geschenke. Vor allem aber wird viel gegessen.

"Ein festes Weihnachtsmenu gibt es nicht", sagt der Moskauer Familienvater Alexander Marjin. "Wir kochen immer, worauf wir Lust haben." Fest zur Sylvestertradition gehört dagegen die Liebeskomödie "Ironie des Schicksals oder Geniesse dein Bad!" im russischen Fernsehen.

Der Klassiker von 1975 vermischt eine typisch sowjetische Verwechslungsgeschichte mit subtiler Kritik an der Uniformität der Plattenbauviertel.
"Mir gefällt vor allem, dass die orthodoxe Weihnachten hier auf das Wesentliche beschränkt ist", sagt Mathias Müller. "Rummel und Konsumstress sind nach Neujahr schon vorbei."

Am 24. Dezember wird er mit ein paar russischen Freunden abends nach der Arbeit in die katholische Kirche in Moskau gehen, bevor er am nächsten Tag weiter arbeiten muss. Dass in der Schweiz auch danach noch Weihnachten ist, wird Müller im Moskauer Trubel schnell vergessen: "Es ist härter, im westlichen Ausland zu sein."

swissinfo, Erik Albrecht, Moskau

Festtagsserie

Wie feiern Schweizerinnen und Schweizer im Ausland Weihnachten? Was kommt bei ihnen auf den Festtagstisch?

swissinfo berichtet dazu in einer losen Serie aus verschiedenen Regionen der Welt.

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Festtagsserie

Wie feiern Schweizerinnen und Schweizer im Ausland Weihnachten? Was kommt bei ihnen auf den Festtagstisch?

swissinfo berichtet dazu in einer losen Serie aus verschiedenen Regionen der Welt.

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Sylvester-Klassiker: Ironie des Schicksals

Seit 1975 ist in Russland Neujahr ohne den Klassiker "Die Ironie des Schicksals oder Geniesse Dein Bad!" undenkbar. Die Geschichte ist so romantisch wie absurd und wohl nur in der früheren Sowjetunion denkbar.

Nach einem feucht-fröhlichen Nachmittag in der Banja, der russischen Sauna, wird Schenja am Sylvesterabend von seinen Freunden irrtümlich in ein Flugzeug aus Moskau nach Leningrad (heute: St. Petersburg) gesetzt. Völlig betrunken torkelt er am Ziel in ein Taxi und gibt seine Moskauer Adresse an.

Der Fahrer bringt ihn daraufhin in eine Leningrader Plattenbausiedlung, die Schenjas Moskauer Viertel zum Verwechseln ähnlich sieht. Selbst der Schlüssel zu seiner vermeintlichen Wohnung passt – nur die Frau ist eine andere.

Pointierte Dialoge und die subtile Kritik an der Uniformität sowjetischer Städte machen die Liebeskomödie "Die Ironie des Schicksals" zum Standardprogramm für das russische Neujahrsfest.

Der dreistündige Film wird Jahr für Jahr in zwei Teilen am 31. Dezember und 1. Januar im Fernsehen gezeigt.

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