Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

#WeAreSwissAbroad Jacqueline Tschumi: "Wenig Flexibilität im japanischen Arbeitsalltag"

Von

jacky1

Sie ging für eine kurze Ausbildung nach Japan. Und wollte nicht mehr zurück in die Schweiz – es war eine Liebe auf den ersten Blick. Nun lebt die bald 33-jährige Jacqueline Tschumi seit über fünf Jahren im Land der aufgehenden Sonne, wo sie sich einzig in der Arbeitswelt etwas mehr Innovation wünscht.

swissinfo.ch: Wann und weshalb haben Sie die Schweiz verlassen?

Jacqueline Tschumi: Ich hatte mich für eine Praktikumsstelle bei der Schweizer Botschaft beworben, um in Japan Arbeitserfahrung zu sammeln und Diplomatenluft zu schnuppern. Aus ursprünglich vier Monaten wurde ein Jahr, und daraus – nach einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz – weitere dreieinhalb Jahre als Festangestellte an der Botschaft.

swissinfo.ch: War es eine Reise ohne Rückkehr, oder haben Sie vor, einmal wieder in die Schweiz zurückzukehren?

J.T.: Zeitlich kann ich keine genauen Angaben machen, aber ich gehe davon aus, dass ich wieder in die Schweiz zurückkehren werde.

swissinfo.ch: Wie waren die ersten Monate in Japan?

J.T.: Alles war neu und spannend und abenteuerlich. Jeden Tag gab es etwas Neues zu erkunden – Japan/Tokio ist eine ganz andere Welt, man kann sich das in der Schweiz gar nicht so richtig vorstellen! Ich habe es in allen Zügen genossen und mich vom ersten Augenblick an in das Land verliebt.

Bilder von Auslandschweizern

Machen Sie die globale Schweiz sichtbar: Markieren Sie Ihre Instagram-Bilder mit #WeAreSwissAbroad

Wir werden ausgewählte Bilder und Videos auf unserem Instagram-Account reposten und hoffen, dass wir beim Stöbern im #WeAreSwissAbroad-Stream viele interessante Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer und ihre Geschichten entdecken.

Es ist uns ein grosses Anliegen, auf swissinfo.ch Ihnen und Ihren Erlebnissen in Form von Porträts, Anekdoten und Geschichten eine Plattform zu geben.

(swissinfo.ch)

swissinfo.ch: Welcher Arbeit gehen Sie nach? Wie kam es dazu?

J.T.: Seit August 2016 bin ich bei Nespresso im Marketing tätig. Zuvor habe ich über drei Jahre lang beim Swiss Business Hub Japanexterner Link an der Schweizer Botschaft kleine und mittelgrosse Schweizer Unternehmen (KMU) bezüglich ihres Markteintritts in Japan unterstützt.

Diese Tätigkeit war sehr spannend und ich konnte sehr viel lernen – sowohl über die Schweizer KMU-Landschaft und ihre Bedürfnisse, wie auch über die japanische Arbeitswelt.

Nach fast vier Jahren wollte ich die japanische Arbeitswelt gerne von einer anderen Perspektive kennenlernen und habe mich deshalb für den Wechsel in die Privatwirtschaft zu Nespresso Japan entschieden.

swissinfo.ch: Wie sind das Arbeitsleben und das Arbeitsklima in Japan im Vergleich zur Schweiz?

J.T.: Ich bin der Meinung, es ist sehr reguliert, bürokratisch, unflexibel und dadurch auch ineffizient.

Total untypisch für Japan geniessen wir jedoch bei Nestlé/Nespresso seit April dieses Jahres ein sehr flexibles Arbeitsverhältnis, welches uns erlaubt zeitlich und örtlich flexibel nach unserer Wahl zu arbeiten. Dies ist besonders auch für Frauen mit Familien sehr hilfreich, da sie von zu Hause aus arbeiten können, denn der Frauenanteil ist bei Nespresso relativ hoch.

swissinfo.ch: Wie ist die politische Lage in Japan? Interessieren Sie sich für Politik in Japan?

J.T.: Die Politik wird mit Shinzo Abe nach und nach konservativer und patriotischer. Ich kenne viele Ausländer, die sich Sorgen machen. Ich selbst bin politisch nicht sehr interessiert, halte mich aber auf dem Laufenden.

jacky2

Ein Beitrag geteilt von Jacky (@jacky.t) am

swissinfo.ch: Was finden Sie attraktiver in Japan als in der Schweiz? Was ist der grösste Unterschied zur Schweiz für Sie?

J.T.: Die Vielfalt von Möglichkeiten in Tokio – viele verschiedene "Städte" mit ganz anderen Charakteren in einer einzigen Stadt. Das ausgezeichnete und dabei trotzdem erschwingliche Essen. Die Onsen-Kultur [Bäder, N.d.R.]. Der Vibe einer Grossstadt.

Der wohl grösste Unterschied ist wohl, dass man – oder ich zumindest – in Tokio viel mehr unterwegs ist, es läuft immer etwas, man geht oft auswärts essen oder trinken. In der Schweiz kann man sich dies schlichtweg nicht leisten, und das Angebot ist viel kleiner.

swissinfo.ch: Wo leben Sie gegenwärtig, wie ist das Leben dort?

J.T.: Ich wohne in Hatanodaiexterner Link, das ist ein altes ruhiges Viertel in der Nähe von Gotanda/Shinagawa im Süden Tokios. Ich finde es sehr gemütlich hier, es hat viele Häuser mit Gärten, und man hat einen guten Verkehrsanschluss zu vielen schönen Orten wie Jiyugaoka, Futakotamagawa etc, aber auch älteren Einkaufsstrassen wie Togoshi Ginza. Von Hatanodai aus habe ich nur 15 Minuten zu meinem Büro, was natürlich super ist.

Zuvor habe ich in Ebisu gewohnt, was ganz anders war – viel zentraler, viel mehr los, mit vielen Restaurants und Bars und Einkaufsmöglichkeiten. Beides gefällt mir sehr gut.

Jacky 4

Japanisches Gericht in verschiedenen Schalen

A post shared by Jacky (@jacky.t) on

swissinfo.ch: Insgesamt lebten Sie schon über fünf Jahre in Japan und kennen sich wohl gut mit der japanischen Kultur und Gesellschaft aus. Gibt es trotzdem Momente, wo Sie sich wundern?

J.T.: Von diesen Momenten gibt es viele. Ich wundere mich zum Bespiel über die Ineffizienz und manchmal einfach Langsamkeit oder Müssigkeit des Personals hier. Und obwohl der Service hier grossgeschrieben wird, ist er doch sehr unflexibel gestaltet – was ja dann eigentlich nicht kundenorientiert ist.

Mich wundert es etwa immer wieder, wenn ich mein Getränk ohne Eis bestelle und dann das Glas nur knapp halb voll ist, weil das Volumen der Eiswürfel einberechnet ist – das würde in der Schweiz nie passieren, weil man so Kunden verliert. Aber hier hat es ja genug andere Konsumenten.

Ich denke, der grösste Unterschied ist ein Mangel an Flexibilität, die Unfähigkeit des "out of the box"-Denkens, oder sogar des eigenständigen Denkens. Vielmehr wird oft einfach nur strikt nach "Regelbuch" gearbeitet.

Dazu kommt, dass die Japaner nicht hinterfragen; vieles wird weitergeführt, "weil es immer schon so war" – und wenn dann der Ausländer kommt und fragt "wieso?", ist das auch die einzige Antwort darauf, die man bekommt. Änderungen sind sehr unbeliebt hier und sind ein langwieriges Unterfangen – das man je nach dem schliesslich aufgibt.

jacky3

La dolce far niente #summer #sun #switzerland #holidays #relax #home #happy

Ein Beitrag geteilt von Jacky (@jacky.t) am

swissinfo.ch: Wie denken Sie aus der Ferne über die Schweiz?

J.T.: Die Schweiz ist eine Oase mit sehr hohem Lebensstandard – und die Schweizer sind sich überhaupt nicht bewusst, wie gut es ihnen geht, sei es bezüglich Arbeitsverhältnisse, Ferien etc. Ich finde die Schweiz ein sehr schönes und gutes Land, das manchmal jedoch etwas "bünzlig" ist und etwas mehr über den Tellerrand schauen sollte.

swissinfo.ch: Nehmen Sie an Schweizer Wahlen und Abstimmungen teil? Per Brief oder E-Voting?

J.T.: Ja, aber nicht immer. Per Online-Voting.

swissinfo.ch: Was vermissen Sie von der Schweiz am meisten?

Die Natur! Die Möglichkeit, im Sommer zur Abkühlung in Seen und Flüsse zu springen und in kürzester Zeit in der Natur zu sein. Auch, dass es nicht so viele Leute hat und man nicht immer anstehen muss oder drei Stunden braucht, bis man wegen des vielen Verkehrs aus der Stadt hinaus ist.

Leben Sie als Schweizerin oder Schweizer auch im Ausland? Markieren Sie auf Instagram Ihre Bilder mit #WeAreSwissAbroadexterner Link.

Die in diesem Artikel geäusserten Ansichten, unter anderem zum Gastland und über dessen Politik, sind ausschliesslich jene der porträtierten Person und müssen sich nicht mit der Position von swissinfo.ch decken.

swissinfo.ch (das Interview wurde schriftlich geführt)

subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.

×