"Bald geht das Jammern erst richtig los"

Hilft in den Sommermonaten im familiengeführten Restaurant auf Paros aus: Olga Mira. zvg

Die Familie von Olga Mira betreibt auf der griechischen Insel Paros ein Restaurant. Der Tourismus ist auch dort massiv eingebrochen. Richtig zu spüren bekommen haben das vor allem Destinationen wie die Kykladen, wo der Fremdenverkehr der weitaus wichtigste Wirtschaftszweig ist.

Dieser Inhalt wurde am 13. September 2020 - 11:00 publiziert

Das nennt sich wohl ausgleichende Ungerechtigkeit: Während der grossen Finanz- und Wirtschaftskrise war es der Tourismus, der die griechischen Inseln vor deren schlimmsten Auswüchsen rettete. Nun ist es genau diese einseitige Abhängigkeit, die die touristischen Gebiete in den ökonomischen Abgrund zieht.

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"Wir haben im Juli und August etwa 30 bis 40 Prozent weniger Umsatz gemacht", schätzt Olga Mira. Die griechisch-schweizerische Doppelbürgerin verbringt im Sommer einige Monate auf der Insel Paros, wo sie im familieneigenen Restaurant aushilft. Damit sei man relativ glimpflich davongekommen: "Andere hat es noch viel härter getroffen." Einbussen um bis zu 80 Prozent waren keine Seltenheit.

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Als Tochter einer Schweizerin und eines Griechen ist Olga Mira auf Paros aufgewachsen. Nach einem Studium in Journalismus und ersten Jobs zog sie in die Schweiz, wo sie einen Master in Business Development absolvierte. "Ich fand eine gute Stelle in der Schweiz, vermisste aber auch das Leben in Griechenland." Nun kombiniert sie beide Welten: In Zürich, wo sie mit ihrem Ehemann lebt, übernimmt sie Aufträge für den Vernetzungsevent Worldwebforum auf Projektbasis, im Sommer hilft sie zudem der Familie im Restaurant aus. Eine etwas andere Pendler-Geschichte.

Ein begrenzter Erfolg

Wegen des Corona-bedingten Lockdowns war die Ein- und Ausreise auf den griechischen Inseln bis Ende Mai verboten. Auch die Familie Mira konnte den Betrieb erst spät aufnehmen – Mitte Juni statt Anfang April. Damit war ein grosser Teil der Saison bereits verloren. "Zu Beginn war mehr Personal am Arbeiten, als wir Gäste an den Tischen hatten", blickt Olga Mira zurück. Immerhin konnten sie das Restaurant eröffnen: Viele Hotels, Tavernen und Cafés blieben zu, da sich deren Betrieb in der verkürzten Saison nicht rechnete.

Die Geschäfte rund um den Hafen von Naoussa sind unter Nachschwärmern beliebt – die Corona-Krise setzte ihnen nun mächtig zu. Bernhard Steinbach

Für einmal wurde die griechische Regierung aber für ihr Krisenmanagement gelobt: Der frühe, weitreichende Lockdown sorgte dafür, dass das Land sehr wenige Covid-Fälle aufwies. Nach zehn Jahre Krise befindet sich das Gesundheitswesen in einem lamentablen Zustand, einen raschen Anstieg an Fallzahlen hätte es kaum stemmen können. Bis zum Sommer, so die Berechnung der Regierung, hätte das Land wieder bereit sein sollen, um Gäste willkommen zu heissen.

Der Sommer kam, der grosse Ansturm blieb aber aus. Auf Paros, wo wie auf anderen Kyklandeninseln praktisch alles vom Tourismus abhängt, mussten sich die Unternehmer deshalb anpassen – sprich die Kosten senken. Die Familie Mira etwa hat das Angebot verkleinert und weniger Personal angestellt. Olga Mira, ihre Eltern und ihre Schwester arbeiten diesen Sommer alle im Restaurant. "Uns geht es deshalb verhältnismässig gut. Aber ein zweiter solcher Sommer könnte existentiell werden."

Am Hafen von Paroikia liefen dieses Jahr deutlich weniger Fähren ein als üblich. Bernhard Steinbach

Wie gross die Unsicherheit ist und wie instabil die Situation, zeigte sich zudem Mitte August: Griechenland erlebte eine plötzliche, starke Zunahme an Corona-Fällen, so dass die Regierung lokal begrenzte Massnahmen anordnete. In Paros wurde unter anderem eine allgemeine Maskenpflicht eingeführt und Mitternacht zur Sperrstunde gemacht. Ein Genickbruch für die Bar- und Ausgangszene der Insel.

Umkämpfter Sektor

In Krisenzeiten sucht nun jeder neue Wege, um sein Geschäft anzupreisen. Auch auf Paros zeigt sich vermehrt der Nutzen von digitalen Kanälen. "Wir sind sehr aktiv in den sozialen Medien, vor allem auf Instagram und Facebook", sagt Olga Mira. Sie glaubt, dass dank dem digitalen Marketing der Einbruch abgefedert werden konnte. Damit repräsentiert sie eine neue Generation von gut ausgebildeten Unternehmern, die im stark umkämpften Tourismussektor auf moderne Instrumente setzen. Aber ihre Rolle beschränkt sich nicht nur auf den Bildschirm: "Irgendjemand muss ja auch servieren", sagt sie lachend.

Das Dorf Marpissa ist ein Beispiel für die typische kykladische Architektur mit ihren verwinkelten Gassen. Bernhard Steinbach

Wie geht es jetzt weiter? Nun gelte es zu schauen, wie sich die Situation entwickelt. "Wir schliessen den Betrieb normalerweise Ende Oktober, aber in diesem Jahr kann man ja kaum etwas vorausplanen." Zudem kommt ein Haufen Bürokratie auf die Familie zu: Die Regierung hat ein finanzielles Massnahmenpaket geschnürt, um Privaten und Unternehmen in der Corona-Zeit finanziell unter die Arme zu greifen.

Natürlich gehe dieses teilweise schleppend voran, sagt Olga Mira: "Aber ich bin bisher ehrlich gesagt positiv überrascht." Dank einer angeordneten Mietzinsreduktion zahlen Geschäfte 40 Prozent weniger Miete, zudem wurden schnell und unkompliziert Darlehen zur Verfügung gestellt. Für griechische Verhältnisse sei verhältnismässig schnell gehandelt worden. Dennoch ist auch für Olga Mira klar: Das wird ein heisser Herbst. "Bald wird klar sein, wie stark der Tourismus wirklich eingebrochen ist. Dann geht das grosse Jammern erst richtig los."

Unterstützung für die Schweizer Hotellerie?

Auch in der Schweiz hat der Tourismus gelitten, was natürlich die Politik auf den Plan gebracht hat: "Lasst uns unser Land neu entdecken und den Binnentourismus und die Arbeitsplätze unterstützen." Diesen blumigen Titel wählte Marco Chiesa, der neue SVP-Parteipräsident, für eine Motion im Mai aus, als praktisch alle Tourismusregionen in der Schweiz von den Corona-bedingten Lockdown betroffen waren. Die Motion sieht vor, dass Schweizer Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, die ihre Ferien in der Schweiz verbringen, ihre Hotelkosten von den Steuern abziehen können.

Die Branche wäre wohl nicht unglücklich über die Motivationsspritze: Die Hotellerie verzeichnete bis im Juli insgesamt 3,4 Millionen Logiernächte – das sind 1,2 Millionen weniger gegenüber der entsprechenden Vorjahresperiode. Das grosse Minus ist auf die ausbleibenden ausländischen Gäste zurückzuführen, die 1,8 Millionen Logiernächte weniger ausmachten. Die Schweizerinnen und Schweizer hingegen haben deutlich mehr Ferien in der Schweiz verbracht (2,6 Millionen Logiernächte, rund 30% mehr).

Der Bundesrat sieht das jedoch nicht als zielführende Massnahme zur Bewältigung der Krise und lehnt die Motion ab. Am 22. September wird im Ständerat darüber befunden. Wie sich die grosse Kammer auch entscheidet: Das Thema bleibt angesichts der kommenden Wintersaison hochaktuell.

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