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Spuren verlaufen im Sand

Spuren, die versanden: Jedes Jahr werden viele Schweizer als vermisst gemeldet.

Jedes Jahr werden Dutzende von Schweizern und Schweizerinnen, die ins Ausland verreist sind, als vermisst gemeldet.

Der bekannteste Fall ist Bruno Manser: Der Umweltaktivist hat sich jahrelang für die Urbevölkerung in Sarawak auf Borneo eingesetzt. Seit vier Jahren hat man nichts mehr von ihm gehört.

Das Fahrzeug, verlassen, aufgefunden in der Peripherie von Johannesburg. Einige Blutflecken auf einem der Sitze. Die Original-Fahrschilder mit falschen vertauscht.

Eine lange Serie von Indizien, aber nicht dienlich genug, um Licht zu werfen auf das Schicksal von François Mayer, den Schweizer Delegierten des Roten Kreuzes in Pretoria, Südafrika. Hinter den vielen Rätseln bleibt nur eines sicher: Der Lausanner Arzt ist verschwunden.

Im Dezember 2001 verliert sich die Spur Mayers im Nichts. Mord? Entführung? Freiwilliges Untertauchen? Zweieinhalb Jahre später hängen unklare Hypothesen, Spekulationen und Vorahnungen immer noch wie ein trüber Schleier in der Luft.

Das Beispiel von Mayer ist nur eines von vielen. Jedes Jahr lösen sich zahlreiche ins Ausland verreiste Schweizer in Luft auf - ohne die geringste Spur zu hinterlassen.

Zahlreiche Fehl-Alarme

Laut dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) wurden für das Jahr 2003 62 Vermisstmeldungen gezählt. Für die ersten sieben Monate des laufenden Jahres sind es 15.

"Die meisten Fälle wurden schnell gelöst", sagt EDA-Sprecherin Carine Carey. Oft werden Leute, die einige Tage nicht auffindbar sind, einfach als vermisst gemeldet.

Anderes Land, andere Sitten

Nach der Vermisstmeldung durch die Familie und einer Analyse der Situation nimmt das EDA Kontakt mit den Behörden des Landes auf, in dem sich der Vermisste aufhielt.

"Die zuständige Schweizer Stelle im Ausland sucht dann die lokalen Behörden auf. Sie helfen auch den Familienangehörigen des Vermissten bei den vorbereitenden Prozeduren", sagt Carey.

Die Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg dient als grundlegende Massnahme für die Personenfahndung. Obschon in diesem Bereich nicht alle Länder gleichermassen effizient arbeiten, sagt Christian Sidéris, Direktor der in Genf gelegenen CS Enquêtes, einer Agentur für Nachforschungen.

"In gewissen Ländern bleibt der polizeiliche Aufwand sehr beschränkt." Sidéris nennt als Beispiel eine Fahndung, die Indien betraf: "Die Polizisten beschränken sich darauf, die Vermisstmeldung ans schwarze Brett zu nageln, wo schon hunderte von anderen Meldungen hingen."

Die Freiheit unterzutauchen

Erweisen sich die ersten Bemühungen als erfolglos, so rät das EDA den Familienangehörigen, die Behörden des Wohnortskantons des Vermissten zu benachrichtigen.

Carine Carey präzisiert, dass sich "das EDA darauf beschränkt, mit Rat beizustehen. Es liegt an der Familie selbst, zusätzliche Suchaktivitäten zu unternehmen".

Das EDA ist nicht befugt, Suchmeldungen auch im Inland zu verteilen. Da die Familie oder die Freunde nicht genau wissen, wie sie vorgehen sollen, werden oft Professionelle beigezogen.

"Privatdetektive arbeiten oft viel effizienter als die staatliche Polizei", sagt Sidéris, "weil sie sich auf einen Fall konzentrieren können".

Den Typus "Verschwundener" gibt es nicht

Laut dem Direktor von CS Enquêtes ist es nicht möglich, ein typisches Profil eines Vermissten zu zeichnen. "Es gibt unter ihnen Verschuldete, Ferienreisende, aber auch Menschen, die ins Ausland geflohen sind, weil sie dort ihre grosse Liebe gefunden haben."

Nicht alle Menschen, die verschwinden, seien Opfer von äusseren Umständen, unterstreicht Sidéris. "Viele verschwinden einfach, weil sie das selber wollen. Wenn keine vertraglichen oder finanziellen Verpflichtungen gegenüber Dritten bestehen, ist es jedem freigestellt, zu verschwinden."

Die EDA-Sprecherin bekräftigt, dass die Schweizer Behörden während der gesamten Suchaktivitäten zur Verfügung stehen, um mitzuhelfen und die Kontakte zu den betreffenden Amtsstellen im Ausland aufrechterhalten.

Ausser den Schweizer Stellen im Ausland können auch das Justiz- und Polizei-Departement (EJPD), Interpol oder das Rote Kreuz intervenieren.

In zwei Wochen wiedergefunden

Für die Suchagentur in Genf, die damit wirbt, dass sie 80% aller gesuchten Personen ausfindig macht, dauert eine Recherche durchschnittlich 10 bis 15 Tage.

"Der Preis für die Suchaktion hängt vom Land ab, in dem wir fahnden müssen", sagt Sidéris. "Und von den Informationen, über die wir zu Beginn verfügen." Der Preis variiere deshalb zwischen wenigen Tausend und einem Maximum von 80'000 Franken.

Wer unbedingt untertauchen und das Risiko, gefunden zu werden, minimieren möchte, sollte dies im Nahen Osten tun, rät Sidéris. Im Nahe Osten sei man gegenüber privaten Fahndern sehr reserviert.

"Die arabischen Emirate, Dubai und andere Länder in dieser Region sind nichts für uns. Arbeiten als Privatdetektiv ist verboten, und die Gesetze sind sehr streng."

Im Dschungel vermisst

Der bekannteste Fall eines spurlos verschwundenen Schweizers ist jener von Bruno Manser.

Der Umweltaktivist aus Basel hatte sechs Jahre lang, von 1984 bis 1990, beim Volk der Penan in Sarawak gelebt – der malaysischen Enklave auf Borneo. Seine 16 "Tagebücher aus dem Regenwald" sind eine geschriebene und illustrierte Rechnungslegung seiner Erfahrungen im Urwald.

Indem er sich auf der Seite der Urbevölkerung in einen gewaltlosen Kampf zur Verteidigung des Regenwaldes engagierte, wurde Manser für die malayischen Behörden und die Holznutzer zu einer unbequemen Person.

Sein letztes Lebenszeichen gab der militante Umweltschützer in Mai 2000 von sich. Seither herrscht Stille. Zwei Expeditionen, die sein Bruder organisiert hatte, führten zu keinem Resultat.

swissinfo, Luigi Jorio
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)

In Kürze

Zirka 90% der Vermissten tauchen innerhalb weniger Tage oder Wochen wieder auf.

Darunter fallen hauptsächlich flüchtige Jugendliche, Erwachsene oder Touristen, die es unterlassen haben, sich zu melden.

Die restlichen 10% werden kaum je wieder gefunden.

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Fakten

2003 wurden 62 Schweizer Staatsangehörige als im Ausland vermisst gemeldet.

Männer verschwinden häufiger als Frauen.

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