Wie Auslandschweizer die griechische Krise erleben

"Wir bleiben optimistisch!" Eric und Sybil Hofmann vom Alpinen College, zusammen mit dem Bündner Gianni Riatsch. O. Grivat

Die Tavernen in den Strassen Athens unterhalb der Akropolis sind stark frequentiert. Und in Nobelquartieren wie Kolonaki reiht sich eine Modeboutique an die andere. Wo ist da die Krise? Aber der Schein trügt. Den 11 Millionen Griechen steht eine düstere Zukunft bevor.

Dieser Inhalt wurde am 19. Juni 2010 - 13:36 publiziert

"Man darf dem Anschein nicht vertrauen. Die gute Frequentierung der Tavernen sagt noch nichts. Ein Grieche bleibt erst zu Hause, wenn er Fieber hat", sagt Gianni Riatsch. Der Bündner ist Hotelberater in Athen und einer von 3000 Schweizern oder griechisch-schweizerischen Doppelbürgern, die in Griechenland leben.

So auch Eric Hofmann, ein Berner, der zusammen mit seiner Frau Sybil das Alpine College leitet, eine Schweizer Hotel- und Tourismusfachschule in Glyfada, einer Gegend am Meer im Süden der Hauptstadt.

"Am Abend ausgehen, das ist für den Griechen Kultur! Das wird man im September sehen. Im Moment denkt er an die Ferien. Die Krise zeigt sich nicht in den Restaurants oder den Bars, sondern in den Einkaufswagen im Supermarkt und an den Tanksäulen, wo der Liter Benzin mittlerweilen 1.50 Euro kostet. Anfangs Jahr war es noch ein Euro - das ist eine Zunahme von 50%!"

Eine Entwicklung, die auch die Porschefahrer trifft, die in Griechenland übrigens zahlreicher sein sollen als in Deutschland, wie deutsche Medien enthüllten und geisselten, dass "die griechischen Zikaden von deutschen Ameisen subventioniert werden".

Das Schlimmste kommt noch

Auf die Griechen, ob mehr oder weniger reich, pensioniert, im privaten oder öffentlichen Sektor tätig, wird Einiges zukommen: Am 2. Mai hatte die Regierung von Georgios Papandreou ein drakonisches Sparpaket geschnürt: Löhne und Renten im öffentlichen Dienst werden für fünf Jahre eingefroren, für Staatsangestellte werden zwei von 14 Monatsgehältern gestrichen, die Mehrwertsteuer wird auf 23%, das Rentenalter für Frauen von 60 auf 65 angehoben bis ins Jahr 2013 etc.

Die wirtschaftlichen Folgen sind schon spürbar: So verzeichneten die jüngsten Zahlen zur Inflation im Monat Mai eine Zunahme von 5,4% im Vergleich zum Mai 2009, die höchste Zunahme seit August 1997. Laut Medienumfragen rechnen 7 von 10 Griechen damit, dass sich ihre Lage noch verschlechtern werde. Einer von drei Jugendlichen ist ohne Arbeit.

Letzte Woche traf die Krise auch die öffentlichen Spitäler, so jenes von Evangelismos im Herzen Athens. Die Spitalleitung liess verlauten, wegen Materialmangel könnten keine Herzoperationen mehr durchgeführt werden. Weitere Spitäler äusserten ähnliche Lieferprobleme für orthopädische Operationen oder Bluttests.

Die Regierung will auf Parallelimporte zurückkommen, um einer allfälligen Medikamenten-Verknappung entgegenzuwirken, denn Pharmagruppen hatten gedroht, sich wegen der von der Regierung angekündigten Tarifsenkungen vom Markt zurückzuziehen. Athen will im Rahmen des Sparpakets die Medikamentenpreise um durchschnittlich 21,5% senken, um das Staatsdefizit zu reduzieren.

Infolge von Misswirtschaft und Korruption ist das Gesundheitswesen seit Jahren vergiftet. "Bevor man sich operieren lassen kann, muss man dem Arzt für einen Eingriff, der 2000 Euro kostet, einen Umschlag (Fakelaki) mit rund 500 Euro zustecken", sagen erstaunte Auslandschweizer in Athen.

Nationalfeier in der Botschaft

Paul Koller-Hauser, für einige Monate noch Schweizer Botschafter in Griechenland (und Bruder von alt Bundesrat Arnold Koller) hat versucht, die rund 300 Schweizer zu beruhigen, die vergangenen Freitag zur etwas verfrühten 1. August-Feier in seinem Garten geladen waren.

"Wenn man am Meeresgrund ist, steigt man wieder an die Oberfläche! Jede Krise hat ein Ende. Es ist unsere Aufgabe, auf eine Beendigung der Krise hinzuwirken", sagte der Botschafter.

Zwischen der Schweiz und Griechenland existiert eine lange Tradition der Freundschaft: Anfangs 19. Jahrhundert spielte die Schweiz und ihre Philhellenen (Freunde des Griechentums) eine nicht unbedeutende Rolle im nationalen Befreiungskampf. Der Genfer Jean-Gabriel Eynard (1775-1863) trug aktiv zum Wiederaufbau des jungen Staates bei. Er war auch Mitbegründer der griechischen Nationalbank.

Lebendige Erinnerung

Gerassimos Notaras, der in eben dieser Nationalbank im Zentrum Athens das historische Archiv leitet, ist ein Zeuge der engen Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Er hat an der Universität von Lausanne Politikwissenschaft und Soziologie studiert – zusammen mit dem verstorbenen Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz – und eine Lausannerin geheiratet.

Mit 74 Jahren ist der ehemalige Widerstandskämpfer (gegen die Diktatur der Obristen) noch immer aktiv: "Ich habe noch nicht die Absicht, in den Ruhestand zu treten!", versichert Notaras, der mit seiner Kritik zur Unzulänglichkeit der verschiedenen Regierungen von links wie rechts nicht zurückhält.

"Das Land hat dauernd mehr ausgegeben als eingenommen, wie auch die Privatpersonen – und dies schon vor dem Beitritt Griechenlands zur Europäischen Union. Es fehlt an Organisation, Qualifikation, an Kontrollen. Der Fiskus trifft fast nur die Saläre oder die Rentner."

"Alle Länder werden das durchmachen"

Er schlägt vor, dem Treiben der 300 grossen Financiers weltweit ein Ende zu bereiten, die in gemeinsamen Absprachen gegen Griechenland spekuliert hätten, bevor sie eines Tages auch Ungarn, Portugal, Irland oder - wer weiss - die Schweiz angreifen würden.


"Wenn diese Geschichte nicht aufhört, werden dies alle Länder durchmachen. Zehn- oder Hunderttausende werden verhungern. Seit dem 11. September 2001 gibt es weltweit eine stillschweigende Übereinkunft im Kampf gegen den Terrorismus. Das kostet Milliarden. Und einem Krebskranken verabreicht man Aspirin."

Olivier Grivat, Athen, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Französischen: Gaby Ochsenbein)

Der Schweizer unter den griechischen Diplomaten

Alexandros Mallias, frisch pensioniert und früherer griechischer Diplomat in Washington, hat am Institut Européen des Hautes Études Internationales (IEHEI) in Genf studiert und ist mit einer Frau aus Lausanne verheiratet.

Der Balkanexperte amtet als Berater für die Schweiz und die Länder in dieser Region.

Mallias zu den Sparmassnahmen, zur Krise und zu den schweizerisch-griechischen Beziehungen:

"Die Massnahmen sind schwierig, hart und wahrscheinlich ungerecht, aber notwendig. Griechenland wurde gezwungen, diese zu ergreifen, um ein beispielloses Desaster zu vermeiden. Das Land war der Meinung, es könne die grosse Krise, die in Übersee ausbrach, umgehen. Ich war auf dem Posten in Washington, wo man das sinkende Vertrauen der amerikanischen Wirtschaft beobachten konnte.

Die griechische Regierung hat erkannt, dass wir in erster Linie selber für unser Übel verantwortlich sind. Griechenland war das schwache Glied, ist aber der Meinung, dass auch andere Länder Sparmassnahmen ergreifen müssten. Die griechische Krise kann ganz Europa treffen.

Das Gerücht, dass Schiffe dabei seien, Papier auszuladen, um Drachmen zu drucken, ist ein Witz schlechten Geschmacks. Er widerspiegelt vielleicht die Entschlossenheit der Spekulanten, die auf das Scheitern des Euro setzen. Vergessen wir nicht, dass "euro" aus dem Griechischen kommt. Griechenland wird aus dieser tiefen Krise herausfinden, wie es das auch in der Vergangenheit getan hat.

Ich wünsche mir, dass im Sommer massenweise Schweizer Touristen in mein Land kommen, gerade jetzt, wo der Franken so attraktiv wie nie zuvor ist."

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