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Spiel mit Verkleidungen des Religiösen

Shirana Shahbazi spielt in "Staying alive" mit iranischen und europäischen Bildtraditionen. 

(Kunstmuseum Thun/ Christian Helmle)

Welche Religion hätten Sie gerne? Die Ausstellung "Choosing my Religion" im Kunstmuseum Thun spielt mit der freien Verfügbarkeit des Religiösen im Alltag.

Zwölf Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Teilen der Welt lassen ihre unterschiedlichen Visionen von Religion und Gesellschaft aufeinander treffen.

Nur ein paar Striche auf das Passbild kritzeln, und schon hat man eine neue Identität: mit Hut und Schläfenlocken die eines orthodoxen Juden, mit Turban und Bart die eines Sikhs.

Die Bilderfolge "Passport Control" des Briten Mark Wallinger ist ein hintergründiges Rollenspiel um Zugehörigkeit, Identität und Klassifizierung. Sie spielt mit den Masken des Religiösen.

Bereits 1988 entstanden, hat die Arbeit heute, Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, an Brisanz noch gewonnen. Wer auf seinem Passbild arabisch aussieht, hat bei der Pass-Kontrolle Pech gehabt.

Kein Religionsverlust

Der Ausstellungstitel "Choosing my Religion" verweist auf den Songtitel "Losing my Religion" der amerikanischen Popband REM aus dem Jahr 1991, der einen Liebesverlust als Religionsverlust beklagt.

Doch den zwölf in Thun vertretenen Künstlern und Künstlerinnen aus der Schweiz, den Niederlanden, Deutschland, Grossbritannien, Iran, Ägypten, Algerien und Kosovo ist die Religion nicht abhanden gekommen, sondern treibt ihre wilden Blüten, provoziert, irritiert oder macht nachdenklich.

Blumen und Früchte in leuchtenden Farben

So findet man sich in einem geradezu sakral anmutenden Raum mit einem riesigen dreiteiligen Wandbild von überraschend sinnlicher Ausstrahlung konfrontiert. Auf schwarzem Grund sind in leuchtenden Farben Stillleben mit Blumen und Früchten und in der Mitte eine junge Frau in samtig-blauem Kurzärmel-Pullover dargestellt.

Die in Zürich lebende iranische Künstlerin Shirana Shahbazi überschneidet in diesem, zusammen mit iranischen Plakatmalern realisierten Wandbild christliche Bildtraditionen wie Stillleben und religiöses Triptychon mit der iranischen Tradition der gemalten Werbeplakate.

Christliche Elemente verbinden sich mit muslimischen, weltlich-sinnliche mit religiösen Zeichen. Das ist "Staying alive" für Shirana Shahbazi.

Kunstwerke stellen Fragen

Die Museumsdirektorin und Kuratorin Madeleine Schuppli hat für ihre Ausstellung Arbeiten ausgesucht, die sich auf je eigene Weise mit dem Verhältnis von Religion und Gesellschaft auseinandersetzen.

"Die Kunstwerke sind meistens eher als Frage formuliert oder zeigen eher die Komplexität auf, als dass sie Antworten geben", erläutert Schuppli gegenüber swissinfo.

"Ich sehe die Arbeiten als Mosaiksteine zu einem Gesamtbild oder Facetten aus diesem komplexen Themenkreis, den ich in dieser Ausstellung auch in einer gewissen Vielstimmigkeit und Heterogenität behandelt haben wollte."

Mit Leichtigkeit und Ironie

Neben Mark Wallinger beeindruckt auch der im Kosovo geborene Sislej Xhava durch einen erfrischend leichten und ironischen Zugang zum Thema.

Mit dem Patchwork aus katholischen Nonnenschleiern und muslimischen Kopftüchern zu einem luftig-leichten weissen Vorhang bringt Sislej Xhava frischen Wind in die aggressiv aufgeladene Debatte unserer Zeit um Minarette und blasphemische Karikaturen. "Fresh Breeze" ist einfach, verspielt und entwaffnend.

Zusammen mit dem in Berlin lebenden Algerier Adel Abdessemed hat Xhava ausserdem einen Raum mit von der Decke hängenden goldblinkenden Kitschobjekten aus dem religiösen Kontext bestückt: christliche Kruzifixe, jüdische Davidsterne und muslimische Fatima-Hände.

Spiritualität im modernen westlichen Alltag

Kann ich meine Religion tatsächlich wählen? Werden wir da nicht vielmehr hineingeboren? Madeleine Schuppli ist sich durchaus bewusst, dass diese Freiheit nicht für alle gilt.

Selbst wenn man in einer christlichen Kultur aufgewachsen sei, könne man die nicht so leicht abschütteln: "Aber wir haben doch die Freiheit, zu konvertieren oder aus der Kirche auszutreten", sagt Schuppli.

"In unseren Breitengraden sind allerdings nicht mehr die Kirchen für die Spiritualität oder Religiosität dominant. Es gibt viele verschiedene Angebote."

Dies thematisiert der Thuner Künstler Dominik Stauch in seiner Video-Arbeit "My Personal Colour Field", für die er über mehrere Jahre hinweg Aura-Fotografien von sich hat machen lassen, die angeblich die Stimmungslage in bunten Farbfeldern festhalten.

Der Künstler reflektiert so zeitgenössische Angebote zur Lebenshilfe als quasi-religiöse Auseinandersetzung mit dem Übersinnlichen. Das Religiöse bricht sich überall Bahn, gerade auch im säkularen Umfeld.

"Das ist für mich der Unterschied zwischen Kunst und Religion", sagt Schuppli. "Die Religion sucht Antworten, und die Kunst formuliert Fragen."

swissinfo, Susanne Schanda

Fakten

Die Ausstellung dauert bis 19. November 2006.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr, Mittwoch 10-21 Uhr.

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In Kürze

Die folgenden fünf Religionen gelten wegen ihrer grossen Anhängerschaft als Weltreligionen:

Christentum: 2,1 Mrd. Anhänger
Islam: 1,3 Mrd.
Hinduismus: 850 Mio.
Buddhismus: 375 Mio.
Judentum: 15 Mio.

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