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Die Pandemie macht Milliardäre – und ihre Berater – reicher

Jack Ma, Chinas reichster Mann und Gründer des E-Commerce-Giganten Alibaba, hat Berichten zufolge seinen Nettowert dieses Jahr bisher um 45% gesteigert. Keystone / Jorge Silva / Pool

Die Welt erholt sich von den wirtschaftlichen Nachbeben der Coronavirus-Pandemie. Aber für die Schweizer Banken, welche die Gelder der Superreichen der Welt betreuen, ist ein Boom angesagt.

Dieser Inhalt wurde am 26. Oktober 2020 - 17:00 publiziert
Sam Jones und Valentina Romei, Financial Times

Dutzende der äusserst diskreten Schweizer Privatbanken – wie Lombard Odier, einst Kreditgeber Napoleons – erlebten dieses Jahr, wie die Vermögen ihrer Kunden in die Höhe schnellten.

Auch die Grossbanken profitieren davon: Letzte Woche meldete die in Zürich ansässige UBS, deren Privatbankgeschäft das grösste Volumen der Welt umfasst, das beste Quartalsergebnis seit einem Jahrzehnt. Diese Woche wird die Rivalin Credit Suisse voraussichtlich ein ähnliches Ergebnis vorlegen.

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"[Unsere Kundinnen und Kunden] gerieten während des Ausverkaufs an den Finanzmärkten nicht in Panik", sagte Sergio Ermotti, Chief Executive von UBS, gegenüber der Financial Times. "Stattdessen nutzten sie diesen zum Aufbau von Positionen."

Laut dem Internationalen Währungsfonds wird erwartet, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 4,4 Prozent schrumpft – die stärkste Schrumpfung in der modernen Geschichte – und Millionen Menschen in die Armut stürzt.

Doch die Milliardäre der Welt wurden nach Angaben der UBS im Vergleich zu 2019 reicher. Der Trend, der von Brasilien über China bis hin zu den USA und Deutschland zu beobachten ist, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Pandemie die Ungleichheiten vertiefen könnte.

Coronavirus vernichtete 17,5 Bio. $

Im vergangenen Jahr stieg das Gesamtvermögen der Haushalte (von Privatpersonen gehaltene Gelder) laut dem Global Wealth Report 2020 der Credit Suisse um 10% auf 399,2 Billionen Dollar.

Zwischen Januar und März dieses Jahres vernichtete das Coronavirus 17,5 Billionen Dollar. Der Bericht erwartet aber, dass sich der globale Wohlstand bis Ende 2020 auf das Niveau von 2019 erholen wird, besonders im Nachgang von erneuten Gewinnen in China und Indien.

Die Credit Suisse sagt, dass es wie bei der Finanzkrise von 2008 "keine eindeutigen Beweise dafür gibt, dass die Pandemie systemisch Gruppen mit höherem Wohlstand gegenüber Gruppen mit niedrigerem Wohlstand oder umgekehrt begünstigt hat".

Forscher weisen darauf hin, dass die Gesamtzahl der "Ultra-High Net Worth Individuals" (Personen mit einem Vermögen von mindestens 50 Mio. $) in den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 leicht zurückgegangen ist.

Die Credit Suisse weist nachdrücklich darauf hin, dass der Anteil der obersten 1% am globalen Gesamtvermögen seit Beginn des Jahrtausends stetig abgenommen habe. Die Bank sagt, die Fokussierung auf den gestiegenen Wohlstand von Tech-Unternehmern verfehle den Punkt, dass andere Tycoons, zum Beispiel im Einzelhandel oder in der Modebranche, einen Rückgang ihres Vermögens hätten hinnehmen müssen.

(swissinfo.ch/mga)

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Einige Bankiers glauben, dass es den Superreichen zuletzt 2009 so gut ging, nach der grossen Finanzkrise. Wie damals war die Krise eine ebenso grosse Investitionschance wie eine Bedrohung. Diesmal allerdings ist der Umfang des Reibachs weitaus grösser, dank der schnelleren Reaktion der Regierungen und Zentralbanken, die den Rückschlag abfederten.

"Im Vergleich zu '08, '09 kam sofort ein enormer Stimulus in das System", sagte Ermotti, der diese Woche nach neun Jahren an der Spitze der Bank zurücktritt. "Und es gab bereits reichlich Liquidität, aber sehr wenige Märkte, um diese zu platzieren. Infolgedessen haben sich die Vermögenspreise auf den Finanzmärkten sehr gut gehalten."

Vor weniger als einem Jahr noch ärgerten sich Wallstreet-Analysten über die wilden Bewertungen der Technologieaktien. Die Pandemie spülte all diese Bedenken weg.

Der Netto-Vermögenswert von Amazon-Chef Jeff Bezos stieg von Mitte März bis Mitte September um 73 Milliarden Dollar (66 Millionen Franken). Dies dank seiner Beteiligungen an der Firma, so ein Bericht des Institute for Policy Studies, einer US-amerikanischen Denkfabrik.

Im gleichen Zeitraum erfreuten sich Mark Zuckerberg, Chef von Facebook, und Elon Musk, Chef von Tesla und SpaceX, jeweils eines Vermögenszuwachses von mehr als 45 Milliarden Dollar.

In China, der weltweit am schnellsten wachsenden Brutstätte für Superreiche, wurden in diesem Jahr 257 Menschen Milliardäre. Und die etablierten Tycoons des Landes hatten nicht weniger Glück.

Jack Ma, Gründer der Handelsplattform Alibaba, steigerte sein Nettovermögen in den vergangenen zehn Monaten um 45 Prozent. Er ist jetzt 58,8 Milliarden Dollar schwer, so der Hurun-Bericht, der die Geschicke der chinesischen Oligarchen beobachtet. Seitdem der Bericht vor 22 Jahren das erste Mal erschienen ist, gab es noch nie ein Jahr, in dem der Reichtum jener, die im Bericht erwähnt werden, so sehr gewachsen ist.

Ratschlag an Reiche: nicht verkaufen

Die augenfälligen Erfolge der Promi-Milliardäre sind aber nur die Hälfte des Bildes. Die Pandemie machte die Reichen auf der ganzen Linie reicher. Für viele war jener Rat der Schlüssel, den ihnen ihre Bankiers gleich zu Beginn der Krise gegeben hatten: Verkaufen Sie nicht.

"Wenn Sie im Februar oder Anfang März in Panik geraten wären und verkauft hätten, wäre es sehr schwierig gewesen, zurückzukommen, weil sich der Markt so schnell erholt hat", sagt Nicole Curti, Leiterin des Schweizer Zweigs des Vermögensberaters Stanhope Capital.

Curti erzählt das Beispiel zweier wohlhabender Brüder, die Stanhope berät: Der eine verkaufte sein Portfolio, als die Pandemie zuschlug. Der andere hielt das Risiko aus. Er sah sein Vermögen in diesem Jahr um sieben Prozent wachsen. Sein Bruder trat auf der Stelle. "Es war emotional schwierig, aber der Schlüssel zum Erfolg in diesem Jahr war, die Investitionen zu halten", sagt Curti.

Lombard Odier, das 287 Milliarden Franken von Millionären und Milliardären aus der ganzen Welt betreut, begann bereits im Februar damit, seinen Kundinnen und Kunden zu sagen, dass sie in den sich panisch verhaltenden Märkten Kapital einsetzen sollten.

Im Januar beauftragte die Bank fast alle ihre quantitativen Analysten mit einem Projekt, so viele öffentliche Daten über Wirtschaftsindikatoren wie möglich zu sammeln: von Verkehrsdaten in asiatischen Städten bis hin zu Daten aus Krankenhäusern in US-Bundesstaaten.

"Es wurde uns schon sehr früh bewusst, dass trotz der verschiedenen Lockdowns und trotz klarer Einbrüche in einigen Wirtschaftssektoren – wie etwa bei den Fluggesellschaften – andere Sektoren sehr lebendig blieben", sagt Frédéric Rochat, einer der sieben geschäftsführenden Gesellschafter von Lombard Odier. "Seit Februar waren wir in dieser Hinsicht sehr konsequent. Steigen Sie nicht aus. Bauen Sie Sicherungen ein."

Goldene Zeiten

Vor allem eine solche Absicherung wurde von vielen Schweizer Bankiers und Vermögensberatern in diesem Jahr mit grossem Erfolg für ihre Kunden vorangetrieben: Gold. Das Edelmetall erreichte im August ein Rekordhoch von 2073 Dollar pro Unze.

Der Goldkauf war die logische Konsequenz der enormen staatlichen Stimuli, welche die Aktienmärkte belebten. So wie die Reichen von den öffentlichen Ausgaben profitierten, welche die Börsenbewertungen stabil hielten, profitierten sie auch von den Ängsten, die durch die dadurch nötige enorme Staatsverschuldung entstanden.

Viele der Reichsten der Welt erwarten, dass sich diese Entwicklung fortsetzen wird, wenn die wahren wirtschaftlichen Kosten der Pandemie deutlicher werden. Steigende Aktienpreise im Tech- und anderen Nischensektoren sind die kurzfristige Folge der Krise, sagt Herr Rochat.

Längerfristig erkennten viele Investoren, dass die Inflation ein Comeback erleben könnte – sogar noch mehr als in den Jahren 2007 und 2008, "als wir begannen, mit dieser experimentellen Fiskalökonomie zu spielen".

Copyright The Financial Times Limited 2020

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