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Schweizergarde zwischen Tradition und Folklore

Bis vor wenigen Jahren war es den Schweizergarden verboten, dem Papst den Rücken zuzukehren. (Foto: schweizergarde.org)

Die Leibgarde des Papstes besteht ausschliesslich aus Schweizern. Dies rechtfertige sich aus heutiger Sicht nicht mehr, meint Alt-Nationalrat Jacques Neirynck.

Die Sicherheit des Papstes könnte heute effizienter geschützt werden, sagt Neirynck im Interview mit swissinfo.

In diesem Jahr feiert die Päpstliche Schweizergarde ihr 500-jähriges Bestehen. Die "Mini-Armee" ist für die Sicherheit des Oberhauptes der katholischen Kirche verantwortlich.

Das historische Jubiläum wird mit einer Vielzahl von Veranstaltungen begangen. Es wird als Fest in Erinnerung bleiben, zu dem etliche Gläubige nach Rom kamen und Vertreter von Kirche und Staat ein Loblied auf die schmucken Soldaten in ihren Renaissance-Uniformen anstimmten.

Aus dem Jubelchor scheren nur wenige Leute aus. Kritik an der Schweizergarde, die nicht nur ein Symbol für den Vatikan, sondern auch für die Schweiz geworden ist, gibt es selten. Doch es gibt sie - beispielsweise von Jayques Neirynck, alt Nationalrat der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP).

swissinfo: Sie gehörten zu den wenigen Persönlichkeiten, die wiederholt eine Auflösung der Schweizergarde gefordert haben. Wieso?

Jacques Neirynck: Meine Kritik betrifft nicht so sehr die Schweizergarde als solche, sondern den ganzen Vatikan. Meiner Meinung nach braucht die katholische Kirche, genauso wie die anderen Religionen, keinen eigenen Staat. Und daher braucht sie auch keine Armee.

Um die Sicherheit des Heiligen Vaters zu gewährleisten, ist kein militärisches Korps nötig. Zivile Sicherheitskräfte oder eine Päpstliche Gendarmerie könnten die gleichen Aufgaben sicherer und professioneller erledigen.

swissinfo: Soll das heissen, dass die Schweizergarde ihre Aufgabe nicht effizient erfüllt?

J.N.: Die Bewachung der Eingänge zum Vatikan wird gut erledigt. Da kann man nichts aussetzen. Doch stellt sich die Frage, ob es dafür eine militärische Einheit braucht. Hausmeister reichten auch.

Beim Sicherheitsdienst als Leibwächter für den Papst sind hingegen Mängel sichtbar. Augenfällig wurde dies beim Mordversuch auf den Papst 1981. Gemäss einer alten Regel durften die Gardisten dem Papst nicht den Rücken zudrehen. So konnten sie den Attentäter in der Menge nicht frühzeitig erkennen. Auch ihre Bewaffnung mit den alten Hellebarden scheint mir nicht wirklich zeitgemäss.

Dieses fehlgeschlagene Attentat hat zum Glück einige Verbesserungen bewirkt. Die Gardisten werden besser ausgebildet. Sie dürfen nicht vergessen, dass der Schutz des Papstes ihre Hauptaufgabe ist und nicht das Herumstolzieren in ihren attraktiven Uniformen.

swissinfo: Aber gerade die Uniformen haben eine hohen symbolischen Wert, indem sie eine Konstante im Wandel der Zeiten zeigen. Die Schweiz ist eng mit dieser Tradition verbunden.

J.N.: Ich will nicht bestreiten, dass die Aufmachung der Schweizergardisten Teil einer langen Tradition ist. Aber heute wird diese Tradition immer stärker zur Folklore. Als die Schweizer sich in den Heeren der Welt verdingen mussten, konnte dies noch akzeptabel sein. Aber heute nicht mehr.

Es überrascht mich nicht, dass es in der Schweiz praktisch keinen Widerstand gegen diese Tradition gibt. Man lässt sich davon einlullen. Auch ausserhalb der Schweiz wagt niemand, die Soldaten des Papstes zu kritisieren. Und dies nicht aus echtem Respekt, sondern aus folkloristischen Gründen. Genau dies ärgert mich als Katholik. Die Religion ist eine ernste Sache und nicht ein unterhaltsames Brauchtum!

swissinfo: Sehen das die Novizen in der Päpstlichen Garde auch so?

J.N.: Ich glaube, dass die Mehrheit der neuen Garden mit grossen Idealen den Dienst antritt. Doch in Rom werden sie dann umgepolt. Zwischen all diesen Paraden haben sie Mühe, ihre eigentliche Aufgabe und ihren Nutzen zu erkennen. Eine solche Situation muss Spannungen erzeugen.

Man denke nur an das blutige Drama, das sich vor einigen Jahren im Vatikan abgespielt hat. Der Garde Cédric Tornay hat sich selber und zuvor den Kommandanten Alois Estermann und seine Frau Gladys Meza Romero umgebracht, weil er nicht befördert worden war. Dieses Ereignis müsste zu denken geben. Denn es spiegelt ein Unwohlsein wider, das im ganzen Korps vorhanden ist.

swissinfo: Die Gardisten sind immer Schweizer gewesen. Könnte diese Regel eines Tages ändern?

J.N.: Ich hoffe doch. Ich sehe keinerlei Grund, warum man eines Tages nicht Männern – und vielleicht auch Frauen – aus anderen Nationen die Möglichkeit geben sollte, in die Leibgarde des Papstes einzutreten. Der Katholizismus ist universal und weltumspannend. Daher sollten die Garden des Papstes aus der ganzen Welt kommen, so wie die Truppen der Vereinten Nationen.

Viele Schweizer sehen in diesem Monopol eine Ehre, eine Anerkennung des Papstes gegenüber seinen Soldaten, die ihm in all diesen Jahren die Treue gehalten haben. Ich hege da Zweifel. Die Schweizergarde feiert zwar ihr 500-Jahr-Jubiläum, aber in der Geschichte gab es noch nie einen Schweizer Papst. Bedeutet das vielleicht, dass wir nur für die einfachen Dienste bestimmt sind, nicht aber für die Ehre des "höchsten Amtes"?

swissinfo-Interview: Anna Passera
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

In Kürze

Die päpstliche Schweizergarde wurde 1506 unter Papst Julius II. della Rovere gegründet.

Mit 110 Mann ist sie die kleinste und älteste Armee der Welt.

Die Existenz der Schweizergarde wird selten in Frage gestellt.

Die Leibwächter des Papstes in ihren Renaissance-Uniformen gelten als Symbole des Vatikans und der Schweizer Tradition.

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Fakten

Jacques Neirynck wurde am 17.August 1931 in Brüssel geboren.

Beruf: Ingenieur, Universitätsprofessor, Journalist, Schriftsteller.

Von 1999 bis 2003 war Neirynck Nationalrat (Grosse Kammer des Schweizer Parlamentes) für die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP).

Sein letztes Buch: "Un pape suisse" (Ein Schweizer Papst), Press Pocket.

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