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Die Finanzmärkte haben die Pandemie bereits überwunden

Das erste Hoch des SMI im 2020 kam im Februar. Keystone / Ennio Leanza

Seit ihrem Absturz im März haben sich die Aktienmärkte wieder auf das vorjährige Niveau erholt – beflügelt von den Covid-19-Impfstoffen, die Hoffnung auf einen Aufschwung machen. In der Schweiz hat das Pharmaunternehmen Lonza stark davon profitiert.

Dieser Inhalt wurde am 13. Januar 2021 - 14:00 publiziert

Das Jahr 2021 fängt für die Schweizer Börse gut an. Der Swiss Performance Index (SPI), der wichtigste Börsenindex des Landes, liegt seit Ende Dezember über dem Stand von Anfang Januar 2020 und steigt weiter an.

Der Index, in dem fast alle börsennotierten Aktiengesellschaften enthalten sind, lag somit am Freitag um fast 4% über dem Stand von Anfang 2020 und nahe an seinem Höchststand vom Februar, wie auf der Website des Börsenbetreibers SIXExterner Link zu lesen war.

Der Swiss Market Index (SMI), der Leitindex, der die Kursentwicklung der 20 grössten Schweizer Unternehmen widerspiegelt, stieg am 30. Dezember über die 10'700-Punkte-Marke und damit auf den gleichen Stand wie Anfang Januar 2020. Am Freitag stand das Börsenbarometer bei fast 10'800 Punkten.

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Nachdem sie wegen des ersten Lockdowns Mitte März ihren Tiefpunkt erreicht hatten, "war die grosse Überraschung des Jahres 2020, dass sich die Märkte sehr schnell erholten", kommentiert Finanzmarktprofessor Michel Girardin vom Geneva Finance Research Institute der Universität Genf.

Während die Kurse im Oktober nach der zweiten Welle der Pandemie erneut einbrachen, sorgte die Entdeckung wirksamer Impfstoffe gegen das Virus Anfang November für einen positiven Ausblick und einen Aufwärtstrend an den Märkten.

Der Trend ist mit den wichtigsten internationalen Indizes vergleichbar. Der US-Aktienmarkt schloss das Jahr 2020 mit einer sehr positiven Performance ab, die insbesondere von Technologie-, Telekommunikations- und Internetwerten getragen wurde. Der Nasdaq-Index, in dem Facebook, Amazon und Netflix enthalten sind, stieg innerhalb eines Jahres um mehr als 40%. An den asiatischen Märkten stiegen der japanische Nikkei um 20% und die Shanghaier Börse um 15%.

Auch die europäischen Märkte erholten sich recht gut, allerdings mit Unterschieden. Sie haben grösstenteils nicht das Vorkrisenniveau erreicht: Der deutsche DAX liegt 4% im Plus, während der französische CAC 40 immer noch bei fast -6% im Jahresvergleich liegt.

Die britischen Märkte sind immer noch am schlechtesten dran – der FTSE 100 Index liegt derzeit 9% unter seinem Stand vom Januar 2020. Der Euro Stoxx 50, in dem 50 Unternehmen aus der gesamten Eurozone zusammengefasst sind, liegt bei rund -4%.

Aktienmärkte nahmen Aufschwung vorweg

Im Jahr 2020 haben viele Medien eine scheinbare Entkopplung zwischen der Realwirtschaft und den Finanzmärkten thematisiert: Warum entwickeln sich Aktien so gut, wenn eine Pandemie die Volkswirtschaften vieler Länder belastet?

Eine Kombination von Faktoren trägt dazu bei, den Aufschwung zu erklären. Dusan Isakov, der den Lehrstuhl für Finanzen und Corporate Governance an der Universität Freiburg inne hat, weist zunächst darauf hin, dass der Crash im März eine Überreaktion der Märkte gewesen sei und dass die Pandemie die verschiedenen Wirtschaftssektoren sehr ungleichmässig getroffen habe.

"Nachdem die Panik vorbei war, sahen die Anleger, dass ein Teil der Wirtschaft immer noch gut läuft, was den anschliessenden Anstieg erklärt", sagt der Spezialist für Portfolio-Management.

Staatliche Unterstützung, vor allem aber die expansive Geldpolitik der grossen Notenbanken, spielten dabei eine grosse Rolle. Diese kündigten rasch an, so lange wie nötig Geld nachzuschiessen, um die Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen. Trotz der unsicheren Wirtschaftslage "sind die finanziellen und makroökonomischen Fundamentaldaten nicht so schlecht", sagt Dusan Isakov.

Dabei muss berücksichtigt werden, dass der Aktienmarkt nur einen Teil der Realwirtschaft widerspiegelt – und zwar nicht unbedingt den repräsentativsten. Vor allem, so betont Michel Girardin von der Universität Genf, "schaut die Börse in die Zukunft". In der Schweiz reagierten spekulierten die Finanzmärkte während des starken Rückgangs im zweiten Quartal nicht, sondern erwarteten bereits eine Erholung im dritten und vierten Quartal, so der Experte.

Tatsächlich hat die Schweiz das Jahr 2020 makroökonomisch besser als erwartet abgeschlossen, und die Aussichten für 2021 sind recht erfreulich. Es bleibt abzuwarten, ob das aktuelle Niveau der Finanzmärkte nicht bereits einen Grossteil der erwarteten guten Nachrichten von der makroökonomischen Front einpreist.

Gewinner des Jahres 2020: Lonza

Mit einem Zuwachs von 66% innerhalb eines Jahres ist der Titel des Pharmaunternehmens Lonza der Champion des SMI, angetrieben durch die Partnerschaft mit Moderna zur Herstellung des Impfstoffs Covid-19, aber auch durch interne Strukturveränderungen.

Auch Sika und Givaudan schnitten mit Steigerungen von 39% respektive 21% gut ab. Givaudan ist auf Duftstoffe spezialisiert und diversifizierte seine Aktivitäten, um Handdesinfektionsgels herzustellen. Daneben produziert es in Partnerschaft mit dem israelischen Unternehmen Redefine Meat Aromen für Fleischersatzprodukte.

Ausserhalb des SMI erzielten die ZurRose-Apotheken eine ausserordentliche Leistung (+170%) dank der Implementierung eines Fernrezeptbearbeitungs- und Medikamentenlieferdienstes.

Auch Logitech entwickelte sich – wie die meisten Unternehmen der IT-Branche – dank der Telearbeit gut (+97%). Der Betreiber Swisscom seinerseits nutzte dies nicht aus und verzeichnete kaum Wachstum. Ein weiteres Beispiel ist Swissquote: Die extreme Volatilität der Märkte ausnutzend, verzeichnete der Online-Finanzdienstleister einen Anstieg von mehr als 96% im Jahresverlauf.

Hohe Volatilität und Rekordhandelsvolumen

Das Jahr 2020 war durch eine hohe Volatilität an den Finanzmärkten gekennzeichnet. "Die starken Kursschwankungen des vergangenen Jahres sind für ein Börsenjahr sehr ungewöhnlich", sagt der Vermögensverwaltungsspezialist Dusan Isakov, und sie hätten ein sehr hohes Handelsvolumen erzeugt.

Der Handel an der Schweizer Börse erreichte im Jahr 2020 ein Rekordvolumen von mehr als 1750 Mrd. Franken, was einer Steigerung von fast 19% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Zahl der Transaktionen lag bei knapp 100 Millionen, ein Sprung von 55%, wie der Schweizer Börsenbetreiber SIX in seiner letzte WocheExterner Link veröffentlichten Jahresbilanz mitteilte.

"Die Menschen hatten mehr Zeit zu handeln, während sie zu Hause blieben, und investierten mehr in den Aktienmarkt als in andere Sektoren", kommentierte der Makrofinanzprofessor Michel Girardin. "Geld ist billig, und es gibt derzeit nicht viele Alternativen in Bezug auf Investitionen", bemerkt der Spezialist Dusan Isakov.

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Auch viele Zulieferer der pharmazeutischen Industrie haben sich gut entwickelt, was aber nicht unbedingt auf die Branchenriesen Roche oder Novartis zutrifft: Sie haben die Produktion von Basismedikamenten oder Impfstoffen längst aufgegeben und haben somit von der Pandemie nicht besonders profitiert.

Die Aktie des Stellenvermittlers Adecco, die im Frühjahr geschäftsbedingt enorm gelitten hatte, erholte sich in der ersten Jahreshälfte um fast 37% und liegt nun wieder auf dem Niveau von Anfang 2020. Da sich die wirtschaftlichen Aussichten verbessern, wird eine stärkere Nutzung von Zeitarbeit erwartet.

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Schlechtes Jahr für Versicherungen

Am anderen Ende des Spektrums war 2020, wenig überraschend, kein gutes Jahr für Versicherungen. Der Rückversicherer Swiss Re ist das Schlusslicht im SMI (-23%), während Swiss Life und Zurich Insurance ebenfalls eine negative Performance aufweisen.

Die beiden Schweizer Giganten der Uhren- und Luxusgüterbranche, Richemont und Swatch Group, haben im vergangenen Jahr sehr unterschiedliche Entwicklungen erlebt. Obwohl beide Konzerne im Frühjahr stark gelitten haben, hat sich Richemont seitdem gut erholt und verzeichnet nun ein Plus von 8% auf Jahressicht, während die Swatch Group immer noch hinterherhinkt (-9%).

Für den Professor für internationale Finanzen Dusan Isakov könnte der Unterschied somit erklärt werden, dass Richemont sich mit Internet-Vertriebskonzernen wie dem chinesischen Unternehmen Alibaba zusammengetan hat und sich nicht auf den Verkauf in physischen Boutiquen beschränkt.

Makro-Finanzspezialist Michel Girardin sieht darin auch den Effekt der starken Erholung in Asien, insbesondere in China, und den Ausdruck einer Positionierung im Luxussegment, die Richemont mehr bevorzugt als Swatch.

Generell stellt Michel Girardin fest, dass Ende 2020 eine "sektorielle Rotation" stattgefunden hat. "Man war bisher eher defensiv positioniert, mit Aktien etwa von Nestlé, Roche oder Novartis", deren Wertentwicklung recht stabil sei, erklärt der Ökonom. Aber seit der Ankündigung von Impfstoffen "wollten viele Investoren in zyklische Aktien investieren." Industrie-Unternehmen wie Sika haben von dieser Entwicklung profitiert.

Diese stärker von der Konjunktur abhängigen Aktien können höhere Renditen bringen, sind aber auch risikoreicher. Ein Zeichen dafür, dass die Investoren daran glauben, dass 2021 das Jahr der Erholung sein wird.

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