Wie Frauen sich ein Stück Freizeit eroberten

Freizeit, wie wir sie heute kennen, war nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Dies galt bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem für Frauen.

Dieser Inhalt wurde am 04. Oktober 2020 - 11:00 publiziert
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1877 wurde mit dem eidgenössischen Fabrikgesetz der 11-Stunden-Tag eingeführt. War die Fabrikarbeit erledigt, hatten die Männer freie Zeit, man nannte dies Restzeit. Arbeiterinnen erledigten nach der Fabrik den Haushalt, die Wäsche, die Kinderpflege und das Kochen - Frauen mussten sich ihr kleines bisschen Freizeit hart erkämpfen.  

So machte es die Attraktivität der Warenhäuser, die Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz eröffneten, aus, dass hier Pflicht zum Vergnügen werden konnte: Die Frauen konnten hier ausserhalb ihres Quartiers einkaufen und somit für einen Moment der sozialen Kontrolle entfliehen.

Josef Weber, der Sohn eines reichen Händlers, eröffnet 1892 auf der Papierwerdinsel in Zürich «J. Webers Bazar», das erste grosse Warenhaus der Schweiz. Magazine zum Globus
Lebensmittelhalle im Globus Zürich um 1912. Die einkaufenden Frauen konnten alles anschauen, die Preise waren fix, es existierte kein Kaufzwang. Ein Hauch von Glamour war in dieser neuen Einkaufsform zu spüren. Magazine zum Globus

Von der Hygiene zum Sport - zum Vergnügen

Erste weibliche Freiräume boten auch die ersten öffentlichen Badeanstalten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts erbaut wurden, um dem wachsenden Hygienebewusstsein gerecht zu werden. Doch erst 1837 fällt in Zürich das Badeverbot für Frauen und ein «Badhaus für Frauenzimmer» wird errichtet. 

Das Frauenbad Belvoir in Zürich in einer undatierten Aufnahme. Die Frauen sitzen auf der Abtrennung zwischen Nichtschwimmer- und Schwimmerbecken. Bis 1900 entstehen in der ganzen Schweiz Kastenbäder aus Holz mit strikter Trennung nach Geschlechtern. Baugeschichtliches Archiv
In den 1920er Jahren wurde der Schwimmsport für Frauen als speziell geeignet angesehen. Das Schwimmen erzeuge schöne, feine Muskulatur und komme dem Femininen entgegen. Mädchen erhielten ab 1925 Schwimmunterricht, Knaben bereits hundert Jahre zuvor. Schweizerisches Sozialarchiv
Allmählich lösten Strandbäder die alten Kastenbäder ab. In den 1930er Jahren durften nun auch Frauen am Seeufer die Sonne geniessen. Keystone / Walter Studer

Kino, Tanz, Kaffeehäuser

Oftmals waren es Künstlerinnen, intellektuelle und mutige Frauen, die den Weg für mehr Rechte und Freiheiten ebneten. Sie hatten in Paris, London und New York studiert und wollten nach ihrer Rückkehr Austausch und Kultur in der Schweiz fördern. Sie wollten die Form ihres Gesellschaftslebens selbst bestimmen.

Zwei Beispiele sind die Bildhauerin Anna Indermaur, die erste Kinodirektorin der Schweiz, und die autodidaktische Tänzerin Trudi Schoop, die 1921 als 18-jährige ihre eigene Tanzschule eröffnete. 

Anna Indermaur eröffnete mit dem «Nord-Süd» 1935 das erste Studiokino der Schweiz. «Eine kulturelle Tat, die den bisher patriarchalischen Charakter des Zürcher Filmgewerbes in den Grundfesten erschütterte», schrieb die NZZ 1980 in einem Nachruf auf Indermaur. Theo Frey / Fotostiftung Schweiz
Anna Indermaur wurde das Leben schwer gemacht: Die renommierten Kinobesitzer duldeten keine weibliche Konkurrenz. Auch die Filmverleiher zogen mit den Kinoinhabern gleich und boykottierten das «Nord-Süd». Indermaur musste sämtliche Filme, die sie vorführen wollte, auf dem Schwarzmarkt besorgen. Nach einem unermüdlichen Rechtsstreit, den ihr Bruder ausfocht, wurde das Kino endlich in den Lichtspiel Verband aufgenommen. Baugeschichtliches Archiv / Forter E.
Kinobesuche galten als sittengefährdend für Mütter. Ihnen wurde empfohlen, besser an der frischen Luft spazieren oder einkaufen zu gehen. Von den Frauen wurde das Kino sehr geschätzt, da es eine Intimität bot und gleichzeitig ein öffentlicher Raum war, Träume beflügelte und heimliches Küssen ermöglichte. Akg-images / Weegee
Von der Nachbarschaft zum Kino profitierte auch das Kaffee «Select». Bald wurde es zum Lieblings-Café von der Kunst- und Kulturszene und von Frauen in Zürich. Fotostiftung Schweiz / Anita Niesz

In den 1920er-Jahren wollte sich nicht nur der kreative Geist, sondern auch der Körper aus Zwängen befreien. Sexuelle Tabus und strenge Konventionen wurden aufgelöst. Für Frauen hiess das, dass sie nicht mehr auf Partner angewiesen waren, die sie ausführten und teilhaben ließen. Diese Revolution spiegelte sich auch im Tanz, der die Ketten des Paartanzes längst gesprengt hatte.

Trudi Schoop's Tanzkreationen und Pantomimen wurden vom Publikum teilweise als komische Nummern empfunden, daher wurde sie als weibliche Charlie Chaplin bezeichnet. Sie gründete 1931 ihre zweite „Schule für künstlerischen Tanz“, um ihre eigenen Vorstellungen von Schönheit und tiefem Ernst des modernen Ausdruckstanzes zu verwirklichen. Auch sie hatte zu kämpfen mit den herrschenden Moralvorstellungen und nach fünf Jahr musste sie ihr Tanzlokal in einer Zürcher Kirche wieder aufgeben. Sie wanderte in die USA aus und wurde zu einer Wegbereiterin der Tanztherapie.

Der große Durchbruch gelang Trudi Schoop Anfang der dreissiger Jahre mit der Kreation ihrer „Fridolin“ Figur und dem Versuch, eine Handlung ohne Worte im Bewegungsausdruck auf die Bühne zu bringen. Robert Walser Stiftung / Carl Seelig
Grotesker ausdrucksstarker Tanz um 1927. Martin Imboden / Fotostiftung Schweiz
Es darf geschüttelt und gewackelt werden. Junge Frauen führen den Charleston vor, um 1926. Getty images

Im Zuge der Urbanisierung wuchs eine Industrie, die Angebote zum Vertreib der nun vorhandenen freien Zeit anbot – eine Entwicklung, die sich noch verstärkte, als 1919 die 48-Stunden-Woche eingeführt wurde. Zerstreuung und Unterhaltung wurden im Zirkus, in der Oper, im Theater und ab Mitte der 1920 Jahre im Radio angeboten.

Gleichzeitig wurden verschiedene Jugend- und Frauenorganisationen ins Leben gerufen, um dem befürchteten Sittenzerfall entgegenzuwirken. Sie boten kontrollierte und ihres Erachtens "sinnvolle" Freizeitbeschäftigungen, die je nach politischer oder konfessioneller Ausrichtung die jungen Menschen prägen sollten. 

"Meitschi" der Wandervögel (Schweizerischer Bund für alkoholfreie Jugendwanderungen) der Ortsgruppe St. Gallen im Jahr 1921. Diese Jugendbewegung suchte ihre Freiräume in der Natur: beim Spielen im Wald, beim Tanzen auf der Wiese und beim Wandern in den Bergen. Schweizerisches Sozialarchiv
1930 gründete Dori Wettstein (1904-1982) den Damenruderclub Zürich und brach damit in eine absolute Männerdomäne ein. Der Club nahm sobald das überhaupt möglich war, auch an Wettkämpfen teil. In den 1930er Jahren mussten die ruderbegeisterten Frauen in der eigens für sie geschaffenen Disziplin "Stilrudern" antreten (wo sie mangels Konkurrenz immer den ersten Platz belegten). Schweizerisches Sozialarchiv

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden auch zahlreiche Frauenzeitungen in den Bereichen Pädagogik, Hauswirtschaft, Pflege, Gewerbe und Industrie. Aber auch Unterhaltungs- und Modezeitschriften erfuhren einen Aufschwung und liessen ihre Leserinnen in grosszügigen Fotoreportagen in die grosse weite Welt schweifen.

"Wahre Geschichten" war die deutsche Ausgabe der populärsten amerikanischen Zeitschrift "True Story", um 1930. Hans Staub / Fotostiftung Schweiz Winterthur


Quellen: Historisches Lexikon der Schweiz, Historikerinnen des Frauenstadtrundgang Zürich, Basel, Winterthur, Luzern

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